Architektur

04. Mai 2009

Deutsches Architekturmuseum: Heimat-Besichtigungen

 Von SANDRA DANIKE
Aus der Kleintierperspektive: Stephan Sahms Serie "My cage is my castle". Foto: Stephan Sahm/DAM

"Neue Heimat - New Homeland" hieß das Thema des Europäische Architekturfotografie-Preises. 28 ausgewählte Beiträge sind im Architekturmuseum Frankfurt zu sehen. Von Sandra Danicke

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Ein kobaltblaues Hamsterrad neben einem orangefarbenen Futternapf und einer hellgelben Plastikrutsche. Ein Zebra, halb mit Plastikfolie bedeckt, an dessen Ohr ein Preisschild baumelt. Oder ein graues, windstilles Meer, vernebelte Feldwege, Tische mit Stapelstühlen. Architekturfotografie stellt man sich eigentlich ganz anders vor. Gehören da nicht Häuser drauf?

Beim Europäischen Architekturfotografie-Preis sieht man das nicht so eng. Sicher, unter den ausgewählten 28 Einsendungen (insgesamt waren es 233 Beiträge aus 16 Ländern) zum Thema "Neue Heimat - New Homeland", die derzeit im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt ausgestellt sind, finden sich immer wieder auch solche, auf denen Gebäude und Interieurs zu sehen sind. Die prämierten Arbeiten jedoch kommen ohne aus.

Den mit 6000 Euro dotierten ersten Preis erhielt der Münchner Fotograf Stephan Sahm, der nagelneue, in quietschgrellen Farben eingerichtete Hamsterkäfige aus Kleintierperspektive ablichtete. Eine irgendwie originelle Umsetzung des Themas, das ja nicht auf den Menschen eingegrenzt war, mehr aber auch nicht. Dass die Einrichtung eines solchen Kleintierzuhauses eher auf den Geschmack der Besitzer - sprich Kinder - als auf die Bedürfnisse des Tieres ausgerichtet sind, ist ja keine neue Erkenntnis.

Vielschichtiger mutet da schon die Serie von Timothy Griffith an, die der in Melbourne geborene Fotograf bei Renovierungsarbeiten in der Africa Hall der California Academy of Sciences in San Francisco gemacht hat: Aus den dreißiger Jahren stammende Dioramen wurden renoviert, die in ihnen "lebenden" Tiere beim Präparator generalüberholt. Zurück in ihrer neuen Heimat wirken sie leicht deplatziert vor ihren idealisierten Landschaften. Er habe das Gefühl gehabt, so Griffith, "dass die Tiere selbst geschockt und verwirrt waren über die Veränderungen, die um sie herum stattgefunden hatten". Die Jury der alle zwei Jahre ausgelobten Auszeichnung prämierte die still-melancholischen Aufnahmen mit dem zweiten Preis, den sich Griffith allerdings mit Jacky Longstaff teilen muss. Die Britin fotografierte das neblige Town-Moor, eine leere, unbebaute Landschaft in Newcastle upon Tyne, die mit einem Netz von Fußwegen überzogen ist. Die Fotografien zeigen, wie sich die Gegend zu unterschiedlichen Jahreszeiten wandelt. Der Bezug zur "Neuen Heimat" allerdings bleibt mehr als vage.

Auch die übrigen in der Ausstellung vertretenen Fotoserien fühlen sich offenbar eher einem künstlerischen als einem dokumentarischen Anspruch verpflichtet. So zeigen Menno Adens steile Hochformate nahezu abstrakt anmutende Ausschnitte, in denen sich Farbstreifen übereinander türmen. Es handelt sich um Neubaugebiete, in denen die Häuser in ein strenges Ordnungssystem aus Grün-, Asphalt- und Mauerstreifen eingebunden sind. Steril mutet auch der Mutter-Kind-Trakt der Strafvollzugsanstalt Stadelheim an, in dem Benjamin Gerull funktionales, streng reduziertes Design fotografiert hat. Oder die von Frank Meyl eingereichten Bilder einer Häusersiedlung in Schottland: Einheitlichkeit in Pistaziengrün, von Charme und dem, was unsereiner für Lebensqualität hält, keine Spur.

Eine gewisse Einheitlichkeit lässt sich auch in den von Jonas Holthaus abgelichteten Interieurs türkischer Kulturvereine erkennen. Mit Wachstischdecken versehene Tische, um die billige Stapelstühle stehen, sind hier offenbar üblich, gerahmt von farbigen Wänden (gerne lachsfarben), an denen kitschige Heimatveduten für Fernweh sorgen.

Zu dunkel, verwackelt und belanglos erscheinen auf den ersten Blick die Bilder von Martin Richter. Bis man erfährt, dass es hier um Wohnungsbesichtigungen geht, bei denen Enttäuschungen ja meist integraler Bestandteil sind. Sabine Freudenberger und Waldemar Bachmeier haben sich mit der in der Regel unbefriedigend ausfallenden Architektur von Zoobauten hingegen ein doch arg ausgelutschtes Thema vorgenommen. Dass das Leben hinter Gittern und Panzerglas für das Tier nicht die reine Freude sein kann, wussten wir schon vorher.

Eine afghanische Hindugemeinde, die sich in einem schlichten Lagerhaus im Hamburger Industriegebiet einen Tempel errichtet hat, zeigt immerhin, dass man mit schicken Teppichböden, farbenfrohen Girlanden und Fähnchen auch am ödesten Ort ein wenig Gemütlichkeit hervorrufen kann. Beleg hierfür ist eine Serie von Meike Hansen. Naturgemäß fehlt auch die Transformation einer unmodernen Großstadt in eine Millionen-Metropole in einer solchen Ausstellung nicht. Michael van den Bogaards Nachtaufnahmen von Shanghai präsentieren Tradition (alte Baracken) und Moderne (gigantische Skyscraper) dicht neben einander. Derart nahe liegende Interpretationen des Wettbewerbsthemas sind in der Ausstellung allerdings glücklicherweise die Ausnahme.

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt, bis 30. Juni.

www.dam-online.de

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