Schon hat der berühmte Architekt, der der Großstadt ein neues Einkaufszentrum vermacht hat, andere Dinge im Kopf, denn er hat ja nach eigener Aussage nur die Zukunft in seinem Architektenkopf. Doch trotz der Dinge, die der Architekt nicht mehr im Kopf hat, lebt kein Mensch in der Großstadt, der sich nicht an den Architekten erinnert. Hat doch jeder Großstädter noch das Wort des Architekten im Ohr, wie sehr er mit seinem Werk zufrieden ist, zu 80 Prozent nämlich.
Die Großstädter sind die Frankfurter, das Einkaufszentrum ist "MyZeil", und der Architekt der 80 Prozent Massimiliano Fuksas. Damit hat der italienische Architekt, den alle Welt einen Stararchitekten nennt, so dass ihm dieser Ruf auch in die Großstadt vorauseilte (um in der Großstadt dann rasch heimisch zu werden), gar nichts anderes andeuten wollen, als dass er doch ein enormer Perfektionist und Formvollender sei.
"Eigentlich war ich noch nie mehr als zu 80 Prozent zufrieden, wenn ich ein von mir entworfenes Gebäude betreten habe", antwortete der befragte Fuksas. Einem begnadeten Baumeister, der er wohl mit bereits 80 Prozent sei, fehlten, so musste man seine Eitelkeit verstehen, am Optimum stets 20 Prozent, zwangsläufig, unter allen Umständen. So legte es ein Architekt nahe, der, auf dem Sprung, auf dem er war, als er in der Großstadt war, auch gesagt hat: "Die Vergangenheit ist vergangen. Wir sollten an die Zukunft denken."
Dosiertes Reinlassen
Seit dem Satz des Baumeisters von "MyZeil" hat die Großstadt Frankfurt ganz bestimmt keinen großen Bogen um dessen Bauwerk gemacht, vielmehr hat man sich ihm unterworfen, und das dürfte daran liegen, dass die Prozedur der Aufnahme in "MyZeil" die denkbar kürzeste ist, die man sich vorstellen kann. Wird man doch vom Menschenstrom auf der Straße, die ja die berühmte Zeil mit ihren Besucherströmen ist, buchstäblich mitgerissen.
Und schon steht man, weil es kein Entkommen gibt, unter Hunderten von "MyZeil"-Gewillten und unterwirft sich der Anstrengung, über das Geschehene, das über einen hineingebrochen ist, nachzudenken. Dazu gehört die Tatsache, dass es prophylaktisch von Seiten des "MyZeil"-Managements hieß, der "MyZeil"-Verbraucher werde zu "MyZeil"-Spitzenzeiten "nur dosiert reingelassen". So erfuhr es der Kunde praktisch an seinem Leibe, naturgemäß im Interesse der Sicherheit.
Gesund ist es seitdem für jeden "MyZeil"-Interessenten, wenn er "MyZeil" zu Spitzenzeiten meidet, auch wenn der Ansturm auf "MyZeil" einen Vorstoß verspricht, als gäbe es mit dem Andrang etwas zu gewinnen wie früher beim Run auf eine Bastion, also so etwas wie eine Erlösung, ja, wenn nicht so etwas wie eine Befreiung, dann doch einen Trost.
Trotz dosierten Reinlassens stellt sich "MyZeil" aber so dar wie ein schon seit Monaten und nicht erst seit zwei Wochen benutztes Haus, ja man verspürt den Impuls zu sagen, dass es regelrecht vernutzt wirkt. Die Lage in "MyZeil" ist die, dass im sogenannten Hochpreissegment des Stararchitektentums die Detaillierung nicht zählte; gemessen an Malls, wie sie zuletzt von Berlin über Braunschweig, Münster bis Wiesbaden eröffnet wurden, wurde Frankfurt die billigste Ausführung angedreht.
Es quillt aus den Ritzen und Fugen, die Schaufenstersprossen sind nicht auf derselben Höhe, Fensterformate in den Oberlichtern nicht auf Format gebracht, Fußleisten bereits abgefallen, Schlitze zwischen Putz und Metallpaneelen sind Einladungen, um sie mit Kaugummipapier zu stopfen.
An Ecken und Kanten ist der Universalputz abgebröckelt, das Metallgewebe in den Wänden nicht verputzt, Scharniere an Feuerlöscherboxen sind so schief, dass die Türen nicht abschließen, das Material der Dehnungsfugen ist aufgeplatzt. Was festgemacht werden sollte, wurde nicht festgemacht, was montiert wurde, fällt bereits aus seiner Fassung, was verkittet gehört, wurde verschmiert.
Was für ein Sortiment! Also kann der "MyZeil"-Verbraucher auch frei wählen, ob es sich bei all den weißen Farb-Tränen, die auf den Wänden zurückgelassen wurden, um Tränen der Lustlosigkeit oder der Gleichgültigkeit handelt, um Tränen des Widerwillens oder der Wut. Das zu entscheiden steht einem jeden Kunden frei, all den Augenzeugen, darunter vielleicht sogar dem einen oder anderen Handwerker unter all den "MyZeil"-Kunden, dem Maler oder Lackierer oder Elektriker oder Schreiner, die mitansehen, wie das, was zusammengefügt werden sollte, nicht zusammengefügt worden ist.
Und plötzlich denkt der "MyZeil"-Kunde, ob es mit den Abdeckungen und Blenden und Materialien deshalb so ist, wie es in "MyZeil" nun mal ist, weil der Architekt über alles, Handwerk und Materialen, denkt wie über die Vergangenheit, nämlich gleichgültig.
In der Tat strömt auf den "MyZeil"-Kunden eine ganz ungeheure Auswahl an Eindrücken ein, angefangen damit, dass in diesem Gebäude nichts eckig ist und nichts kantig, sondern alles rund und gebogen und geschwungen und verschlungen.
Um den "MyZeil"-Endverbraucher in Stimmung zu versetzen, wurde das Bauwerk bewusst unübersichtlich konzipiert, wurde die Anordnung der Rolltreppen darauf angelegt, dass sich der Einkaufszentrumverbraucher verläuft. Ist es ein Wunder, wenn er Halt und Orientierung in den Läden sucht? Ist es Kalkül, dass er es tut?