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Architektur

22. November 2012

Haus des Jahres: Bloß kein Standard-Häuschen!

 Von Nikolaus Bernau
An den Tanz Paso doble soll der Entwurf der Architekten L3P erinnern. Das im Zürcher Unterland realisierte Projekt übernimmt vom Tanz die sehr dichte Nähe und das zeitgleiche Auseinanderdriften. Foto: callwey

Der Wettbewerb zum Haus des Jahres zeigt, wie Architekten die Wünsche der Häuslebauer ignorieren. Ja, sie scheint geradezu panische Angst gehabt zu haben, Arbeiten auszuzeichnen, die irgendwie an die Satteldach-Eineinhalbgeschosser der Adenauer-Zeit erinnern könnten.

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Da steht es nun am Vierwaldstätter See, das von dem Schweizer Architekten Daniele Marquez entworfene „Haus des Jahres 2012“. Weiße Wände, weiße Brüstungen um weite Terrassen, leicht schwebend. So zeigt man seit dem legendären Haus Fallingwater, das der große Frank Lloyd Wright 1935 in Pennsylvania plante, Wohnluxus. An seine Bauten erinnern auch zuerst die pfeilergleich aufragenden weißen Kaminschornsteine. Zudem bietet das Haus: große Fenster, einen prachtvollen Ausblick und die maximale Ausnutzung des Hanggrundstücks, dem man eher eine kleine Hütte gewünscht hätte. Ist dieses Haus nun das Vorbild für aktuelles Wohnen oder nicht doch ärgerliche Landschaftsausbeutung?

Ausgelobt wurde der Wettbewerb von der Zeitschrift Baumeister und dem Deutschen Architektur-Museum in Frankfurt am Main. Beide haben den Anspruch, Maßstäbe fürs Bauen zu geben, den Architekten ebenso wie den Bauherren. Insgesamt 223 Vorschläge waren zum Wettbewerb eingereicht worden, vier erhielten eine Auszeichnung, einer den Preis.

223Vorschläge

Der Wettbewerb „Häuser des Jahres“ wurde von der Zeitschrift Baumeister und dem Deutschen Architektur-Museum in Frankfurt ausgelobt. Beide nehmen in Anspruch, Maßstäbe fürs Bauen zu geben, den Architekten und den Bauherren. Gesucht wurden Wohnhauskonzepte, die von hoher architektonischer Qualität zeugen.

Eingereicht wurden 223 Vorschläge eingereicht, Daniele Marques aus Luzern kam auf den ersten Preis, der Sonderpreis ging nach Lausanne, viermal wurde eine Auszeichnung vergeben. Der Wettbewerb wurde zum zweiten Mal durchgeführt. Das Begleitbuch von Wolfgang Pehnt und Wolfgang Bachmann „Häuser des Jahres“ ist im Callvey-Verlag erschienen und kostet 59,95 Euro.

In der Ausstellung und in dem Begleitbuch sind manche feine Architekturen zu sehen. Großartig in seiner Haus-vom-Nikolaus-Schlichtheit ist etwa das aus Holz gebaute Badehaus am Attersee von Luger & Maul. Oder das auf Stelzen schwebende überhaupt: Wieder einmal zeigt sich Holz als das eigentliche Baumaterial der Zukunft, bis hin zu den beiden schwarzgrau lasierten Häusern in einem Einfamilienhaus-Vorort von Kaiserslautern von Scheder & Scheder, die mit klaren Grundrissen und sauberen Konstruktionen zeigen, was sogar auf knappen, komplizierten Grundstücken möglich ist.

Viele der eingereichten Entwürfe folgen hingegen dem althergebrachten Luxus-Schema: Es gibt viel Platz für wenige Bewohner. Oft sucht man vergeblich nach Kinderzimmern. Das sehr schweizerische, betonharte Haus von Philippe Béboux und Stephanie Bender (2b architectes) in Lausanne mit vier Wohnungen erscheint auch deswegen so interessant. Durch die Verschachtelung der Grundrisse reicht jede Wohnung über mehrere Geschosse, hat eigene Ausblicke, eigene Gärten und Garagen. Eine „Urbane Villa“, wie der Entwurf heißt – schade nur, dass für sie ein Stück eines tatsächlichen Villengartens geopfert wurde.

Es fällt auf: Heimatbezug ist wenigstens auf der rhetorischen Seite wichtig. Da ist etwa das von Denzer & Poensgen entworfene Projekt in Wuppertal: Ein Neubau neben einem schlichten alten Haus, mit viel roh gebrochenem Naturstein, wie man ihn hier viel findet. Ein Projekt, das zwar teilweise im Erdboden versenkt wurde, um das Schwimmbad zu verstecken, das in den Proportionen und Formen angepasst erscheint, bei dem die Grundrisse erfreulich klar sind, bei dem man sich aber dennoch fragen muss: Passt so viel Aufwand zum Ziel einer Hauserweiterung?

Auch die Anlehnung bei der Klassischen Moderne ist offenbar gerade modern. Viele Villen mit weißen Wänden oder offenen Ziegelsteinmauern sind zu sehen, aber auch die Variation der legendären Farnsworth-Villa von Mies van der Rohe, die Werner Sobeck bei Ulm plante: Weißes Plattendach, weiße Terrasse, dazwischen Glas, Glas, Glas und ein supergrüner Rasen davor. Als Mrs. Farnsworth sich einst beim großen Mies beschwerte, ihr Haus sei zu durchsichtig geraten (außerdem leckte das Dach), antwortete er angeblich, dass geschlossene Außenwände des großen Grundstücks wegen entbehrlich seien.

Kaum Verständnis für die Bedürfnisse der Menschen

Verständnis für das Bedürfnis von vielen Menschen, nicht nur repräsentativ wohnen zu wollen, zeigte auch die jetzige Jury nur bedingt. Ja, sie scheint geradezu panische Angst gehabt zu haben, Arbeiten auszuzeichnen, die irgendwie an die Satteldach-Eineinhalbgeschosser der Adenauer-Zeit erinnern könnten. Dumm nur, dass genau diese Häuser, behaupten jedenfalls Fertighausfirmen und Bausparkassen, das Ideal der meisten deutschen Häuslebauer sind: Ein Grundstück mit Platz für Apfelbaum, Kinderrutsche und zwei Autos.

Das kleine Glück: So – oder zumindest so ähnlich – stellten Familien sich jahrzehntelang ihr Wohnhaus vor.Foto: dpa

Der Konflikt ist kein deutsches Phänomen. Das offizielle Ideal amerikanischer Wohnkultur ist immer noch der coole Bungalow mit offenen Räumen, Fensterwänden und schwer gemauertem Kamin. Der Baumarkt aber wird beherrscht vom pragmatischen Holz-Fertighaus, wie es schon im 18. Jahrhundert gebaut wurde, bereichert um Wirtschaftsraum und Spülmaschine. Auch in Deutschland forderten die Fachleute seit etwa 1900 vom Bürgertum, einen individuellen Stil zu pflegen. Doch die Bürger setzen eher auf soziale und ästhetische Homogenität, zeigten nur im Detail etwas Eigenes.

Andererseits: Man unterschätze die kulturelle Wirkung der Luxus-Bilder in Büchern und Ausstellungen nicht. Meist dauert es allerdings einige Jahre, bis sie ihre Wirkung auf dem Massenmarkt entfalten. Die Fotografien Julius Shulmans von amerikanischen Edel-Wohnhäusern aus den 50er- und 60er-Jahren wurden vor etwa zwanzig Jahren wiederentdeckt. Inzwischen zeigt sogar der Ikea-Katalog so offene, luftige Räume.

Kann dieses moderne Bild konkurrieren mit dem herrlichen alten Bauernhaus auf grüner Bergwiese, das von Katrin und Otto Brugger in Bartholomäberg sorgsam restauriert wurde, mit kleiner Terrasse und viel Holz? Ein Haus wie aus dem Kinderbuch, heißt es von der Jury. Sollten wir nicht langsam erwachsen werden?

Für die „Urbane Villa“ an der Spitze des Parks Campagne de Beaumont in Lausanne, einem Landsitz aus dem Jahr 1850, gab es den Sonderpreis. In dem kompakten Bau sind vier große, individuelle Wohneinheiten vereint. Die Jury erkannte in dem Bau von 2b architectes einen innovativen Beitrag zur Frage der innerstädtischen Verdichtung. Foto: callwey
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