Angesichts der vielen Opfer, die Naturkatastrophen oder Bürgerkriege fordern, verbietet sich oft sehr lange die Frage nach der Verwüstung kultureller Werte. So weiß selbst die internationale Denkmalpfleger-Vereinigung Icomos, deren früherer Chef Michael Petzet nun in Berlin den neuen Bericht zum „Erbe in Gefahr“ (Bäßler Verlag, 19,80 Euro) vorstellte, noch immer nur sehr generell, dass rund 150 historische Stätten in Japan von Erdbeben und Tsunami betroffen waren. Bilder und Berichte vom Vorjahr aus Haiti, Chile oder der chinesischen Provinz Sichuan hingegen zeigen, wie sehr bei solchen Katastrophen auch zentrale Teile der kulturellen Tradition bedroht sind.
Meist aber gefährden die Menschen selbst ihr Erbe, wenn etwa die Silhouetten von Wien, St. Petersburg oder Istanbul mit Hochhäusern verschandelt werden sollen; Betonpfähle in die historischen Mauern der georgischen Kathedrale von Bagrati gerammt werden oder in Bayern ein wunderbares Ensemble des Barockarchitekten Balthasar Neumann verfällt.
Welches sind die Kriterien?
Gegen den Bau der Moselbrücke könne sich Icomos wohl nicht mehr wenden, sagte Petzet, aber die Brücke bei St. Goar sehe er noch nicht: Die Unesco habe bei ihrer Sitzung in Brasilia 2010 mitnichten – wie das in Deutschland Politiker und Straßenbaufans bejubelten – die durch das Welterbe Rheintal geplante Brücke genehmigt, sondern lediglich den vorgeschlagenen Weg zur Suche nach Alternativen.
Trotz der Fülle erschreckender Beispiele fragt man sich allerdings, welche übergreifenden Kriterien der Auswahl von Icomos zugrunde liegen. Der Welterbetitel ist jedenfalls keines, sonst dürften die vom Abbruch bedrohten Bauten des Stuttgarter Hauptbahnhofs oder des Landtags in Hannover nicht erwähnt werden. Und die Gefährdung durch Umbauprojekte wird durchaus unterschiedlich gesehen: In Dessau plädiert Petzet für eine detailgetreue Rekonstruktion des Wohnhauses von Walter Gropius. Der umfassende, aber formenkopierende Teilneubau des Dizengoff-Platzes in Tel Aviv, eines der wichtigsten Monumente der Klassischen Moderne im Nahen Osten, wird hingegen scharf kritisiert.
Und dem umstrittenen Radi- kalumbau des Berliner Pergamonmuseums gab Petzet – als Privatmann, nicht als Sprecher der Unesco oder von Icomos – regelrecht den Segen: Die Architekturmonumente der Museumsinsel benötigten eben Platz, der vom Berliner Landesdenkmalrat kritisierte Abriss des historischen Stadtbahnsaals für einen neuen Mschatta Saal erschien ihm in der Relation kein so großer Verlust.