Seit geraumer Zeit vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwo ein raumgreifender Bericht über China platziert wird. Nicht ohne Grund, erscheint doch in unserem imaginären Koordinatensystem das Reich der Mitte als jener Ort, an dem die Ordnung der Dinge aus den Fugen gerät. Zudem haben Lifestyle-Magazine es zum Erfahrungsraum einer Dritten Moderne erklärt, Shanghai und Peking zu „hot spots“ ausgerufen. In dieser – freilich von falschem Pathos nicht freien – „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ nehmen Architektur und Städtebau einen Löwenanteil ein. Und es gibt ein ganz bestimmtes Wahrnehmungsmuster. Den chinesischen Urbanismus rezipiert man als eine rasante, ikonoklastische Metamorphose, seine baulichen Hervorbringungen als spektakuläre Mixtur aus High-End-Branding und purer Massenware.
Doch wie sieht die Architekturszene des Landes tatsächlich aus? Was sind die prägenden Bedingungen, auf welche Referenzen bezieht man sich? Gibt es ein gemeinsames Bemühen, eine nationale Sprache zu finden? Oder umgekehrt, wie stark prägt die Globalisierung auch die Bauformen? Zwei in Art und Umfang ähnliche Bücher wollen nun Auskunft geben. Das eine, „Zeitgenössische Architektur in China“, rückt eine Auswahl von 33 Beispielen ins rechte Licht, hält dabei die Waage zwischen internationalen Großprojekten und den Bauten jüngerer einheimischer Architekten, die sich mehr und mehr von der anonymen Masse der halbstaatlichen Projektinstitute und universitären Planungsbüros emanzipieren. Der einleitende Text von Christian Dubrau bohrt nicht sonderlich tief – zudem stellt er eher auf die Rolle deutscher Architekten ab –, dafür aber ist er weniger unkritisch als bei solch eher affirmativen Bildbänden üblich: „Der große Teil der gebauten Architektur kombiniert unter Missachtung von Konzept und Bedeutung alles irgendwie mit allem. Bis auf wenige Ausnahmen ergibt sich eine gleichförmig aufregende und eklektisch-symbolisch überfrachtete ,Karaoke-Architektur‘. Nicht ohne Reiz, gleichwohl austauschbar und ohne jeden innovativen Wert.“ Eine eigenständige Szene gedeiht gerade außerhalb der dominanten Metropolen; gleichsam in der Nische, in der die großen nationalen Interessen nicht tangiert und die Individualitäten einer sich bildenden Mittelschichtselite bedient werden. So haben etwa Ai Weiwei oder Ma Qingyun mit unangepassten Entwürfen für Privathäuser, Restaurants und Läden Karriere gemacht; doch auch ihre Nachfolger, die sich Namen wie Urbanus, TM Studio oder standardarchitecture geben, bringen frischen Wind in ein Baugeschehen, das gleichwohl unübersichtlich bleibt. Die Spannbreite reicht vom 2008 fertiggestellten Historischen Museum in Ningbo (AmateurArchitectureStudio), das sich aus der Grundform einer kargen Box zu einem monumental zerklüfteten Gebirgsmassiv aus Mauerziegeln auffaltet, über die Künstlerresidenz in Songzhuang (DnA) – zwanzig scheinbar willkürlich gestapelte Baukörper, die in toto einen organischen Eindruck vermitteln – bis hin zum technoid-hügelartigen Guanghuala-Gebäude in Peking des Büros MADA s.p.a.m.
Nachhaltiges Bauen gibt es auch längst in China
Wenn angesichts solcher Bilder Faszination die Skepsis besiegt, dann mag dies auch darauf zurückzuführen sein, dass Nachhaltiges Bauen, Ressourcenschonung und energetische Gebäudesanierung in China mittlerweile keine Fremdworte mehr sind. Zumindest ist das die Botschaft des zweiten Bandes, „Contemporary Green Buildings“. Als Beleg werden darin 40 Best-Practice-Beispiele angeführt – auf eine zusammenfassende Erörterung indes verzichtet. Als Ouvertüre fungiert der Beijing Moma Apartements Complex von Steven Holl: Ein Geviert 20-geschossiger Hochhäuser mit großzügigen Lochfassaden und Luftbrücken, das man eher in Barcelona oder Kopenhagen vermuten würde, und dessen Nachhaltigkeit insbesondere einem Erdwärmepumpensystem geschuldet ist. Als Beispiele für einen zukunftsfähigen Städtebau dienen etwa die Sino-Singapore Tianjin Eco-City oder die Yulong New Town; sie werden anhand malerisch-bunter Lagepläne und einigen Stimmungsfotos der Umgebung vorgestellt, bleiben in ihrer ökologischen Prägnanz wie auch ihren Zukunfstaussichten jedoch eher vage. Unmittelbar aussagekräftiger sind da Projekte für Wohnhäuser in Eigenbau, wie sie Hsieh Ying Chun in Sichuan propagiert, oder auch ein Werk des Künstlers Wang Nanming, der die Rissbildung eines trockengefallenen Flusses auf Reispapier bannt: Was wie ein abstraktes Bild wirkt, ist – im Wortsinne – Abdruck einer Umweltkatastrophe. Im Abschnitt „Geschichte mit Zukunft verbinden“ schließlich stößt man auf den „Plot 6“ im Jiangsu Software Park: Die sechs mehrgeschossigen Hofhäuser der Architekten Liu Yichun und Chen Yifeng mit ihrem Wechsel aus massiven weißen Wänden und einer filigranen, hölzernen Wabenstruktur erzeugen eine bildmächtige Symbiose zwischen Alt und Neu. Ähnlich gelungen erscheint auch die behutsame Sanierung des Viertels „Tian Zifang“ in Shanghai, dessen Gassen- und Blockstruktur der Shikumen-Häuser aus den 30er Jahren kleinteilig belebt werden konnte.
Schürfen diese beiden Bände an der Oberfläche, so geht der Anspruch einer dritten Neuerscheinung sehr viel tiefer: Sie will zum Wesenskern dessen vordringen, was die Spezifik des (Städte)Bauens in China in geschichtlicher Dimension ausmacht. Dazu muss seine Autorin, die Tübinger Sinologin Susanne Stein, allerdings etwas weiter ausholen. Anders als der etwas spröde Titel und seine zeithistorische Einschränkung suggeriert, geht es um eine breite gesellschafts- und kulturhistorische Untersuchung.
Die politischen Ambitionen der jungen Volksrepublik China waren gewaltig: Namentlich sollten die bisherigen „Konsumentenstädte“ in urbane Stätten der „Produktion“ umgekrempelt werden. Das setzte diverse ökonomische Entscheidungen voraus, hatte aber auch dezidiert städtebauliche Konzepte zum Inhalt. Was im Westen meist als graues Einerlei sozialistischer Planwirtschaft – entweder genuin chinesischer Machart oder abgekupfert von sowjetischen Blaupausen – wahrgenommen wurde, deckt sich jedoch auf den zweiten Blick mit internationalen Visionen und war Teil eines weltweiten Wettbewerbs um „die Moderne“ in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Den semantischen Brennpunkt bildet dabei der Begriff „Aufbau“ (jianshe), der als Fortschrittsmetapher die 50er Jahre schlechthin prägte. Hüben wie drüben: Gerade der Wohnungsbau galt in den nationalen Modernisierungsstrategien der Nachkriegsgesellschaften als diejenige Maßnahme, die die unmittelbarste Überzeugungskraft „für jedermann“ besaß. Die haptische Ästhetik geometrischer Bauformen (von Harbin bis Guangzhou), aber auch suggestiv-pathetische Bilder in Publikumszeitschriften bieten dafür sprechende Belege.
Funktionstrennung, effiziente Infrastruktur, in sich geschlossene Wohngebiete (neighborhood units): Die Konzepte und (stadt)räumlichen Muster glichen einander; in Ost und West sei „ein identischer Kanon moderner Ordnungsvorstellungen zum Vorschein“ gekommen. Allein, man bemühte sich – gerade in Zeiten des „kalten Krieges“ – zugleich sehr darum, dies unter gegensätzlichen ideologischen Etiketten zu verbergen.
Der Aufbau des Landes beruht nicht auf Partizipation, er wird angeordnet
Ausgebreitet wird hier keine blutleere Theorie, sondern ein überraschend buntes Kaleidoskop, das Motive und Sachlogiken hinter diversen sozialtechnischen Entwürfen, aber auch individuelle Kalküle von wichtigen Protagonisten (wie Liang Sicheng oder Li Fuchun) offenlegt. Und es ist mehr als ein ironisches Apercu, wenn die Autorin schließlich festhält, dass der „Aufbau“ nach wie vor aktuell ist. Doch während er seinerzeit vornehmlich auf ein endogenes Potential, nämlich seine Mobilisierungskraft auf Basis einer breiten gesellschaftlichen Partizipation setzte, scheint er heute ein Konzept zu sein, „das ,von außen‘ und ,von oben‘ an die Peripherien der modernen Gesellschaften getragen wird“ – ob nun in Afghanistan, Haiti oder im Kosovo.
Auf ebenso fundierte wie beredte Weise gelingt es Susanne Stein, größere Zusammenhänge zu skizzieren; sie gibt damit eine Handreichung, aktuelle urbanistische Entwicklungen in China (anders) einordnen zu können. Wie stark all dies einen Widerschein in der zeitgenössischen Situation hat, zeigen neuerliche Parallelen, etwa im Umgang mit der „Architektur der Nachkriegszeit“: Wenn heute in China lediglich „die repräsentativen Solitäre des ,Aufbaus‘ vor der Abrissbirne“ bewahrt und sogleich „mit aktueller Symbolik“ aufgeladen werden – dann kommt einem das doch sattsam bekannt vor, oder?
Die Bücher
Susanne Stein: Von der Konsumenten- zur Produktionsstadt. Aufbauvisionen und Städtebau im Neuen China, 1949–1957 (Reihe: Ordnungs-
systeme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit Bd. 31) Oldenbourg Verlag, München 2010. 435 S., 107 Abb., geb. 59,80 Euro.
Zeitgenössische Architektur in China. Bauten und Projekte 2000-2020. Von Christian Dubrau DOM-publishers, Berlin 2010, 400 Seiten, über 400 Abb., geb. 78 Euro.
Contemporary Green Buildings in China. Arts and Architecture for Sustainability 2000-2020 Edited by Christian Dubrau and Li Xiangning(Deutsch/Englisch/Chinesisch) DOM-publishers, Berlin 2010, 336 Seiten, über 300 Abb., geb. 78 Euro.