Jo. Franzke Architekten gehört zu den drei gesetzten Büros für die Rekonstruktion von Häusern zu einem Frankfurter Altstadt-ensemble. Die Herausforderung kann man so beschreiben, dass einem Heimatgefühl Genüge getan werden muss.
Nein, nein.
Jo. Franzke, 1941 in Berlin geboren, kam Anfang der
80er Jahre nach Frankfurt am Main.1986 gründete Franzke sein eigenes Büro in der Stadt, 2003 wurde Magnus Kaminiarz sein Partner.
Einen Namen machte sich Franzke vor allem im Büro- und Wohnungsbau: mit seiner rationalistischen und reduzierten Architektursprache, geleitet immer wieder vom Motto Luigi Snozzis: „Baust du ein Haus, dann denke an die Stadt“. fr
Nein? Das ist doch der erklärte Wunsch der Oberbürgermeisterin.
Mein Credo lautet: Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft. Deshalb habe ich mich vor drei Jahren bereits sehr eindeutig zu dem Thema geäußert und meine Vorstellungen soeben in einem Buch präzisiert. Ich habe den Parteien im Magistrat die Problematik geschildert und Lösungsvorschläge gemacht. Damals ging es nur um sechs Häuser, jetzt geht es um 16 Häuser, das nimmt ja beinahe täglich zu. Aber es wird auch wieder abnehmen, wenn es zum Schwur kommt, wenn es um die Investitionen geht, so dass es viel weniger Interessenten geben wird als derzeit prognostiziert. Wenn man von dieser finanziellen Problematik aber einmal absieht, geht es darum, dass wir mit einer bewusst sehr reduzierten Architektur die Grundformen wieder aufnehmen wollen, um das Gesamtareal zu rekonstruieren.
Sie werden sich mit Gebäuden beteiligen, die deutlich machen, dass sie aus der Gegenwart stammen. Keine Camouflage also.
Ja.
Ist der Begriff der Rekonstruktion dann noch angemessen?
Eine gewisse Anzahl von Häusern soll 1:1 rekonstruiert werden, obwohl es meiner Meinung nach absoluter Unsinn ist, das, was überhaupt nicht mehr vorhanden ist, zum Leben erwecken zu wollen, das ist ähnlicher Unsinn wie in Berlin, mit dem Schloss.
Welchen Einfluss hat Oswald Mathias Ungers auf Ihre Entwicklung genommen? Sie haben sein Frankfurter Büro in den 80er Jahren geleitet. Ungers hat auch auf die frühen Rekonstruktionsanstrengungen im Berlin der 80er Jahre Einfluss genommen. Was haben Sie von Ungers gelernt?
Das Nachdenken über Architektur, das konzeptionelle Entwerfen, eben nicht emotional vorzugehen, sondern sich auf der Grundlage bauhistorischer Kenntnisse den Problemen zu stellen. Solange man über diese Kenntnisse nicht verfügt, wird man die richtige Sprache nicht finden.
Woran wird man die Häuser Jo. Franzkes im Unterschied zu den idyllischen Fachwerkhäuschen erkennen?
Man darf ja neben der Fachwerkidylle nicht vergessen, dass Frankfurt auch eine Stadt mit klassizistischer Tradition ist. Johann Georg Christian Hess, der ab 1786 Stadtbaumeister war, hat nicht nur klassizistische Villen erbaut, sondern auch ein Baustatut erarbeitet, das der Großherzog Karl von Dalberg 1809 in Kraft setzte. In ihm wurde der Klassizismus als verbindlicher Stil für alle Neu- und Umbauten festgeschrieben. Das Baustatut, 1817 und 1819 bestätigt und von Hess’ Sohn Johann Friedrich Christian ergänzt, orientierte sich an klaren Strukturen: dem Kubus, dem Flachdach, es schrieb Stein- oder Putzfassaden vor, begrenzte die Dachüberstände und die Gebäudehöhen. Wenn wir uns schon auf prägende architektonische Einflüsse beziehen, dann auch auf diesen, der von Präzision und Sachlichkeit geprägt ist. Damit man mich nicht falsch versteht: Ich will an dieser Stelle der Altstadt auch keine klassizistischen Neubauten errichten, ich plädiere aber für klarere Strukturen. Konkret sähe das bei unserem Entwurf so aus: ein Gebäude, bei dem die Quellenlage keine seriöse Rekonstruktion zulässt, würden wir auf dem entsprechenden historischen Parzellenzuschnitt in seinen alten Proportionen aufbauen, aber die Fassade sehr viel freier gestalten, als es eine Fachwerkarchitektur erlaubte.
Ihr eigenes Büro, das Sie nach der Zeit bei Ungers gegründet haben, besteht im 25. Jahr. Wie viele große Krisen hat das Büro in dieser Zeit überstanden?
Wenn wir die jetzige erfolgreich überstehen, wäre das die dritte.
Ist diese jüngste Krise besonders gravierend?
Ja, zweifellos, schon wegen der allgemeinen Immobilienkrise. Hinzu kommt, dass wir noch nie so groß waren wie heute, im Unterschied zu den vergangenen Krisen, als das Büro noch eine fassbare Größe hatte.
Ist die kritische Größe des Büros überschritten worden?
Ich weiß nicht, was die kritische Größe ist, aber wenn man bestimmte Aufgaben erfolgreich akquirieren will, braucht man auf jeden Fall ein Büro jenseits von 40, 50 Mitarbeitern, um etwa Aufträge für Hochhäuser zu bekommen.
Ich habe, wenn ich mich in den letzten zwanzig Jahren unter Architekten umgehört habe, immer wieder den Eindruck gewonnen, sie seien mit einer Dauerkrise konfrontiert.
Nein, das ist nicht so. Und ich will jetzt auch nicht damit anfangen, dass die Architektur die Mutter aller Künste ist, was sie ja ist, nachgewiesenermaßen ...
... ja?
Die Architektur ist, wenn man nicht zum Maler, Bildhauer oder Musiker tendiert, die Kunstrichtung, die mir am angemessensten für einen sowohl künstlerisch als auch halbwegs technisch begabten und zudem pragmatisch gesonnenen Menschen erscheint. Und daher ist sie in Krisenzeiten auch ein Äquivalent zur Krise.
Um bei den ökonomischen Krisen zu verharren. Liegt es daran, dass Architekturbüros, um erfolgreich zu sein, zwangsläufig auf Expansion angelegt sind?
Zwangsläufig sicherlich nicht, es gibt Kollegen, etwa Zumthor, die sagen sich, dass sie eine bestimmte Bürogröße nicht überschreiten wollen, mit vielleicht zwanzig Mitarbeitern. Doch es gibt nicht so viele begabte Architekten, die das Glück haben, dass sie Aufträge ablehnen können. Ich habe meistens vernünftige bekommen und lehne ohnehin ungern Aufträge ab, weil ich gerne ein großes Büro habe, eines, das sich in jüngerer Zeit auch der Qualitätssicherung unterzogen hat und weiter unterziehen wird. Doch nicht nur die Planungs- und Organisationsabläufe, sondern auch die Umweltverträglichkeit sind im Zuge dieser Qualitätssicherung zertifiziert worden. Ohne diese Maßstäbe, die ich meinen Mitarbeitern immer wieder predige, lässt sich ein großes Büro einfach nicht halten.
Das Büro hat seinen Stammsitz in Frankfurt, Sie haben viel in Frankfurt gebaut. Sie haben Architekturbücher über Frankfurt herausgegeben, um über Architekturstandards zu reflektieren und um diese hochzuhalten. Ist es da nicht illoyal, wenn man als überzeugter Frankfurter in Eschborn baut?
Könnte man so sehen. Aber man muss Eschborn doch im Grunde als Vorort von Frankfurt sehen.
Als Speckgürtel, an dem Frankfurt schwer trägt.
Ja, aber man muss Eschborn im Kontext seiner Umgebung, der Metropolenregion Rhein-Main sehen, muss sehen, dass dieser schon in den Siebzigerjahren entwickelte Standort sich in sehr geringer Entfernung zu Frankfurt befindet und dass die Eschborner das ja schätzen. Im Juni letzten Jahres hat sich die Stadt mit zwei Millionen Euro, in diesem mit zwei weiteren an der Finanzierung des Städel-Neubaus beteiligt. Frankfurt bekommt also auch wieder etwas zurück, weil auch die umliegenden Gemeinden ein gewisses Interesse an einer funktionierenden städtischen Infrastruktur haben.
Was, denn das Wort ist mir nicht aus dem Kopf gegangen, muss der Architekt Franzke seinen Leuten predigen?
Das hört sich jetzt schlimmer an, als es ist. Es geht darum, dass in jedem Büro nachgeschult werden muss, es geht nicht nur um das regelmäßige Update bei den Computer-Programmen, sondern um die ständige Vergegenwärtigung der Bauhistorie, angefangen von der Romanik, die mir wegen der auf das Wesentliche reduzierten Architektursprache genauso wichtig ist wie die bereits erwähnte Klarheit des Klassizismus. Das, übertragen auf meine eigene Architektur, heißt, dass ich eine Architektur von Rationalismus und Reduktion konzeptionell zu denken und umzusetzen versuche.
In einer Beschreibung des Büros zu einem der zuletzt fertiggestellten Gebäude bin ich auf ein ungewöhnliches Adjektiv gestoßen: „maßgeschneidert“. Muss die Architektur Jo. Franzkes sitzen wie ein Maßanzug?
Ja, klar, denn Architektur sollte zweifellos auf den Ort, an dem sie steht, zugeschnitten sein, sie sollte sich an der Nachbarschaft orientieren. Sie muss eine Antwort auf die Aufgabe, die Nachbarn und die Umgebung finden, also zwangsläufig maßgeschneidert sein, was denn sonst? Ein Zufallsprodukt?
Darf sie leger sein?
Natürlich.
Wie könnte das aussehen?
Um das zu machen, besitze ich nicht die Fähigkeiten. Es gibt diese Kollegen, vor allem die Holländer tendieren dazu, der Aussage mehr Gewicht beizumessen als der Ausführung. Das muss deswegen nicht kurzlebige Eventarchitektur sein, aber nicht alle bauen mit dem Anspruch, den ich habe, dass das Haus mindestens hundert Jahre Bestand haben muss, während deren Häuser nach zwanzig Jahren abgerissen werden, ohne dass es denen das Herz bricht. Ich gehöre übrigens nicht zu denjenigen, die da Fronten aufbauen wollen. Ich kann mit diesen Architekturen, ob es sich nun um das BMW-Museum in München oder das Phaeno in Wolfsburg handelt, leben. Aber mein Credo ist ein anderes.
Deshalb Steinfassaden.
Überhaupt nicht, es muss nicht Stein sein, aber der Stein ist nun mal ein sehr dauerhaftes Material, abgesehen davon, dass sich mit ihm, je nachdem wie er bearbeitet wird, die großartigsten Wirkungen erzielen lassen. Dabei ist mir übrigens bewusst, dass wir den Stein auf die Weise, wie er vor 150 Jahren noch bearbeitet wurde, gar nicht mehr behandeln können. Nicht nur aus finanziellen Gründen, auch die Techniken und Kenntnisse sind uns weitgehend verloren gegangen.
Das ist ein Erbe der Moderne.
Die Moderne hat leider vollkommen übergangslos begonnen, selbst wenn man Muthesius und andere Reformarchitekten einbezieht. Sie hat bruchlos einen Anfang gewagt, der einerseits gelang, andererseits so viel Mediokres mit sich brachte, was darauf zurückzuführen ist, dass an die Vergangenheit nicht angeknüpft wurde. Meine Überzeugung ist, wie schon gesagt, dass es keine Zukunft ohne Vergangenheit gibt. Solche Brüche darf man einfach nicht zulassen, deswegen ist da diese Lücke. Wenn es kontinuierlich weiter gegangen wäre, hätten wir nicht diese Opposition von Architekten, die sich in die Vergangenheit flüchten.
Der Frankfurter, Schriftsteller, Büchnerpreisträger und Feudalbourgeois Martin Mosebach hat soeben die gesamte Architektur der Moderne verdammt.
Ich habe von dem Zeitungstext gehört, ich habe ihn nicht gelesen. Ich kenne aber zum Beispiel sein Büchlein mit Aufsätzen über Frankfurt, in denen er sich als Intellektueller auf die Seite der Apfelweinjünger stellt.
Das heißt, dass man von einem Büchnerpreisträger erwarten darf, dass er angesichts der Architektur der Moderne nicht nur affektgesteuert ist.
Allerdings.
Sie haben davon gesprochen, dass Ihre Häuser länger als nur für eine oder zwei Generationen stehen sollen. Keine Wegwerfarchitektur also. Das ist auf der einen Seite zweifellos verantwortungsvoll. Doch wenn Sie in Zeiträumen von hundert Jahren denken, ist das nicht auch in gewisser Weise anmaßend?
Ja, anmaßend ist es, aber nur so kann ich mich der Verantwortung stellen.
Interview: Christian Thomas