Aktuell: Eintracht Frankfurt | Fußball-News | Blockupy | Ukraine | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Architektur

25. September 2012

Elbphilharmonie: Hamburger Blackbox

 Von Bernhard Honnigfort
Hoch sind die Erwartungen, tief lassen die Baukosten blicken.  Foto: getty

Noch teurer und später: Der Bau der Elbphilharmonie ruht vor sich hin. Ob und wann weitergebaut wird, weiß niemand in Hamburg.

Drucken per Mail

Was man weiß, ist eine ganze Menge: Die Fläche aller Räume der Elbphilharmonie entspricht der Größe von 17 Fußballfeldern oder zwei Dritteln der Binnenalster. Das Gebäude wiegt 200.000 Tonnen, was soviel ist wie das Gewicht von zweieinhalb Queen Marys oder 722 Airbus A 380 oder 416.666 Konzertflügeln. Was man außerdem noch weiß: Der große Konzertsaal mit 2150 Sitzplätzen wiegt 12.500 Tonnen und ruht auf 362 Stahlfedern. Dadurch ist er schallentkoppelt, kein Dampfergetute aus dem Hafen wird das Orchester jemals stören. Für die spektakuläre Außenhaut der Elbphilharmonie wurden 2200 Glasscheiben verbaut, von denen 595 sphärisch gebogen sind. Das Gebäude ist am höchsten Punkt 110 Meter hoch, es gibt in 37 Metern Höhe eine Plaza für Besucher, die dort einen fantastischen Blick über Hamburg und den Hafen werfen können. Im großen Konzertsaal werden 6500 Quadratmeter weiße Haut aufgetragen nach den Plänen des führenden japanischen Akustikers Yasuhisa Toyota. Jede Gipsplatte ist anders geformt und soll den Ton in jede Ecke des Saales tragen. Das Dach wird aus 1100 Stahlträgern gefertigt, von denen jeder ein 3D-konstruiertes Unikat sein soll. Die Rolltreppe, genannt Tube, wird 82 Meter lang, die große Foyertreppe 55 Stufen haben. Es wird zudem 250 Hotelzimmer geben, außerdem 45 Wohnungen. Man weiß überdies noch, dass im April 2007 Baubeginn war.

Was man nicht weiß, sind zwei einfache Zahlen: Wann? Wie teuer? Das Fertigstellungsdatum und das, was ganz unten rechts auf der Rechnung stehen wird.

Der Bau als Rohbau

Auf der Baustelle wird nämlich weniger gearbeitet als gestritten, was verschiedene Gründe hat. Seit elf Monaten ruht alles. Der Bau ist bislang nur Rohbau. Eigentlich sollten schon Ende 2010 die ersten Konzerte stattfinden. Vor einigen Wochen zählte die Bild-Zeitung 52 Bauarbeiter, derzeit sind es noch weniger. Eigentlich sollten über tausend Arbeiter beschäftigt sein. Aber nur ein paar Trockenbauer verstreichen Fugen, im Aufzug sitzt ein Wachmann und liest Romane.

Eva Gümbel, 48, ist Grünen-Abgeordnete in der Hamburger Bürgerschaft und Obfrau ihrer Partei im Untersuchungsausschuss Elbphilharmonie. Sie befasst sich seit Jahren mit dem Prestigebau und versucht zu verstehen, warum nichts vorangeht. Nicht nur sie sieht den Grund allen Ärgers in dem Vertrag, den Hamburg mit den Schweizer Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron auf der einen Seite und dem Essener Baukonzern Hochtief auf der anderen Seite vor Jahren abschloss. „Das ganze Projekt ist vollkommen verfahren. Ein Riesenproblem ist die vereinbarte sogenannte Forfaitierung, bei der die Stadt Monat für Monat zahlt, obwohl die Baustelle ruht. Ein solches Konstrukt taugt allenfalls für ein Parkhaus, also für ein großes Gebäude von geringer Komplexität.“

Während sich Architekten und Baukonzern seit Jahren darüber streiten, ob Entwürfe gebaut werden können oder auch nicht, guckt Hamburg als Dritter im Bunde in die Röhre und zahlt. Gümbel: „Es wurden Verträge abgeschlossen, bei denen der Hauptvertrag und die Anlagen sich an vielen Stellen widersprechen. Das hat auf Seiten der Stadt niemand im Blick gehabt und kontrolliert.“ Das hat Folgen. Ursprünglich war einmal von etwa 100 Millionen Euro Baukosten die Rede. Derzeit ist man bei 325 Millionen angekommen. Und nicht nur die Grünen auf der Hamburger Oppositionsbank rechnen mit deutlich mehr. Vorsichtig geschätzt gehen sie von einem Kostenrisiko von noch einmal mindestens 175 Millionen Euro aus.

Zurzeit ist das Thema: die Nullmessung. Im Frühjahr nämlich kam es zum ganz großen Krach, weil Hochtief meinte, das von den Architekten entworfene Dach nicht bauen zu können. Es wäre zu schwer und könnte irgendwann in den fantastischen Konzertsaal krachen. Hamburg schickte eigene Statiker los, ließ messen und nachrechnen und kam zu dem Ergebnis: Die Sache hält.

Hamburg in Person des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz (SPD) war ernsthaft genervt und drohte, Hochtief aus dem Vertrag zu werfen, wenn nicht auf der Stelle weitergebaut werde. Alle gelobten Besserung, als neues Fertigstellungsdatum wurde Mitte 2015 vereinbart. Man einigte sich in einem fünfseitigen Papier darauf, das Verhältnis zwischen Hamburg, Hochtief und Architekten neu zu ordnen. Ein großer Teil behandelt Regularien zu anstehenden Schiedsgerichtsverfahren. Das Ganze erinnert an Friedensverhandlungen in zerrütteten studentischen Wohngemeinschaften.

Die Nullmessung

Mit der Nullmessung will Hochtief nun herausfinden, ob sich das 2000 Tonnen schwere Stahldach gefahrlos auf das Gebäude setzen lässt. Man wird probieren und die Rissbildung im Beton studieren, wobei es darauf ankommt zu unterscheiden, ob sich kontrollierbare oder unkontrollierbare Risse bilden. Es heißt, nur unkontrollierbare Risse seien ein Problem.

Wann und ob tatsächlich bald weitergebaut wird und welcher Art die Risse zwischen den drei Vertragspartnern sind, niemand weiß es in Hamburg. Es kursieren nur Gerüchte. Angeblich wurde Olaf Scholz beim Mittagessen mit Marcelino Fernandez Verdes gesehen, dem Manager der spanischen Hochtief-Mutter ACS. Angeblich wollte ein russischer Oligarch alle 45 Wohnungen in der Elbphilharmonie kaufen. Angeblich redet man im Hamburger Rathaus schon davon, der Bau werde womöglich erst 2018 fertig. Gümbel: „Es herrscht noch immer völlige Intransparenz. Über die Verhandlungen zwischen Stadt und Hochtief wissen Parlament und Öffentlichkeit fast nichts. Das Ganze ist eine Blackbox.“

In Hamburg fürchtet man, dass das auch noch ein paar Jahre so bleiben wird. „Bürgermeister Scholz versucht, den Zahltag auf einen Termin nach der nächsten Wahl zu verschieben“, meint die Abgeordnete Gümbel. Die wäre im Frühjahr 2015, acht Jahre nach Baubeginn.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!