Es muss B sein, sonst sollte man gar nicht erst anfangen. Eine weiche Mine, ein empfängliches Blatt Papier: Unter derartigen Voraussetzungen sind im Laufe der Jahre zahllose Skizzen entstanden, erste Entwürfe, Konzepte, auf denen sich aufbauen ließ. Was durch den Kopf ging, nahm in einem schwarzen Notizbuch Gestalt an. Fassaden erhielten Konturen, Dächer wurden zu Schieferflächen schraffiert, Fenster bekamen eine Fensterbank, das Zweidimensionale wurde plastisch. Wenn man zusieht, wie Christoph Mäckler sein Notizbuch zückt, sieht man zu, wie es ihn entzückt. Seiten lässt er im A-6-Format aufwirbeln - ein Daumenkino der Architektur. Das Wort Baukultur fällt ihm leicht.
Doch immer wieder wurde das Notizbuch unter der Hand auch zu einem Schwarzbuch der Architektursünden. "Hier sieht man es wieder", sagt der Architekt. Er meint die Unart überdimensionaler Dachaufbauten, feiste Proportionen. Im Oktav-Format entsteht Strich für Strich ein Gebilde, rasch skizziert sind die falschen Größenverhältnisse, energisch korrigiert durch weitere Striche.
Christoph Mäckler, 1951 in Frankfurt geboren, lehrt an der Fakultät Bauwesen der TU Dortmund Städtebau. Er ist Gründungsdirektor des "Dortmunder Instituts für Stadtbaukunst". Im März wird in Frankfurt der von ihm gebaute Opernturm eröffnet.
Das Buch: Manfred E. Schuchmann, Christoph Mäckler: Architektursünden in Hessen. Jonas Verlag, Marburg 2009, 133 S., 18 Euro.
Auf unserer Stadtexkursion durch Frankfurt stehen wir vor dem Alemania-Haus an der Hauptwache, es stammt aus der Nachkriegszeit. Klar gegliedert die Fassade, eine offene Erdgeschosszone mit Läden, fünfgeschossig die Bürotrakte, darüber ein zurückspringendes Attikageschoss, abgeschlossen von einem Flachdach, das leicht (so behutsam wie beschwingt) auskragt. Für Mäckler, der viel und vehement für das Giebeldach eingetreten ist, der über das Dach als die "fünfte Fassade des Hauses" geschrieben hat, bedeutet das Flachdach an dieser Stelle eine angemessene und eine sinnfällige Lösung.
Das Angemessene und das Sinnfällige aber ist dort, wo Frankfurts Mitte liegt, eine Rarität. Gleich nebenan wird die aus den 50er Jahren stammende Gebäudefassade saniert - mit welchem Ergebnis? So viel darf man sagen: Von den Erdgeschosszonen bis zu den Dächern ist die Stadt in ihrer Mitte vielerorts eine Zumutung.
"Städtebauliche Bankrotterklärung"
Auf dieses Merkmal trifft man besonders an Frankfurts Plätzen, das ist kein Alleinstellungsmerkmal der Hauptwache. Erst recht das, worauf man an der Konstabler Wache gestoßen wird, ist ein Fiasko - so wurde immer wieder geseufzt oder auch ausgerufen, um sich des Ungeschlachten zu erwehren. Und wenn es hieß, der Platz sei eine "städtebauliche Bankrotterklärung", wie man jetzt auch bei Manfred E. Schuchmann lesen kann, dann trifft auch das die Sache in der Bankenme-tropole. Denn nichts, was sich am Dauerzustand des Bankrotts geändert hätte.
Gemeinsam mit dem Journalisten Schuchmann hat Mäckler das Buch kürzlich veröffentlicht. Fünfundzwanzig Ortstermine haben der Architekt und der Moderator des Hessischen Rundfunks anberaumt, von Alsfeld bis Wiesbaden haben sie sich den Verstößen ausgesetzt, dem gebauten Frevel. Mit dem "Schuchmann/Mäckler" stehen wir immer wieder vor dem "Elend" - so an der Konstabler Wache. Auch hier hat Mäckler dem Gestaltlosen eine Form gegeben, die fünf Stufen des Platzes hoch ein Karree auf die Betonplatte gezeichnet, mit Wohnungen, Läden. Satteldächer mit Gauben schlössen eine drei- bis viergeschossige Bebauung ab, niedriger sollte sie zum Bienenkorbhaus hin ausfallen.
Dieses Gebäude hat sich der Frankfurter lange Jahre als eine Ikone seiner Nachkriegsmoderne vorstellt - hat er, da es zuletzt durch die Sanierung (allein die Fenster, darf das denn wahr sein!?) übelst entstellt wurde. Der Platz erhielte eine Fassung, der städtische Raum einen architektonischen Rahmen.
Zweifellos handelt es sich bei den Skizzen in B nicht um ausgefeilte Konzepte. Doch da die Stadtreparatur für den Direktor des Dortmunder Instituts für Stadtbaukunst nicht allein eine ästhetische Frage ist, sondern auch eine soziale, macht er Vorschläge für die Nutzungen im Karree.
Das "Worschtquartier" ist grauenhaft
"Wo ist eigentlich das Zeil-Kino geblieben?" Mäckler weiß, dass er rhetorisch fragt. In ihrer Mitte ist die Zeil bereits tagsüber eine kaum genutzte Bewegungsfläche, vielmehr strömen die Zeilkonsumenten links und rechts, an den Rändern, an den Kaufhäusern entlang, so dass die Mitte als Straße genutzt werden könnte, von PKW, von einer Straßenbahn, um die monofunktionale Fußgängerzone auch nach Dienstschluss des Zeilverbrauchers zu beleben.
Aber wohin dann mit den soeben errichteten Pavillons aus grauem Metall und abgedunkeltem Glas? "Worschtquartier" steht über einer Pavillonöffnung. "Grauenhaft", schüttelt es Mäckler. Doch ganz abgesehen von diesem Gemütlichkeitsversprechen: Die Pavillons hält er für überflüssig, sie sind für ihn sterile städtebauliche Strategien.
In der Tat, statt auf einer der umsatzstärksten Einkaufsstraßen Deutschlands in den Erdgeschosszonen in Aufenthaltsorte, Kneipen oder Cafés, zu investieren, um die Zeil über den Ladenschluss hinaus zu beleben, finanziert die Stadt in Verlegenheitslösungen. Die Kommune subventioniert den urbanen Unsinn einer Monofunktion. Die Pavillons sind die Zeichen einer selbstverschuldeten Misere.
"Ich sag jetzt besser nichts", zieht es Mäckler weiter.
Wir stehen auf der Hauptwache, sie soll der zentrale Platz der Stadt sein. Wir blicken auf die Galeria Kaufhof. Für das Gebäude findet sich im "Schuchmann/ Mäckler" der Vorschlag einer Fassade, es ist eine, die deutlich in der Tradition der Warenhausfassaden zu Beginn des 20. Jahrhunderts steht. Man könnte bei der Skizze aus dem schwarzen Notizbuch an den suggestiven Expressionismus eines Alfred Messel denken (in Anbetracht der B-Mine kein Wunder!), nicht nur wegen des dekorativen Aufwands, sondern wegen der starken vertikalen Betonung der Fassade und der Konstruktion.