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Architektur

05. Juni 2008

Der erste Preis ist heiß

 Von URSULA BAUS

Auch Netzwerkarchitekten machen ihre Erfahrungen mit einem Architektur- Wettbewerb in China

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Ein rabenschwarzes Zwerglein mit goldener Nase wird jedes Jahr als Trophäe für Rasierer, Handys, Saftpressen, Leuchten, Spargelschäler und vieles mehr verliehen, die als Plagiate formal und funktional hervorragend entworfener "Originale" angeboten werden. "Plagiarius" heißt der Zwerg, den zu bekommen niemandem zur Ehre gereicht. Vielmehr wird auf eine Kalamität hingewiesen, die auf einem weltweiten Markt in eine andere Dimension als unsere alltäglich bekannte hinein wächst.

Patent- und Urheberrecht

Der Plagiarius prangert Dreistigkeit und Einfallslosigkeit im Nachahmen von etwas an, was erfolgreich entworfen, produziert und vermarktet worden ist. Nur das Gute wird plagiiert, und in weiten Teilen der Welt wird dieser Frevel rechtlich geahndet. Oft geht es um sehr viel Geld, was die Geschädigten verständlicherweise vor den Kadi treibt. Die Japaner wuchsen mit Ideenklau schnell zu einer erst belächelten, inzwischen aber veritablen, weil auch qualitativ anerkannten Konkurrenz auf dem Weltmarkt, während dem Made in Taiwan oder Made in China noch immer der Ruf des Minderwertigen anhaftet. Dass die Initiative zur billigen Nachproduktion oft vom Ursprungsland ausgeht, sei auch nicht verschwiegen.

Der Ideenklau zeitigt in verschiedenen Bereichen unterschiedliche Konsequenzen, und gerade der Unterschied zwischen Produktdesign und Architektur tritt krass in Erscheinung: Während man ein Designstück kopiert, dann produziert und verkauft, ist ein Architekturentwurf in der Regel ein Unikat. Westliches Denken manifestiert sich analog im Unterschied zwischen Patent- und Urheberrecht - Patentrecht schützt die technische Erfindung, die zu einem Produktionsverfahren führen kann, während das Urheberrecht die individuelle Kreativität, das geistige Eigentum des Einzelnen davor bewahren soll, beliebig verwertet zu werden.

So reagiert ein Romanschriftsteller mit Recht sauer, wenn seine Geschichten unter einem anderen Namen auf den Büchertischen landen. Ein Opernregisseur gerät aus guten Gründen in Rage, wenn ein Konkurrent mit ähnlicher Inszenierung Lohn und Lob einheimst. Und genau so verhält es sich mit Architekten, die erfahren müssen, dass ein ausgereifter und, wenn er denn gebaut würde, imageträchtiger Entwurf von jemand anderem realisiert wird und international Aufsehen erregt, Anerkennung findet.

Netzwerkarchitekten, ein in Darmstadt ansässiges Büro, war von einem international tätigen Ingenieurbüro, das auch in Taiwan eine Zweigniederlassung unterhält, um die Zusammenarbeit für eine Metrostation gebeten worden. Für die Stationen der neuen Pekinger Metrolinie M5 waren Wettbewerbe ausgelobt worden, Netzwerkarchitekten hatten sich dann mit den Ingenieuren Jaakko Pöyry Infra daran beteiligt und den ersten Preis gewonnen. Inzwischen ist die Station in außen fast identischer, innenräumlich haarsträubend schlechterer Form gebaut worden - weder wurden die ersten Preisträger je als Urheber genannt, noch erhielten sie die mit rund 8000 Euro festgesetzte Preissumme, geschweige, dass sie mit der Planung der Station beauftragt worden wären. Hierzulande wäre ein solches Verfahren bei Architekturwettbewerben undenkbar.

Aber nun darf man auch nicht einfach achselzuckend darauf hinweisen, dass in China kulturell und traditionsbedingt das Urheberrecht halt anders gelte. Denn gerade in Peking sind mit den Schweizern Herzog & de Meuron, die das Olympiastadion bauen, und dem Niederländer Rem Koolhaas, der eine spektakuläre Bauskulptur für den Chinesischen Staatssender errichtet, Baukünstler als Stars mit entsprechendem Image und personenbezogener Aufmerksamkeit beauftragt worden. Der Exilchinese Ioeh Ming Pei und der quirlige, weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte Künstler und Architekt Ai Weiwei lassen ebenfalls erkennen, dass China nicht mehr so tun kann, als wisse es nicht um Sinn und Zweck der Urheberschaft.

Auch der Laie erkennt mühelos, wie komplex und konstruktiv anspruchsvoll das Dach der M5-Station Beiyuanlu North ist und welche koordinierte Erfindungs- und Planungsleistung von Architekten und Ingenieuren in so einem Entwurf steckt. Einen Prozess werden Netzwerkarchitekten nicht führen, denn die erwarteten Prozesskosten übersteigen den Streitwert vermutlich um das Dreifache. Große Büros wie KSP Engel und Zimmermann oder Albert Speer & Partner - beide in Frankfurt - haben gelernt, wie das Geschäft mit den Chinesen zu organisieren ist, damit es Gewinn abwirft. Während andere Länder ihre Architekten in Auslandstätigkeiten trefflich unterstützen, ist das in Deutschland nicht üblich.

Der Plagiarius ist übrigens eine Erfindung des Produktdesigners Rido Busse, der auf einer Messe "seine", von Soehnle produzierte Brief- und Diätwaage "made in Hong Kong" für ein Sechstel des hiesigen Preises entdeckte. Das war 1977. Wie viele Plagiatoren sich inzwischen eine goldene Nase verdienten, weiß man nicht.

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