Der Wille zum technischen Fortschritt manifestiert sich bevorzugt in der Industriearchitektur. Die Zeche Zollverein in Essen, das Fiat-Automobilwerk in Turin-Lingotto, Eero Saarinens TWA-Terminal am John-F.-Kennedy-Airport in New York: Zu den kunsthistorischen Ikonen der Architektur-Moderne des 20. Jahrhunderts gehören etliche Nutz- und Verkehrsbauten. Wenig Beachtung fanden in diesem Zusammenhang bislang Tankstellen, obwohl sie zu den am meisten frequentierten Nutzbauten überhaupt gehören: Sind sie doch Terrain der Händler jenes Elixiers, das die motorisierte Gesellschaft auf der Straße hält.
Das Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt (DAM) widmet sich nun in der Schau " Die Tankstelle des Wirtschaftswunders" der Geschichte der AGIP-Zapfstationen. Wobei es bei der reinen Architekturdokumentation weder bleibt noch bleiben kann: Die Corporate Identity, der einheitliche Auftritt einer Marke, ist an der Entwicklung der Mineralölfirmen besonders anschaulich nachvollziehbar. Es mag etwas kühn sein, AGIP die Vorreiterrolle hier so eindeutig zuzuschreiben - auch Esso, Shell oder Aral standardisierten nach dem Zweiten Weltkrieg konsequent ihr öffentliches Erscheinungsbild.
Der italienische Konzern setzte die aus den USA übernommene Strategie aber zumindest in den Fünfzigern wohl am stilvollsten um: Ein mondäner Ort, an dem nicht nur Kraftstoff fürs Auto aufgenommen werden kann, sondern auch Treffpunkt, Restaurant und Einkaufsmöglichkeit soll die AGIP-Station sein. Das Konzept der heutigen Großtankstellen, an denen man leichter frische Brötchen als einen Keilriemen, die Financial Times statt eines Glühbirnchens erhält, hat hier durchaus seinen Ausgangspunkt.
Der Architekt Mario Bacciochi (1902-1974) zeichnet verantwortlich fürs Outfit der Benzinmarke. Dreizehn verschiedene Tankstellen-Versionen werden in seinem Mailänder Büro entworfen, je nach Grundstücksgröße und Zweck. Sie alle eint ein weit auskragendes "fliegendes" Betondach, das Zapfsäulen wie Kassenhaus überspannt. Die vordere Dachabschlusskante ist ähnlich einer Markise nach unten abgeknickt, an der Rückseite der kleineren Tankstellen findet sich ein erhöhtes Widerlager. Während alle Betonkonstruktionen weiß sind, empfangen die Gebäude den Kunden im braunen Klinkerkleid. Auf den Dächern thront der Marken-Schriftzug und über allem wacht auf einem Pfeiler das Logo, der sechsbeinige, feuerspeiende Hund, der 1952 aus einem Wettbewerb entstand.
Der ästhetisierte Auftritt, in der Formensprache zwischen italienischer Moderne und fortgeführten Ideen des Futurismus angesiedelt, überdauert leider nur ein knappes Jahrzehnt. Als um 1960 die ersten AGIP-Stationen in Deutschland eröffnen, diktiert hier wie auch in Italien bereits die Zweckmäßigkeit das Aussehen - die bald zu klein gewordenen Betondächer sind vielfach verschwunden oder durch Stahlkonstruktionen erweitert, die Tankstellen unterschieden sich in der Formensprache kaum von jenen der Konkurrenz. Dem optischen Wiedererkennungswert dienen fortan nur noch Farbgebung und Marken-Logo.
Unbeschwertes Lebensgefühl
Es mag irritieren, dass AGIP auch Sponsor der Ausstellung im DAM ist. Doch in Zeiten, in denen Projekte wie dieses ohne externe Unterstützung kaum mehr realisierbar sind, ist die inhaltliche Zurückhaltung der Firma umso erfreulicher: Werbung sucht der misstrauische Besucher vergeblich.
Die Kuratorin Dorothea Deschermeier hat etliche historische Fotos und Pläne zusammengetragen und erzählt mit dem Blick auf die Entwicklung des Konzerns auch ein Stück italienischer Wirtschaftsgeschichte. In welcher der einstige Unternehmenschef Enrico Mattei, der den standardisierten Auftritt und die weltweite Verbreitung der Marke damals vorantrieb, eine schillernde Rolle einnimmt. Das denkwürdigste Zitat: "Ich benutze die Politik wie ein Taxi. Am Ziel angekommen, bezahle ich und steige aus." Ähnlichkeiten zu lebenden italienischen Politikern und Medienmogulen sind zufällig. 1962 verunglückte Mattei mit seinem Privatflugzeug tödlich, Unfallursache soll Sabotage gewesen sein.
"AGIP - Die Tankstelle des Wirtschaftswunders" bietet auch einen Rückblick auf ein unbeschwertes motorisiertes Lebensgefühl: Das Automobil verhieß damals wirtschaftlichen Aufschwung, bislang unbekannte Reise- und Transportmöglichkeiten und generell einen nicht zu bemessenden Gewinn an individueller Freiheit. Fünfzig Jahre später erinnern in Italien nur noch eine Handvoll vom Abriss bedrohter alter Tankstellen an diese Ära. Und in Deutschland gibt es Umweltzonen.
Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt: bis 14. März.