Es kam, wie es kommen musste: Am Donnerstagnachmittag hat das Welterbekomitee der Unesco Dresden von der Liste der Welterbestätten gestrichen. Grund ist der Bau der seit Jahren umstrittenen Waldschlösschenbrücke mitten im Dresdner Elbtal. Nach Ansicht der im spanischen Sevilla tagenden Unesco-Organisation verschandelt das Bauwerk das von Hängen, Weinbergen und Schlössern umrandete Tal. Es ist das zweite Mal, dass einem Land ein Titel genommen wird: 2007 wurde einem Tierschutzgebiet in Oman der Titel aberkannt.
Vor fünf Jahren hatte die sächsische Landeshauptstadt den Welterbetitel für ein mehrere Kilometer langes reizendes Stück Elblandschaft erhalten. Ein Jahr danach hatte es in Dresden einen Bürgerentscheid gegeben, bei dem sich mehr als zwei Drittel der Befragten dafür entschieden, eine große Autobrücke mitten durch die Stadt zu bauen. Dass die Entscheidung für die Brücke zwangsläufig das Aus für den Titel bedeuten könnte, war damals den meisten eher nicht klar.
Nun hatte Dresden ein unlösbares Problem: Einen Welterbetitel und einen bindenden Beschluss seiner Bürger. 2006 verwarnte die Unesco Dresden und setzte die Stadt auf die Rote Liste gefährdeter Kulturstätten. Die Unesco war pikiert: Sie hatte festgestellt, dass in den Bewerbungsunterlagen für den Titel der geplante Brückenbau in Stadtplänen nicht korrekt eingezeichnet war. Ein Fehler, der nicht den Dresdnern, sondern Icomos, dem Internationalen Rat für Denkmalpflege, unterlaufen war. Der Bau war viel weiter vom Stadtzentrum entfernt notiert als in Wirklichkeit.
Im November 2007 begannen nach heftigem Zank in der Stadt, nach Demonstrationen und Mahnwachen, nach einem endlosen Hin und Her im Stadtrat sowie nach ausgiebigen Rechtsstreitigkeiten die Bauarbeiten: Auf dem Johannstädter Ufer und gegenüber auf der Neustädter Seite wurden unter großem Polizeieinsatz Bäume gerodet und erste Fundamente für Brückenpfeiler gegossen.
Auf der Welterbe-Komitee-Sitzung 2008 im kanadischen Quebec wurde Dresden noch einmal verwarnt und eine Frist von einem Jahr gesetzt, die Bauarbeiten zu stoppen. Lediglich ein Tunnel anstatt der Brücke hätte die Meinung der 21 Mitglieder des Komitees noch ändern können. Doch einen Tunnel lehnte Oberbürgermeisterin Helma Oroscz (CDU) ab: "Keine Alternative."
Francesco Bandarin, Direktor des Welterbekomitees, hatte den Dresdnern klar gesagt, was passiert, wenn sie den Bau nicht stoppen: "Wenn die Brücke gebaut wird, wird Dresden gestrichen. Wenn die Stadt stur ist, ist auch das Komitee stur." Helma Oroscz, die Titel und Brücke haben möchte, war nach Sevilla gereist und hatte gehofft, noch einmal einen Aufschub erwirken zu können. Ihr Idee: Wir bauen zu Ende und dann entscheidet das Komitee. "Die Hoffung stirbt zuletzt", meinte sie. Kurz durfte sie am Donnerstag ihre Argumente vortragen.
Jetzt ist die Frist ist abgelaufen, der Titel weg. Nach einer aktuellen Umfrage in Dresden stört es aber eine knappe Mehrheit überhaupt nicht. Sie halten sich an Kurt Biedenkopf, den früheren Ministerpräsidenten, der gerne sagte: "Na und. Dresden ist auch ohne Titel schön."
Die Arbeiten gehen voran, Dresden hat im Zentrum eine lärmende Großbaustelle, die Zubringerstraßen zur Brücke sind fast fertig. 2011, so die Pläne des Rathauses, soll der Verkehr über die rund 160 Millionen Euro teure Brücke rollen.