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Das provozierendste Städtebaubuch aller Zeiten: Abgesang auf die Stadtplanung

Vor 50 Jahren erschien Jane Jacobs’ einflussreiche Streitschrift „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“ - und revolutionierte damit auch das Verständnis von Stadtplanung in der Bundesrepublik.

Ansichten von Los Angeles aus dem Jahr 1969.
Ansichten von Los Angeles aus dem Jahr 1969.
Foto: Getty Images

Dem technokratischen Ordnungsdenken der Moderne widerstrebt das Faktische lebensweltlicher Komplexität. Kaum irgendwo zeigt sich das deutlicher als in den Urbanitätsdiskursen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit Le Corbusiers Plan Voisin und der Charta von Athen avanciert das Paradigma der funktionalen Trennung zum Leitbild des Städtebaus. Generationen fortschrittsgläubiger Stadtplaner zerlegen gewachsene Städte mit brachialer Gewalt in ein zusammenhangloses Nebeneinander aus Arbeit, Wohnen, Konsum und Freizeit, zerschnitten von einem Netz aus Schnellstraßen und Stadtautobahnen. Modernistische Planungsexzesse, denen historische Stadtviertel, intakte Nachbarschaften und gemischte Nutzungsstrukturen zum Opfer fallen.

Anfang der 1960er Jahre wird, zunächst in den USA, die Kritik an den Auswüchsen moderner Stadtplanung unüberhörbar. Als Erste und vielleicht am radikalsten erhebt die New Yorker Journalistin, Buchautorin und Stadtforscherin Jane Jacobs ihre Stimme gegen die Zerstörung amerikanischer Städte, die unter dem Deckmantel von „Stadterneuerung“ und „Slum-Bereinigung“ daher kommt. Jacobs, 1916 in Pennsylvania geboren, 2006 in Toronto gestorben, veröffentlichte 1961 im Random-House-Verlag die Streitschrift „The Death and Life of Great American Cities“ (auf Deutsch „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“, 1963) – und revolutionierte damit das Verständnis von Stadtplanung auch in der Bundesrepublik. Rezensenten feierten die deutsche Ausgabe als „unkonventionellstes und provozierendstes Städtebaubuch aller Zeiten“, in seiner Wirkung vergleichbar nur noch mit Wolf Jobst Siedlers „Die gemordete Stadt“ von 1964 und Alexander Mitscherlichs Klassiker „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ aus dem Jahr 1965.

Stadtplanung stellt sich von oben häufig ganz anders dar als von unten.
Stadtplanung stellt sich von oben häufig ganz anders dar als von unten.
Foto: Getty Images

Keine kosmetische Korrekturen

Autorin Jacobs lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich nicht mit kosmetischen Korrekturen an der „orthodoxen Stadtplanungstheorie“ aufzuhalten gedenkt, deren Wurzeln sie zurückverfolgt bis zu Ebenezer Howards Gartenstadtidee. Gleich im ersten Satz bläst sie zum „Angriff auf die landläufige Stadtplanung und den landläufigen Umbau der Städte“. Auf der Strecke bleibt die gesamte Disziplin, entlarvt als „Pseudowissenschaft“, getragen von der Idee, Städte nach abstrakten Prinzipien zu ordnen, statt aus den praktischen Erfahrungen urbanen Lebens zu lernen, wie Großstädte im Allgemeinen und intakte Nachbarschaften im Besonderen funktionieren.

Ein Blick auf New York in den 1960er Jahren.
Ein Blick auf New York in den 1960er Jahren.
Foto: Getty Images

Jane Jacobs geht nun den umgekehrten Weg, sie belässt es nicht bei der Kritik, sondern taucht ein in die lebendige Vielfalt jener Viertel von New York, Boston, Chicago, Philadelphia oder Los Angeles, die in der Logik der Planungsbürokratie als dringend sanierungsbedürftige „Slums“ firmieren. Mit der Neugierde der Entdeckungsreisenden beobachtet sie die Menschen auf den Straßen, spricht mit den Bewohnern, den Geschäftsleuten, den Politikern, den Immobilienhändlern und den Bankern. Und sie macht dabei eine erstaunliche Entdeckung: „In einer Stadt nach der anderen verfallen gerade die Bezirke, die es nach der Planungstheorie nicht dürften“, nämlich jene eintönigen Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus, die seinerzeit als Musterbeispiele städtebaulicher Rettungsaktionen gepriesen wurden.

Dagegen „widerstehen gerade die im Sinne der Planungstheorie längst überfälligen Bezirke dem Verfall“. Und das, wie Jacobs schnell herausfindet, nicht trotz, sondern wegen ihrer alten, kleinteiligen und gemischten Bausubstanz, wegen der dichten Mischung von Arbeitsplätzen, Geschäften, Wohnungen, Kneipen und Restaurants.

Genau diese „Mannigfaltigkeit“ der Nutzungen sorgt, so die zentrale These ihrer Streitschrift, nicht nur für die Vitalität und Sicherheit eines Stadtviertels, sondern steht auch dem wirtschaftlichen Wohlergehen nicht entgegen, wie es die Vertreter der funktionalen Trennung unisono behaupteten. Denn die Vielfalt der Nutzungen macht es möglich, dass sie sich gegenseitig wirtschaftlich und sozial stützen. Sie garantiert gleichzeitig die intensive Nutzung des öffentlichen Raums, fördert persönliche Kontakte und sorgt damit für ein hohes Maß an Sicherheit auf Straßen und Plätzen. Und das wiederum trägt dazu bei, dass sich die Bewohner mit ihrem Viertel identifizieren.

Ihre Auseinandersetzung mit der konventionellen Stadtplanung führt Jacobs nicht nur mit spitzer Feder. Ende der 50er Jahre zählt sie zu jener kleinen Schar von Aktivisten, die es erstmals wagt, sich New Yorks mächtigem Planungschef Robert Moses entgegenzustellen. Jane Jacobs und ihre Mitstreiter schaffen, was niemand für möglich hielt: Sie bereiten dem Mann gleich zwei entscheidende Niederlagen, der der Stadt New York dreißig Jahre lang seine städtebaulichen Visionen eingeschrieben hatte und sich gerne mit dem legendären Pariser Stadtplaner Georges-Eugène Haussmann verglich. An dem organisierten Bürgerprotest scheitern nicht nur Moses’ Pläne für den Abriss mehrerer als Slums deklarierter Häuserblocks in Jane Jacobs’ Wohnviertel Greenwich Village. Jacobs’ Initiative verhindert auch den Bau einer vierspurigen Autobahn durch das Quartier, dem nach dem Willen der Planer eines seiner bekanntesten Wahrzeichen – der Washington Square – geopfert werden sollte.

Städtebau des 21. Jahrhunderts

Mit der Diskussion um die „Europäische Stadt“ und im New Urbanism, der sich jenseits des Atlantiks anschickt, die amerikanische Kleinstadt neu zu erfinden, scheint der Städtebau zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder bei jener Vorstellung von Stadt angelangt zu sein, gegen die die Modernisierer ein Jahrhundert zuvor zu Felde gezogen sind. Planungstheorie und -praxis feiern inzwischen die Vorzüge jener vielfältigen und kleinteiligen Mischung, die Jacobs zu den unabdingbaren Voraussetzungen für vitale Großstadtviertel zählte. Oft allerdings, ohne ihre Warnung ernst zu nehmen, dass sich funktionierende Viertel und lebendige Nachbarschaften nicht am Grünen Tisch planen lassen, weder nach europäischem Vorbild noch in der disneyfizierten Variante des New Urbanism.

Es hieße jedoch Jane Jacobs’ Buch gründlich misszuverstehen, wollte man behaupten, sie sei grundsätzlich gegen öffentliche Planung auf lokaler Ebene. Diese Lesart ihrer Thesen brachte ihr von konservativen Kritikern den Vorwurf ein, sie propagiere die anarchistische Stadt aus kleinen selbstregulierten Einheiten, während Vertreter neoliberaler Stadtpolitik ihr Buch als Plädoyer für völlige Deregulierung verstanden. Dagegen sieht Jacobs in Flächennutzungs- und Bebauungsplänen durchaus sinnvolle Instrumente, um die zerstörerische Wirkung einseitiger Nutzungen auf Stadtviertel zu vermeiden und umgekehrt eine breite Durchmischung sicherzustellen. Und sie fordert ausdrücklich öffentliche Interventionen in den Wohnungsmarkt etwa in Form von Mietpreisgarantien, um diejenigen in ihren Vierteln zu halten, die sich eine Wohnung auf dem freien Markt nicht leisten können.

Als Jane Jacobs im April 2006 wenige Tage vor ihrem 90. Geburtstag in Toronto starb, wohin sie 1968 aus Protest gegen den Vietnam-Krieg mit ihrer Familie ausgewandert war, hinterließ sie ein auf neun Bände angewachsenes Werk. Auch in ihren späteren Arbeiten widmet sie sich immer wieder zentralen Fragen der Stadtentwicklung und liefert nach, was Kritiker zu Recht an „The Death and Life of Great American Cities“ vermissten: die Analyse der politischen und wirtschaftlichen Ursachen für die Krise amerikanischer Städte. Gerade deswegen bleibt ihr Werk bis heute aktuell.

Autor:  Werner Girgert
Datum:  17 | 2 | 2011
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