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Architektur

30. Juli 2011

Denkmäler: Der Stein der Weisen

 Von Robert Kaltenbrunner
Fälle für den Denkmalschutz. Schön eindeutig: Berliner Dom.  Foto: dpa

Vom Umgang mit Relikten: Was Denkmalschutz mit schlechtem Gewissen zu tun hat und warum er nicht auf diejenigen materiellen Spuren der Geschichte reduziert werden sollte, die nur wegen ihrer uns heute erschließbaren Schönheit erhaltenswert sind.

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Bei allem, was ich tue, kriege ich ein schlechtes Gewissen“, sagt Charlie Brown. Er hat soeben einen Kieselstein ins Wasser geworfen, was Linus zu der Bemerkung veranlasste: „Na toll! Dieser Stein hat viertausend Jahre gebraucht, um ans Land zu kommen, und jetzt hast du ihn einfach wieder reingeworfen.“ In den „Peanuts“ steckt ein hintergründiges Potenzial. Die obige Szene etwa kann man auch als Parabel auf den Gebrauchswert materieller Geschichtszeugnisse lesen. Als vor 35 Jahren unter dem Titel „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ das Europäische Denkmalschutzjahr abgehalten wurde, setzte es eine Welle der Denkmalbegeisterung in Gang. Inzwischen aber ist an deren Stelle eher Ernüchterung und schlechtes Gewissen getreten. Weshalb es geboten ist, über Verpflichtung und Perspektive von Baudenkmalen erneut nachzudenken.

„Denkmal“ wird seit Ende des 19. Jahrhunderts – in unverkennbar juristischer Diktion – definiert als Gegenstand von Menschenhand, an dessen geschichtlichen Spuren ein gesellschaftliches Erhaltungsinteresse geltend gemacht wird. Dabei war es noch vor nicht all zu langer Zeit üblich, dass ein altes Denkmal automatisch als wertvoller galt als ein weniger altes. Zudem gab es eine Rangordnung der Bauaufgaben, derzufolge eine Fürstenresidenz selbstredend bedeutsamer war als etwa ein Schlachthof.

Einerseits kann man es nur begrüßen, wenn solche Vorstellungen heute überwunden sind. Andererseits hat das auch zu großer Unsicherheit geführt. Nicht von Ungefähr ist ja beklagt worden, dass es eine spezifisch deutsche Überdehnung des Begriffs gebe, die das ästhetisch Wertvolle nach und nach durch das Kriterium des historisch Interessanten ersetzte. Zur gotischen Kirche sei zunächst die neugotische Kaserne, sodann jedes Fabrikgebäude gekommen, das in einem vergleichbar historisierenden Backsteinstil gebaut wurde. Man wirft dem Denkmalschutz also vor, dass er neben das Schöne das Hässliche stellt, wenn es nur alt genug ist, und dass gleichzeitig dieses Alte immer näher an die Gegenwart heran rückt.

Lieber auf vertrautem Feld

Der Appell, dass auch die anonymen materiellen Spuren der Geschichte unsere Beachtung und Pflege verdienen, weil sich auch in ihnen Unverwechselbarkeit und Identität manifestieren, wird all jene kaum begeistern, die sich angesichts des aktuellen Drucks auf die Profession nur zu gern auf die gesellschaftlich anerkannten Denkmalfelder zurückziehen. Barocke Schlösser, mittelalterliche Burgen oder historische Altstädte sind ungleich leichter unter Protektion zu stellen als beispielsweise karg anmutende Reihenhauszeilen, moderne Verkehrsbauwerke oder industrielle Relikte. Gleichwohl – und auch wenn es die breite Öffentlichkeit so sehen mag – lässt sich die Aufgabe nicht auf Denkmale reduzieren, die nur wegen ihrer uns heute erschließbaren Schönheit erhaltenswert sind.

Was freilich nicht heißt, nur noch apologetisch alles bewahren zu wollen, was an baulichem Erbe in Städten und Dörfern zu finden ist. Man muss mit den Relikten irgendwie umgehen. Bei aller darin wurzelnden Malaise scheint dafür eine enge Kooperation namentlich mit der Architektur dringend angeraten. Georg Mörsch, der so namhafte wie streitbare Züricher Hochschullehrer, weist in aller Entschiedenheit darauf hin, dass „in der Begegnung mit dem Denkmal als authentischem Dokument der neue architektonische Eingriff schöpferisch lesbar zu machen sei“. Die Nicht-Imitierbarkeit des Denkmals und das klar erkennbare Miteinander von Neu und Alt sind für ihn zwei Seiten der selben Medaille. „Die Offenheit der Begegnung von Alt und Neu verbietet der Denkmalpflege grundsätzlich, die Gestalt von Neubauten mit ähnlicher Eindeutigkeit durchsetzen zu wollen wie die Erhaltung der Substanz.“ Hans Döllgasts Oeuvre in München oder das von Luigi Snozzi im Tessin mögen diesbezüglich als bildhafte Reverenz dienen.

Umgekehrt müssen die Architekten ihre – subjektiv und psychologisch möglicherweise nachvollziehbaren – Ressentiments ad acta legen: Denkmalpflege ist weder als Angriff auf ihre künstlerische Freiheit, noch überhaupt als zentrale Restriktion gegen das Neue zu begreifen. Tatsächlich stellt sich die Frage, ob die Architektur noch bereit ist, gesellschaftliche Bindungen als verbindlichen Rahmen ihrer Tätigkeit zu akzeptieren, und ob sie nicht die Möglichkeiten formaler Gestaltung krass überschätzt. Gewiss aber braucht es ihre Kreativität – vorausgesetzt, die Architekten setzen sich intensiv mit der Geschichte der Bauten auseinander, reflektieren ihre Entstehungskontexte und Nutzungsgeschichte und ordnen sie ein.

Denn grundsätzlich gilt: Kulturelle Identität bilden wir ebenso aus dem, was wir erben, wie aus dem, was wir selbst dazutun. Wobei freilich die Geschichte dem menschlichen Leben gleicht: Sie wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.

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