kalaydo.de Anzeigen

Architektur

27. Juli 2011

Ernst May-Festspiele : Die am Stadtrand gegliederte Form

Ernst May hat Städte auf drei Kontinenten gebaut. Foto: DAM

Ernst May prägte Frankfurts Stadtbild in den 20er-Jahren. In diesem unveröffentlichten Interview verdeutlicht der Erbauer der Römerstadt, worauf es in seinem Städtebau-Stil ankam.

Drucken per Mail
Zur person

Mit dem Architekten und Städteplaner Ernst May führte der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt vor 45 Jahren, zum 80. Geburtstag des Patriarchen, in seinem Hamburger Haus ein Gespräch. Die FR veröffentlicht Teile aus dem unpublizierten, halbstündigen Interview, das der Deutschlandfunk am 24. Juli 1966 sendete. Es verdeutlicht städtebauliche Vorstellungen, denen deutsche Planer in den 60er Jahren anhingen. fr

Wer sich um 1930 über neuen deutschen Städtebau informieren wollte, der wäre wohl nach Berlin gefahren, er hätte sich wahrscheinlich die Weißenhof-Siedlung in Stuttgart und die Dammerstock-Siedlung in Karlsruhe angeschaut. Aber mit Sicherheit wäre er nach Frankfurt gegangen und hätte sich im Stadtbauamt mit Ernst May in Verbindung gesetzt. Was war das Revolutionäre an Ihrer Tätigkeit von 1925 bis 1930 und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den heutigen Städtebau?

Die Siedlung Römerstadt, das bedeutendste Projekt des Niddatal-Projektes, das ich damals gebaut habe, wurde als Einheit geplant und von einer Baugesellschaft in einem Guss gebaut. Sie weist zwar die funktionellen Eigenschaften einer modernen Siedlung auf, aber nimmt durchaus auf die Form Rücksicht. Sie ist an einem Hanggelände gebaut und erhielt durch Staffelung, durch Orientierung in einzelne Sektoren eine klare Gliederung, die das Ganze bestimmt. Man kann die Sache leicht überblicken und erkennt: Die Römerstadt ist unverwechselbar. Das unterscheidet sie auch von vielen Siedlungen, die später entwickelt wurden, die völlig die Form negieren und nur noch durch Kontraste versuchen, einigermaßen Leben in die Stadt zu bringen.

Die Betonung der Form setzte die Siedlung gegenüber der Landschaft ab, im Gegensatz zu den auswuchernden Stadträndern vieler Städte heute.

Ja, die Eingliederung der Siedlung in die Landschaft war eine erste Bedingung bei der Bebauung der Römerstadt. Die ganze Niddatal-Siedlung ist in einer Verbindung von Landschaft und Architektur aufgebaut.

Von 1930 bis 1953 waren Sie nicht in Deutschland. Sie waren zunächst in Russland, haben dort viel geplant und wenig gebaut.

Das kam so: Ein russischer Architekt kam im Auftrag der russischen Regierung nach Frankfurt und hat die Frankfurter Siedlungen studiert. Daraufhin bekam ich einen Ruf nach Russland und erhielt den Auftrag, Stellung zu einem Projekt für die Siedlung Magnitogorsk zu nehmen. Ich sagte gleich dem Leiter der Zekom-Bank Luganowski, meinem Chef, meine Expertise würde in einem Gegenentwurf bestehen, ich bäte, mir die Mittel zu geben. Wir fuhren nach Magnitogorsk und haben dann die Stadt entworfen. Die Planung wurde später vollständig verändert. Ganz neue Verhältnisse traten ein, besonders dadurch, dass Magnitogorsk zum größten Stahlwerk Russlands wurde. Vor kurzem habe ich mir noch mal die Stadt angesehen. In meiner Zeit gab es dort die Steppe und den Magnetberg, mit einem unglaublich hochprozentigen Eisenvorkommen. Heute ist an den Ufern des Ural eine Stadt von 350 000 Einwohnern entstanden, mit Universität.

Ein Punkt, der Sie für Russland empfahl, war der Prozess der Vorfertigung, der Industrialisierung des Bauens, den Sie in Frankfurt eingeleitet hatten.

Ich hatte in Frankfurt die erste vorfabrizierte Siedlung gebaut mit großformatigen Elementen nach einem System, das sich nicht viel verändert hat. Heutige Bauten werden auch aus großformatigen Platten hergestellt. Nur habe ich damals für die Etage drei Platten gebraucht, die leichter zu bewegen waren. Heute nimmt man meistens eine Platte. In Frankfurt nahmen mir die Stadtverordneten die Sache nicht ab. Dann habe ich die Leute eingeladen, nachdem die Keller ausgegraben waren, und habe nachgewiesen, dass in 48 Stunden ein zweistöckiger Bau errichtet werden kann, natürlich ohne Ausbau.

Nach Ihrer Rückkehr aus Afrika, 1953, haben Sie sich auch mit dem rechtlichen Instrumentarium des Planers auseinandergesetzt. Seit 1960 haben wir ein Bundesbaugesetz. Finden Sie, dass es genügend Möglichkeiten bietet?

Nein. Das Bundesbaugesetz ist zweifellos ein großer Fortschritt gegenüber dem Zustand, ehe wir das Gesetz hatten. Aber die Möglichkeiten, die wir früher [in der Weimarer Republik] besaßen, sind zum Teil beschnitten. Ich erinnere an die Enteignung. Wir können ja heute nicht mehr enteignen.

Das Bundesbaugesetz sieht doch Enteignung vor.

Unter bestimmten Kautelen, die derartig kompliziert sind, dass – obwohl die gesetzliche Möglichkeit besteht – kaum Gebrauch davon gemacht wird.

Ihr Kollege in Hannover, Professor Hillebrecht, hat neulich einen Vortrag unter dem Titel „War alles falsch?“ gehalten. War alles falsch – die Entwicklung von der Gartenstadt-Bewegung bis zur durchgrünten, aufgelockerten Stadt? Dagegen stellt man heute oft die Forderung nicht nur nach Verdichtung, sondern auch nach einer Verzahnung der Funktionen. Halten Sie das für praktikabel, oder ist das Romantik?

Das ist Romantik, wegen der wirtschaftlichen Bedingungen. Wenn Sie ein Gelände haben, das für Dienstleistungsbetriebe geeignet ist, also etwa zehn- oder zwölfstöckig bebaut werden kann, dann hat das bei der privaten Wirtschaft, die wir haben, automatisch seine Auswirkung auf die Bodenpreise. Das heißt, der Boden wird so wertvoll sein, dass eine Errichtung von Wohnungen darauf sich nicht rentiert, weil niemand die Mieten bezahlen kann. Was man machen kann, ist, die Stadt in Trabanten zu gliedern, indem man die Wohngebiete absondert und auf eine bestimmte Größe beschränkt, die man dann in sich nach künstlerischen und ästhetischen Gesichtspunkten entwickelt.

Da kommt der Begriff der Nachbarschaften ins Spiel. Sie sagen: nach künstlerischen und ästhetischen Gesichtspunkten. Ich vermute, vor ein paar Jahrzehnten hätten Sie gesagt: nach sozialen Gesichtspunkten.

Ich lege absoluten Wert darauf, dass bei aller Erfüllung der Funktion des modernen Städtebaus auch die Form zu Wort kommen muss. Das kann man erreichen, indem man Landschaftsgroßräume schafft, die hoch umbaut sind, zehn, zwölf, vierzehn Stock, und dann ins Innere Seen legt, die von allen eingesehen werden, so dass jeder den Vorteil der Landschaft genießt. Außerdem hat dieses System den Vorzug: Wir wissen bei unserer Finanzlage [1966!] nie, welcher Teil einer Siedlung realisiert werden wird, meistens nur ein Teil zunächst, dann ein anderer. Bei diesem System des Landschaftsgroßraumes kann man einen Großraum für sich schaffen, dann den nächsten, und jeder ist für ein abgeschlossenes Ganzes, zusammen sind sie auch wieder ein Ganzes. Auf jeden Fall kann man jeden Teil so gestalten, dass er städtebaulich befriedigt. Deshalb ist diese Gestaltung nicht eine rein formale, sondern aus zweckmäßigen Gründen erforderlich.

Jetzt kommentieren

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!