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Architektur

16. Juli 2012

Freiheitsdenkmal Leipzig : Protest zum Mitnehmen

 Von Nikolaus Bernau
Modell des Wilhelm-Leuschner-Platzes mit Denkmal.  Foto: Stadt Leipzig

Der Wettbewerb für das Leipziger Freiheitsdenkmal ist entschieden – die Debatte eröffnet

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Die Symbolik von politischen Denkmälern ist eine heikle Sache. Das wird man nun auch in Leipzig sehen können. Dort soll ein Denkmal an den Beginn der friedlichen Revolution von 1989 erinnern. 70.000 Menschen kamen am 9.Oktober 1989 in der „Heldenstadt“ zusammen. Es war das Fanal für die SED, die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, die noch am Tag zuvor in Berlin – also direkt nach dem vierzigsten Geburtstag der DDR am 7. Oktober – unter den Augen von Michail Gorbatschow und der West-Medien ihre Schläger auf Demonstranten losgelassen hatte. Es wurde klar: Nicht nur einige wenige Oppositionelle stehen auf, sondern das Volk tut dies.

Das Denkmal zur Erinnerung an diese Ereignisse soll auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz entstehen – dort, wo die damals bereits seit fünf Wochen montags demonstrierenden Menschenmassen am 9. Oktober erstmals zu einem Ring zusammen kamen. Am Freitag wurde der erste Preis für dieses Denkmal an die Münchner Aktionskünstler Marc Weis und Martin de Mattia sowie die Berliner Landschaftsarchitekten Sofia Petersson und Moritz Schloten vergeben. Ein fußballfeldgroßes Rechteck aus 70.000 bunten Platten wollen sie auf dem Platz anlegen, die Farben seien aus dem DDR-Farbkanon gewählt.

Die Jury lobte das Raster ausdrücklich: „Die Ordnung der Geometrie kann als Ablauf der Montagsdemonstrationen ,in geordneten Bahnen’ gelesen werden und bringt somit die Gewaltfreiheit zum Ausdruck.“ Geordnete Bahnen – da denkt man gleich an Lenins Hohn über die Deutschen, die erst eine Bahnsteigkarte lösen würden, bevor sie einen Bahnhof stürmen! Auch wenn die Marschordnung der Leipziger den Manifestationen der Machthaber glich, wäre es doch sinnvoller, die Ziele der Demonstranten – nämlich Reise-, Wahl- und Meinungsfreiheit – hervorzuheben.

Hocker als Symbole der freien Rede

Auf dem strengen Denkmal-Rechteck sollen 70.000 bunte Hocker stehen, aus Aluminium gefertigt. Sie seien, so teilen die Designer mit, Symbole der freien Rede. Das Vorbild ist offenkundig Speakers Corner im Londoner Hyde Park, wo schon eine Orangenkiste als Podium für die Verkündung der eigenen Weltsicht genügt. Viele der Leipziger Hocker werden indes festgeschraubt sein. Die fatale Symbolik eines solchermaßen fixierten, ja gemaßregelten Protest-Erinnerns wurde offenbar bisher nicht bedacht. Einige der bunten Hocker sollen aber auch frei stehen und können, so die Entwerfer, mitgenommen werden. Die Zeichen der Leipziger Freiheit gehen dann in die Welt und so weiter.

Das ist eine wirklich schöne, vitale und aussagekräftige Idee. Mit hundertprozentiger Sicherheit werden diese Hocker bald zu den beliebtesten Leipzig-Souvenirs! Aus Kostengründen bietet sich also ihre Anfertigung in stabiler, bunter Pappe an – wenngleich auch das symbolisch nicht befriedigen kann. Die Demonstrationen gegen das SED-Regime waren nun wirklich nicht von Pappe.

Auch der mit dem zweiten Preis ausgezeichnete Entwurf des Berliner Büros von Jan Edler und Tim Edler setzt auf Bürgerbeteiligung. Ein strahlenförmiger „Platz der Meinungsfreiheit“ ist zu sehen. Die Menschen sollen ihn immer wieder neu gestalten, indem die Parolen auf den Kreissegmenten je nach tagesaktuellen Interessen neu geschrieben werden. So schön die Aktualisierung sein mag: Eine zentrale Qualität von Freiheit ist nun einmal, dass nicht alles auf einen Punkt zustrebt. Und Freiheit sollte sich auch nicht nur in Parolen erschöpfen. In der Symbolik kaum weniger problematisch – wenn auch als städtischer Park weit besser geeignet – ist der drittplatzierte Entwurf des Leipziger Teams Anna Dilengite und Tina Bara. Ein „Herbstgarten“, durch den große Tore führen, deren Bedeckung im Blick von oben die Schriftzeile „Keine Gewalt“ ergibt. Abgesehen davon, dass dies nur vom einst auch der Stasi als Überwachungsbasis dienenden Universitätshochhaus zu lesen sein wird, abgesehen auch davon, dass die Forderung „Keine Gewalt“ nach den Erfahrungen von Peking den Leipziger Protest begleitete, war sie nicht Inhalt der Demonstrationen von 1989.

Das Leipziger Denkmal hat bei weitem mehr Berechtigung als das umstrittene Berliner Einheits- und Freiheitsdenkmal, das nach dem Willen des Bundestags neben den nachgebauten Schlossfassaden entstehen soll. In Berlin ist eine gigantische, auf einem großen Gelenk gelagerte Schale geplant, welche die Besucher in Bewegung setzen. Den Schwung der Demokratie, den Willen der Mehrheit, die Notwendigkeit von Eigenertüchtigung soll das symbolisieren. Aber Demokratie berücksichtigt auch den Willen der Minderheiten. Und warum entscheiden die in der Mitte nicht mit? Doch auch in Leipzig droht die ästhetisch-materielle Umformung von historischen Ereignissen an den Tücken der Symbole zu scheitern. Sie droht letztendlich als beliebiges Mach-Mit-Spiel zu enden.

Ein Volksfest böte sich an

Erfahrungsgemäß gelingen Denkmäler vornehmlich dann, wenn sie Ereignissen gewidmet sind, deren tragischer oder heroischer Charakter Allgemeingut geworden ist. Mit dem Erinnern an Gefallene oder Ermordete, Gefangene oder Misshandelte und an vorbildhafte Einzelpersonen haben wir in Denkmalsform viel Erfahrung. Froher Ereignisse hingegen wird aus guten Gründen meist nicht materiell, sondern durch Rituale gedacht. Stadtjubiläen, religiöse Feste, der Sturm auf die Bastille, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, der Tag der deutschen Einheit – sie werden in der Form wiederkehrender Feste, Umzüge, Paraden, Meditationen, Kongressen und Reden begangen.

In Leipzig immerhin bietet sich eine solche Ritualisierung geradezu an. Immer zum Jahrestag der Demonstration der 70.000 könnte hier an diesem neuen bunten Ort ein Volksfest stattfinden. Mit Reden, viel Trara und allem feierlichen Drumherum. Und nur an diesem einen Tag sollten auch neue Hocker aus Pappe aufgestellt werden. So dass sie, wenn sie später etwa nach Moskau oder Peking verschleppt werden, nicht nur bezeugen: Ich war in Leipzig. Sondern auch Zeuge sind davon: Ich war am Freiheitstag in Leipzig.

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