kalaydo.de Anzeigen

David Chipperfields Museum Folkwang: Zeichen und Raumwunder

Vom morgigen Samstag an präsentiert sich die Sammlung des Essener Museums Folkwang mit einem neuen Kunstwerk. Ein Neubau aus der Hand des Architekten David Chipperfield. Von Christian Thomas

Minimale Zeichen, die Wunder wirken, außen wie innen: Blick auf Hanging Men (2007) eine Installation von  Joep van Lieshout.
Minimale Zeichen, die Wunder wirken, außen wie innen: Blick auf "Hanging Men" (2007) eine Installation von Joep van Lieshout.
Foto: Julian Stratenschulte/dpa (2)

Mark Rothko ist zu sehen, etwa mit einem seiner dahinfließenden Wunderwerke, sowieso Minimalismus auf engstem Raum, ob von Lucio Fontana oder Yves Klein. Was dagegen von Sam Francis, Barnett Newmann oder Gerhard Richter stammt, steht gewiss auf einem anderen Blatt, denn die Liste der Kunst nach '45 ist lang, sie ist ganz famos, sie liest sich nicht wie die aktuelle Mannschaftsaufstellung von RW Essen, aber ganz bestimmt nicht, da hat die permanente Sammlung dieses Hauses wahrhaftig ein anderes Format, und das hat sie nicht erst im Kulturhauptstadtjahr, seit dem 1.1. 2010.

Vom morgigen Samstag an präsentiert sich die Sammlung des Essener Museums Folkwang mit einem neuen Kunstwerk. Es stammt von dem Architekten David Chipperfield. Wen man wiederum mit Chipperfield, bei aller Künstlerprominenz sonst, ununterbrochen antrifft, ist der Geist Mies van der Rohes, beharrlich, auf Schritt und Tritt. Der Folkwangbesucher hat das neue Haus noch gar nicht betreten, da empfängt ihn ein Innenhof, von Glasflächen gerahmt, von Stahlprofilen rhythmisiert. Das Atrium wird vom rechten Winkel beherrscht, ja, sicher, in der Manier von Mies.

Zur Sache

Das Folkwang-Museum in Essen eröffnet am Samstagmorgen. Es zählt zu den bundesweit herausragenden Häusern wegen seiner Sammlung mit Künstlern der klassischen Moderne. Möglich wurde die Finanzierung durch die in dieser Höhe wohl einmalige 55-Millionen-Einzelspende der Krupp-Stiftung unter ihrem Kuratoriumsvorsitzenden

Berthold Beitz.

Ab Ende März werden in einer Sonderausstellung Bilder des Hauses gezeigt, die im Nationalsozialismus verkauft oder beschlagnahmt worden waren. (fr)

Die Schaufront, von der Bismarckstraße aus fotografiert.
Die Schaufront, von der Bismarckstraße aus fotografiert.
Foto: dpa

Nichts Neues unter der Sonne, so mag der Dauergelangweilte gelangweilt einwenden. Wenn denn der Gedanke, dass man nicht jeden Montagmorgen die Baukunst neu erfinden könne, nicht ein weiterer unter den vielen klugen Gedanken Mies van der Rohes wäre, so dass sich das Tageslicht, weil ihm keine andere Wahl bleibt, auch im Essener Folkwangmuseum verbreitet. Das geschieht dann nicht nur aus verschiedenen Himmelsrichtungen, sondern, weil allein das Museumsdach unzweifelhaft eine Dachlandschaft ist, durch Sheddächer, Flachdächer, aufgepflanzte Dachlaternen. Es sickert Tageslicht sehr, sehr unterschiedlich in die Räume, gefiltert über Membranen, strengstens kontrolliert, auch das, aber so gut wie permanent präsent.

In der Tat ist das neue Museum Folkwang, bei allem, was es sonst noch ist, so etwas wie ein Präsentationsraum der Transparenz. Chipperfield hat sich im Grunde an Mies´ Montagmorgen-Sinnspruch gehalten. Zum Credo zählten auch: Reduktion der Mittel allenthalben, Suggestion des Schwebens.

"Jahrhundertereignis": Museum Folkwang eröffnet

Bildergalerie ( 6 Bilder )

Das beginnt bereits an der Bismarckstraße. Ab sofort ist es anstelle der rückwärtig-geruhsamen Goethestraße eine turbulent-lärmige, fünfspurige Schnellstraße, an der das Entree liegt, angefangen von einer Freitreppe, denn alles andere als von A nach B, auf direkten Wege geht´s ins Kunsthaus. In ein solches Milieu soll der Mensch auch hier nicht hineinstolpern, hat er aber die schöne Schwelle überwunden, hat er sich eingefunden im Foyer. Hier ordnen sich die Räume zu einem Raumgefüge, mit Durchblicken und Ausblicken, von Museumsraum zu Museumsraum, von Innenhof zu Innenhof. Gerahmt und wie aus der guten alten Zentralperspektive in den Fokus gestellt, zeigt sich eine Essener Gründerzeitvilla.

Sie zählt in der Umgebung des Museums zu einem Architekturerbe, zu dem zweifellos Ernst Bodes decoarartiges Glückaufhaus von 1923 zählt, auch Franz Schwechtens neoromanische Erlöserkirche. Und auch wenn zur gesitteten Tradition ganz gewiss das Kulturwissenschaftliche Institut im ehemaligen Hauptsitz der Steag gerechnet werden muss, so ganz gewiss nicht das Mercure Hotel oder das Jobcenter. Das nackte Grauen!

Einmal mehr hat Chipperfield in eine heterogene Umgebung eine uralte Ordnung hineingebracht, das ABC des Bauens: mit Basis, Stütze, Gebälk. Auch Mies variierte dieses Thema mit seiner grandiosen Berliner Nationalgalerie, wenn auch mit anderen Materialien, ausschließlich mit Glas und Stahl. Chipperfield hat sein Museum auf einen Sockel aus Betonwerkstein gestellt, die alabasterfarbige Fassade, die, abhängig vom Tageslicht und der Intensität der Sonne, sich mal grau, mal aquamaringrün zeigt, besteht aus rechteckigen Glasplatten.

Das Material wurde aus gebranntem Altglas recycelt, wobei die lichtdurchlässige Fassade, dort, wo Mies für seine Bauwerke die berühmten Stahlprofile wählte, von schmalen Glasstreifen rhythmisiert wird. Man darf an Lisenen aus Glas denken.

Wie auch andernorts, so gründete Chipperfields Entdeckerfreude in Essen ebenfalls nicht in einem hektischen oder grellen Zeitgeist, sondern ganz im Gegenteil: in historischer Empathie. Entwickelt wurde das Folkwang-Raumwunder aus den Maßen und den Modulen des Vorgängerbauwerks, dem sogenannten Altbau von 1960, den Horst Loy und Werner Kreutzberger errichteten, der erhalten geblieben, aber noch nicht wieder zugänglich ist. Mit zwei hellen Glaspassagen wurde das historische Gebäude an den Neubau angedockt, da die technische Modernisierung noch nicht abgeschlossen ist, ist die Architekturpromenade noch nicht vollständig möglich - im denkmalgeschützten Altbau entlang der Schätze der klassischen Moderne, die das Folkwang berühmt gemacht haben, angefangen von Monet, Cézanne, Gauguin bis hin zu den Vertretern der Neuen Sachlichkeit.

Die noch ausstehende Wiedereröffnung des Altbaus wird das Chipperfield´sche Raumkontinuum endgültig aufschließen. Es wird eines aus unterschiedlichen Kuben sein. Vom Kassentresen aus Nussbaumholz, hinweg über einen geschliffenen Estrichboden, entlang an Wänden, die in feinst nuancierten Grautönen abgestuft sind, unter bis zu sechs Meter hohen Kassettendecken, kann sich der Besucher in einem Ensemble aus Pavillons verlaufen. Dazu laden ihn auch eine Fotografieabteilung ein oder aber Kabinette, die die Plakatkunst der letzten vierzig Jahre dokumentieren.

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Christian Thomas
Datum:  29 | 1 | 2010
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!