Das Gebäude dürfte eines der kompliziertesten der Berliner Museumsgeschichte werden: Die so genannte James-Simon-Galerie, für die derzeit zwischen Kupfergraben und Neuem Museum die ersten Fundierungsarbeiten beginnen. Entworfen wurde sie von dem englischen Architekten David Chipperfield und seinem Büro - die seit einem Jahr weltweit für die Restaurierung und Ergänzung des Neuen Museums gefeiert werden. Auch das Konzept für die Galerie geht auf sie zurück, der Auftrag wurde ohne Wettbewerb 2001 vergeben.
Doch trotz des Namens, der an den wichtigsten kaiserzeitlichen Mäzen der Museen erinnert, wird die James-Simon-Galerie nur sehr bedingt zum Ausstellungshaus taugen: Der einzige Ausstellungsraum, nur mit Kunstlicht versehen, befindet sich im Tiefgeschoss und ist trotz des kleinen Foyers weit weniger dramatisch inszeniert als die diversen anderen Eingangshallen oder gar das Café. Das ist inmitten einer luftigen Säulenhalle auf der hochgelegenen Terrasse geplant, mit Aussicht auf Kupfergraben und Lustgarten. Ein garantierter Besucherhit also, zumal die Terrasse Tag und Nacht geöffnet sein soll.
Ein Lernzentrum wird dieser Bau aber auch nicht. Zwar ist hier endlich das dringend benötigte Auditorium für die Museumsinsel vorgesehen. Doch Räume für Gruppen oder die Museumsdidaktik sucht man vergebens. Es sind derzeit nur angloamerikanische Museen, eher angewiesen auf Geld von Sponsoren und deswegen offener für deren Wünsche, die solche Räume wie in Renzo Pianos Art Institute in Chicago nahe dem Haupteingang und so symbolisch herausgehoben unterbringen.
Wenn die James-Simon-Galerie aber gar keine richtige Galerie ist und auch nicht wirklich der Volksbildung dienen soll - wozu ist die Anlage dann gedacht? Der in der Verwaltung gebräuchliche Titel "Eingangsbau" sagt es. Der Neubau soll vor allem als Zugang zur geplanten Archäologischen Promenade dienen, die künftig die Sockel- und Untergeschosse des Alten, des Neuen, des Pergamon- und Bode-Museums verbinden soll. Und er soll den "Kurzrundgang" durch das Pergamonmuseum erschließen, der - wenn die Pläne realisiert werden - künftig dessen Architektursäle zusammenfasst. Wegen der dafür geplanten Eingriffe in das Welterbe Pergamonmuseum ist die museumsintern nur halb ironisch als "Touristenrennbahn" bezeichnete Anlage allerdings bei Historikern wie Denkmalpflegern umstritten.
Für ein so komplexes Raumprogramm ist der Raum zwischen Neuem Museum und Kupfergraben außerdem reichlich eng bemessen, zumal auch noch ein neuer Pfeilerhallenhof entstehen soll. Die Folgen für die Grundrisse sind teilweise absurd. Schließfächer und Garderobe etwa mussten in einem niedrigen Zwischengeschoss unterkommen. Nach allen Erfahrungen sind damit lange Schlangen programmiert.
Solche Details zeigen, dass die gesamte Anlage eher für Besucher gedacht ist, die unbeschwert von Mänteln und Gepäck in Bussen anreisen und lediglich den auf 40 Minuten terminierten Kurzrundgang absolvieren. Den Museumsshop aber, der den Berliner Museen zwingend notwendige Zusatzeinnahmen einbringen soll, werden die eiligen Touristen indes nur mit Mühe im Zwischengeschoss finden. Es ist jetzt schon klar, dass er weder an Glanz noch an kommerziellem Erfolg mit jenen grandiosen Geldsammlern wird konkurrieren können, die man aus London, New York oder Paris kennt.
Fataler aber ist die Anlage des Neubaus für die städtebauliche Situation der Museumsinsel. Denn alleine vom Lustgarten aus wird man künftig noch die kostbare Westfassade des Neuen Museums sehen können, und auch von dort aus nur in einer straffen Diagonalperspektive. Das kaschieren alle vom Büro Chipperfield oder den Museen veröffentlichten Ansichten. Zum Kupfergraben aber, also zu der Seite, die die meisten Besucher der Museumsinsel wohl auch weiter Richtung Bode- und Pergamonmuseum entlanggehen werden, zeigt sich der Eingangsbau als gewaltige geschlossene Anlage mit hohem Sockel und darüber aufragender Pfeilerhalle.
Der Sockel ist sogar höher als der des benachbarten Pergamonmuseums, nimmt die Linie von dessen Säulenbasen auf. Auf den ersten Blick nur eine winzige Distanz, auf die Länge der Kupfergrabenfront aber ein mächtiger Eindruck. Und die Säulenhalle, die Chipperfield über diesem Sockel plant, wird so hoch werden, dass sie den Blick auf die Fassade des Neuen Museums, auch auf seinen Giebel, vollständig verstellt. Das zeigen nicht nur Plansimulationen, sondern auch das Modell der Anlage, 2007 im Pergamonmuseum ausgestellt und kürzlich bei einer grandiosen Schau zum Gesamtwerk Chipperfields in London wieder gezeigt.
In Chipperfields Projektbeschreibung ist die Rede davon, die "städtebaulich wirksamste Seite des Grundstücks zum Lustgarten, Schlossbrücke und Unter den Linden" auszuschöpfen. Tatsächlich ist die Ansicht der Museumsinsel von der Schlossbrücke mit ihrem Hintereinander der Kuben des Schlosses, des Alten Museums, des Neuen Museums und des einstigen Packhofes eine der legendären Stadtkompositionen Berlins. Doch diesem einst auf das Königliche Schloss ausgerichteten Blickwinkel trat spätestens mit dem Bau des zur bürgerlichen Innenstadt geöffneten Pergamonmuseums eine neue Perspektive zur Seite: Die der Passage entlang des Kupfergrabens. Chipperfields Bau behandelt diese längst auch historische Ansicht nicht nur als nebensächlich, er ignoriert sie geradezu. Das ist nicht nur aus der Sicht der Historiker bedauerlich, sondern auch aus der Sicht derjenigen, die über die Bedeutungen von Architektur nachsinnen.