Im ersten Moment erscheint das Thema „Dazwischen“ ziemlich beliebig. Bedenkt man jedoch, dass es dabei um den Europäischen Architekturfotografie-Preis geht, gerät die Aufgabe zur Herausforderung. Kann man Architektur fotografieren, die „dazwischen“ ist? Man kann. Insgesamt wurden sogar 269 Beiträge aus 15 Ländern eingereicht. Die 28 gelungensten Bildserien, die jeweils aus vier Einzelaufnahmen bestehen, zeigt derzeit das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt.
Die überwiegende Mehrzahl der Fotografen hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht etwa spektakuläre Orte, sondern neue Sichtweisen auf Vertrautes zu finden. Vergleichsweise wörtlich hat Dirk Brömmel das Thema bearbeitet, indem er in einer engen venezianischen Gasse nach oben fotografiert und die Abzüge so aneinander gereiht hat, dass eine ganze Straßenschlucht zu erkennen ist. Durch die Bildmitten zieht sich ein weißer Himmelstreifen und bildet ein abstrakt erscheinendes Band; die Häuserfassaden wirken düster, bedrohlich und regelrecht klaustrophobisch, lediglich die obersten Etagen sind überhaupt als solche identifizierbar.
Auf ähnliche Weise hat Kai-Uwe Gundlach in Shanghai enge Hinterhöfe dokumentiert. Der Blick von unten steil in die Höhe lässt Normales ganz kurios aussehen, Wäschestücke auf der Leine erinnern hier etwa an seltsame Blüten.
Bernd Uhde hat den umgekehrten Weg gewählt, indem er von oben nach unten fotografiert hat. Von Hubschraubern, Flugzeugen oder Heißluftballons aus hat er Architekturen abgelichtet, in denen ein Stück Natur in ein geometrisches Konstrukt eingebunden ist, sei es der Baum in der Mitte eines runden Parkhauses oder das Wasser eines Swimmingpools im Innenhof eines Flachdachkomplexes. Auch hier lassen sich die Bilder als abstrakte Kompositionen betrachten, genau wie die Arbeiten von Stefan Becker und Christine Steiner. Für ihr Projekt „Weiterbauen“ haben sich die beiden Fotografen bauliche Mischkonstruktionen vorgenommen, die dadurch entstanden, dass Hauseigentümer an vorgefundene Architekturen angeknüpft und einfach weiter gebaut haben.
Konfus anmutendes Drunter und Drüber
In den gewählten Ausschnitten herrscht ein konfus anmutendes Drunter und Drüber, das in seiner abstrusen Vielfalt schon wieder grundsympathisch anmutet und in der Frontalen ein interessantes Übereinander geometrischer Formen ergibt.
Eher grafisch ist der Eindruck in der Serie „Unbewusste Orte“ von Anastasia Hermann, die Rückseiten von Gebäuden fotografiert hat, deren Funktion wir nur erahnen können und die in den Bildern als reduzierte, von feinen Linien gerahmte Farbflächen erscheinen. Es sind Orte, die so unscheinbar sind, dass wir sie bewusst gar nicht realisieren. In den Fotos jedoch erhalten sie eine poetische Schönheit.
Wie Hermann nahm die Mehrzahl der ausgewählten Teilnehmer Unorte in den Fokus, Orte, die im wahrsten Sinne des Wortes irgendwo dazwischen liegen, ob räumlich oder zeitlich wie der seit fast zehn Jahren still gelegte Spreepark in Berlin. Hier hat Andreas Graf alte Buden und Karussells fotografiert, deren heruntergekommene Zustände auch etwas Verwunschenes und Nostalgisches ausstrahlen.
Auch Elisabeth Czihak hat ein „zeitliches und atmosphärisches Dazwischen“ eingefangen, als sie in einem leer stehenden Einfamilienhaus jene Spuren fotografiert hat, die durch Bilder und Schränke an den Wänden oder durch Möbel auf dem Teppich entstanden sind. Die Stimmung – irgendwo zwischen Melancholie und Aufbruch – ist gut getroffen, die Idee jedoch nicht ganz neu. Bei Meike Fischer geht es um den architektonischen Wandel in Frankfurt am Main, das Verschwinden alter Viertel, die Entstehung neuer Quartiere. Ihre Bilder zeigen Unscheinbares, Ecken, die überall sein könnten und identitätslos erscheinen.
Der weltweit erste Architekturfotografiepreis wird seit 2005 alle zwei Jahre vom gemeinnützigen Verein architekturbild vergeben. Den mit 6000 Euro dotierten ersten Preis erhielt diesmal Nils Clauss für die Serie „UrbanNature“, in der die traditionellen Grenzen von ländlichem und städtischen Raum auf abstruse Art verwischen. Die Fotografien entstanden in seiner Wahlheimatstadt, der Megacity Seoul, ein Beton-Ort, an dem sich die Sehnsucht nach Natur in lieblich bemalten Mauern und Hochhausfassaden äußert. Da findet man schon mal eine kitschige Bachlandschaft mitten in einer tristen Hochhaussiedlung, soll eine gemalte Baumreihe das martialische Grau einer Fabrikanlage vergessen machen.
Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt, bis 19.Juni, www.dam-online.de