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Foto-Ausstellung: Die Geburt der Postmoderne in der Wüste

"Las Vegas Studio" - Die Fotos von Venturi und Scott Brown aus den späten 60ern zeigen das Triviale und wild Gewachsene als funktionierendes städtebauliches Element. Von Daniel Bartetzko

Das Stardust Hotel und Casino. Las Vegas 1968.
Das Stardust Hotel und Casino. Las Vegas 1968.
Foto: Venturi, Scott Brown and Associates

Wer je an einer Universität mit Architekturtheorien des 20. Jahrhunderts konfrontiert wurde, kennt dieses Buch: "Learning from Las Vegas" heißt es, ist 1972 erschienen, hat in Lehre und Diskurs Maßstäbe gesetzt - und den Siegeszug der Postmoderne in den achtziger Jahren bedeutend unterstützt.

Die Architekten Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour verbrachten mit Studenten der Yale University 1968 mehrere Tage in Las Vegas, um Städtebau und Alltagsarchitektur zu erforschen: In einer autogerechten Stadt, die sich inmitten der Wüste an einer Hauptstraße gruppiert und deren Gebäude bunt dekorierte Tempel des Hedonismus sind - frei von formaler Strenge, oft auch von architektonischer Ästhetik.

Römischer Legionär, Caesars Palace Hotel und Casino, Las Vegas, 1968
Römischer Legionär, Caesars Palace Hotel und Casino, Las Vegas, 1968
Foto: Venturi, Scott Brown and Associates

Die nicht durch Architektenhand, sondern durch die Nutzer entstandene Zweckmäßigkeit der Bauten ist es, die Venturi, Brown und Izenour herausarbeiteten, schließlich auch propagierten. Das Triviale, das vermeintlich Hässliche und wild Gewachsene als funktionierendes städtebauliches Element zu begreifen, ist eine der damals hochgradig provokativen Forderungen, die im Buch erhoben werden. Die schlichte Architektur der Moderne, die in den Sechzigern die Dimensionen zu verlieren drohte, erhielt einen ordentlichen Rüffel.

Das Deutsche Architektur Museum (DAM) zeigt mit der Schau "Las Vegas Studio" nun eine Auswahl von Fotos und einen jener Filme, die damals in der Vergnügungsstadt entstanden. Denn nicht nur die Polemik mancher Thesen war unerhört, auch die Gesamtumsetzung war für eine wissenschaftliche Arbeit in dieser Konsequenz neu - und nahm voraus, was in der heutigen Mediengesellschaft gang und gäbe ist: In einem erheblichen Teil ihrer Dokumentation verlassen sich die Verfasser auf die Kraft der Bilder.

Four Queens Casino, Las Vegas, 1968.
Four Queens Casino, Las Vegas, 1968.
Foto: Venturi, Scott Brown and Associates

Die farbenfrohen Eindrücke, die vierzig Jahre im Archiv von Robert Venturi und seiner Frau Denise Scott Brown lagerten, zeigen nicht nur eine kommerzialisierte Stadt der sechziger Jahre, sondern bilanzieren eben auch die Wahrnehmung eines unvoreingenommenen Betrachters. Der eindeutigste Versuch, die Eindrücke zu vermitteln, sind wohl die Kamerafahrten entlang des "Strip", der wild dekorierten Hauptstraße mit den großen Hotels und Casinos. Doch noch nachhaltiger gelingt es eigentlich in den Fotografien zu zeigen, wie sehr die Ikonografie dieses Orts nicht von städtebaulichen Theorien, sondern vom knallbuntem Kommerz geprägt ist - der gleichwohl weder verdammt noch idealisiert wird.

Diese Wertfreiheit gegenüber dem Kommerz wie die Kritik an der modernen Architektur sind Aspekte, die sich heute, vierzig Jahre nach der Forschungsreise in Las Vegas, in ihrer Brisanz relativiert haben: "Learning from Las Vegas" entspringt dem Architektur- und Städtebaudiskurs der sechziger Jahre. Die Herangehensweise ans Sujet wie auch die provokative Grundhaltung ihres analytischen Teils reihen sie indes noch heute in die maßgeblichen Schriften der Architekturtheorie ein.

Der Las Vegas Strip von der Wüste gesehen, im Vordergrund Denise Scott Brown, 1966.
Der Las Vegas Strip von der Wüste gesehen, im Vordergrund Denise Scott Brown, 1966.
Foto: Venturi, Scott Brown and Associates

Und die Fotos - nun, sie sind großartige, zeitlose Kunst. Die Mehrzahl bildet ein Technicolor-Amerika ab, das einem Elvis-Presley-Film entstammen könnte. Wie der "Strip" bei Dunkelheit, der den Betrachter im Gewimmel aus Leuchtreklamen, Fußgängern und den allgegenwärtigen Autos schier die Orientierung verlieren lässt. Andere fangen hingegen die stillen Momente inmitten des Trubels ein, wie die voll beleuchtete, menschenleere Tankstelle bei Nacht - ein Bild wie von Edward Hopper gemalt. Schließlich der weiß leuchtende Neon-Springbrunnen, der vor der Dunkelheit der Nacht wie ein religiöses Symbol der Erleuchtung steht.

Das Verdienst der Ausstellung ist es definitiv, das Projekt "Learning from Las Vegas" nicht nur als Lehr- und Streitschrift zu begreifen, sondern eben auch als eigenständiges Kunstwerk. Einen Teil dieser Reputation hat das Buch dabei durchaus im Nachhinein erfahren, denn die Ästhetik der Bilder erschließt sich zu einem Gutteil aus der Retro-Design-Welle, die seit einigen Jahren Design und Stil der sechziger Jahre reproduziert.

Von dieser kommerziellen Wiedervereinnahmung profitiert auch "Las Vegas Studio" - was Robert Venturi und Denise Scott Brown gewiss nicht unangenehm ist, bestätigt es doch ihre Sichtweise, die dem Motto "erlaubt ist, was gefällt" breiten Raum einräumt.

Die Wirklichkeit hat "Learning from Las Vegas" freilich längst überholt: Um 1970 lebten dort 125 000 Menschen, mittlerweile ist es die größte Stadt Nevadas mit über 600 000 Einwohnern. Die teils wildgewachsene, einen Hauch gestalterischer Anarchie versprühende Wüstenstadt auf den Fotos von 1968 gibt es nicht mehr.

Deutsches Architekturmuseum,

Frankfurt, bis 21. Juni,

Autor:  DANIEL BARTETZKO
Datum:  30 | 3 | 2009
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