Als in den letzten Tagen bekannt wurde, dass der Architekt Franco Stella durch lange unbekannte Umstände am Wettbewerb zum Neubau des Berliner Stadtschlosses teilnehmen konnte, stand rasch die Frage im Raum, wie er sich Zugang hatte verschaffen können. Das Bundesbauministerium musste einräumen, dass sich die zuständigen Dienststellen auf eine Selbstauskunft verlassen hätten, der man Glauben geschenkt habe, ohne sie zu prüfen.
Das ist zweifellos ein im realen Leben eingeübtes Verfahren. Und es ist, so muss man zugeben, eines, das sich selbst im Berufsleben bewähren muss. Denn auf Vertrauen basieren Dienstpläne, auf Vertrauen in Bilanzen gründen Riesenbetriebe, und weil unser aller Vertrauen groß ist, geht es sogar in der Bürokratie manchmal reibungslos zu, was nicht heißt, dass es immer glatt geht.
Aus dieser Erfahrung heraus kann man feststellen, dass mit der Wiedererrichtung der Berliner Neoresidenz vielleicht doch zu viel auf dem Spiel stand, so dass der Auslober die Erfüllung seiner formalen Ausschreibungskriterien (mindestens drei Mitarbeiter; Mindestumsatz von 300.000 Euro) wichtiger hätte nehmen sollen. Anstelle einer Selbstauskunft per Unterschrift hätten das Bundesministerium und das Bundesamt für Raumordnung und Bauwesen sich Dokumente zeigen lassen müssen - auch wenn sich der bürokratische Aufwand erhöht hätte, Schriftkram an erster Stelle.
Stella selbst bestreitet, falsch Zeugnis abgelegt zu haben. Er versichert, die Kriterien nicht nur durch seine Unterschrift zur Kenntnis genommen, sondern erfüllt zu haben. Wie Stella in den Wettbewerb hineingeriet, werden diejenigen wissen, die für ihn dadurch, dass sie nicht richtig hinschauten oder auch wegschauten, praktisch einen Fuß in die richtige Hintertür gestellt haben. Sie haben das für einen Unbekannten getan.
Und vielleicht haben sie es bewusst für ein kleines Büro gemacht, um nicht allein den Großmatadoren der Szene, darunter den Haudegen zum Bau von Hohenzollernreplik und Humboldtforum, sondern einem echten Außenseiter eine Chance zu geben. Vielleicht schwang gar der Gedanke mit, es mit einem Individualisten oder gar Innovator zu versuchen - eine Mutmaßung, die jedoch eine solche wird bleiben müssen.
"Es wäre hilfreich", so hat der Präsident der Berliner Architektenkammer, Klaus Meier-Hartmann, gesagt, "wenn einer der Beteiligten, Franco Stella oder der Bund, ein paar klare Worte sagen." Wie aber soll das gehen, wo doch diejenigen, die sozusagen ihren Fuß für das Türchen bereit hielten, durch das Stella schlüpfen konnte, anonym bleiben wollen.
Darin, dass man sich ungemein vornehm im Hintergrund hält, darf man eine Spielart des Mäzenatentums sehen, im Unterschied zu dem Vorwurf der "Planungsmafia" (den Berliner Insider in den Magazinen Art und Zitty erhoben, wo die Affäre ans Licht gebracht wurde). Oder sollten beide Formen der Einflussnahme in Berlin zusammengefunden haben, etwa nach Art von Zwillingen?
Vielleicht wird Berlin, traditionsbewusst wie es ist, sich eines Tages zu einem weiteren Denkmal durchringen, gewidmet dem Großen Unbekannten (in Stein gemeißelt: "Dem, der beim Stadtschloss ein Türchen offen hielt"). Oder müssen wir bei der Darstellung des Unbekannten an Zwillinge denken, mit denen etwas zusammenwuchs? Der nächste Schritt, der uns einfällt, wäre der zu einem Berliner Einheitsdenkmal. Der übernächste: Standort das Humboldtforum im Stadtschloss.
Soll doch mit ihm, so erzählen wir es bereits heute unseren Kindern, die Selbstdarstellung der Republik eine ganz besondere Rolle spielen.