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Architektur

16. März 2009

Deutsches Architekturmuseum: Alles fließt in Graublau

 Von SANDRA DANICKE
Das Bauhaus in Dessau von Walter Gropius.  Foto: Gordon Watkinson / Courtesy Stiftung Bauhaus Dessau

Das Deutsche Architekturmuseum zeigt Fotografien des Amerikaners Gordon Watkinson von Bauten der Gegenwart, die dem Vergleich mit dem Bauhaus-Erbe standhalten. Von Sandra Danicke

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Zum Beispiel die Siedlung Törten in Dessau, gebaut in den zwanziger Jahren als kostengünstige Reihenhaussiedlung für Arbeiter mit niedrigem bis mittlerem Einkommen. Ein geradezu idealtypischer Auftrag für einen, der wie Walter Gropius von der Industrialisierung des Wohnungsbaus träumte.

Gropius entwarf eine Siedlung aus insgesamt 314 Doppelhaushälften mit Nutzgärten zur Selbstversorgung. Die tragenden Wände sind aus vorgefertigten Schlackenbetonhohlkörpern errichtet, die Decken wurden aus armierten Stahlbetonträgern hergestellt. Später stellten sich diverse Baumängel heraus, doch die Siedlung Törten zählt noch heute zu einem der bemerkenswertesten Experimente im sozialen Wohnungsbau jener Zeit und hat ihre Nachfolger, etwa in der Freiburger Solarsiedlung.

Oder - ganz anders - der Deutsche Pavillon. 1929 von Mies van der Rohe für die Weltausstellung in Barcelona errichtet, ein transparenter Raum mit fließenden Übergängen, deren ästhetische Raffinesse noch heute ihresgleichen sucht.

So unterschiedlich die Bauten des Bauhauses und ihrer verschiedenen Architekten auch anmuten mögen, alle sind sie modern ohne modisch, klassisch ohne rückwärtsgewandt zu sein, ihre Form ist zugleich Ausdruck ihrer Funktion wie der technischen Möglichkeiten ihrer Entstehungszeit. Von allen Baustilen, allen Designformen der Moderne ist jene, die seit 90 Jahren in dem knappen Begriff Bauhaus gefasst werden kann, wohl die einzige, deren Gestaltungsprämissen niemals ernsthaft infrage standen. Angriffe hoben meist auf eine vermeintliche Gleichmacherei und Seelenlosigkeit ab, die im Nachhinein jedoch allenfalls falsch verstandenen Nachfolgebauten angelastet werden kann.

Welchen Einfluss der Bauhausgedanke noch heute auf unseren Alltag und auf das Werk zeitgenössischer Architekten hat, zeigt eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt. "Bauhaus zwanzig-21" versammelt Fotografien des New Yorkers Gordon Watkinson, der zwölf wichtigen Bauhaus-Architekturen zwölf aktuelle, typologisch ähnliche Bauprojekte zeitgenössischer Architekten gegenüberstellt. Ein Projekt, das inhaltlich spannend, optisch jedoch geschmäcklerisch und dem Objekt gegenüber geradezu kontraproduktiv geraten ist.

Graublau eingefärbt

Es findet sich jedenfalls kein nachvollziehbarer Grund, warum sämtliche Abzüge der Schwarzweißaufnahmen graublau eingefärbt und mit ausfransenden Bildrändern auf weißem Grund präsentiert werden, so dass man sich an manieriert-eitle Kunstfotografie aus den achtziger Jahren erinnert fühlt.

Die Vergleichsobjekte zu den Bauhaushäusern hingegen, ausgesucht vom Berliner Architekturkritiker Falk Jaeger, wurden mit Bedacht gewählt. Etwa das Haus der Gegenwart in München als Referenz zum Haus am Horn, einem Musterhaus, 1923 von Georg Muche in Weimar als pragmatisches Beispiel zeitgemäßen Wohnens errichtet. Für Muche bedeutete das: ein großer, zentral gelegener Hauptraum, um den herum kleine, funktionsspezifische Räume angeordnet sind, ausgestattet mit zeitgemäßer Haustechnik für größtmöglichen Komfort.

Auch das 2005 von den Architekten Allmann Sattler Wappner gebaute Haus der Gegenwart ist mit allen Möglichkeiten zukunftsträchtiger Haus- und Kommunikationstechnik ausgestattet und funktioniert nach einer ähnlichen Struktur. Wieder bildet ein großer Gemeinschaftsraum das Zentrum, wenngleich die äußeren Zimmer über separate Eingänge verfügen und die Übergänge zwischen Haus und Garten, Privatheit und Natur fließend gestaltet sind.

Kein Vergleich natürlich zu Werner Sobeks revolutionärem Stuttgarter Haus R128, das in der Ausstellung unter dem Motto "privilegiertes Wohnen mit inszeniertem Panoramablick" in den direkten Vergleich mit der Villa Tugendhat im tschechischen Brünn gestellt wird. Beide Bauten liegen, eingebettet in einen Hang, mitten in der Landschaft. Der Eingangsbereich befindet sich jeweils im Obergeschoss, der Grundriss ist offen gehalten.

Während Mies van der Rohe im Wohnhaus für Fritz und Grete Tugendhat 1930 den verglasten Außenwänden nach Süden und Osten noch Außenmauern und innere Wandelemente hinzufügte, ist Sobeks Experimentalhaus (2001) komplett verglast und ohne Wände; die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen optisch. Alle Ver- und Entsorgungssysteme liegen in schmalen Blechkanälen, es gibt weder Lichtschalter, Fenstergriffe noch Armaturen, alles wird durch Bewegungssensoren gesteuert. Mies van der Rohe wäre begeistert gewesen.

Deutsches Architektur Museum, Frankfurt: bis 26. April,

www.dam-online.de

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