Rote Wangen hat er und einen dicken Wollschal um den Hals geschlungen. Eyal Weizman, gebürtiger Israeli, ist mit dem hiesigen Klima vertraut. In London hat er studiert, in Wien war er Professor für Architektur an der Hochschule der Künste. Derzeit ist Weizman Direktor des "Centre for Research Architecture" am Goldsmiths College in London. Einer Art Labor, das der Enkel polnischer Holocaustüberlebender selbst eingerichtet hat. "Dieses Zentrum ist als Herausforderung auf dem Gebiet der Architektur konzipiert. Ich habe mit ihm eine Plattform geschaffen, auf der Ausstellungsmacher, Künstler, Filmemacher und Philosophen zusammenkommen. Das gemeinsame Interesse am Raum verbindet uns, aber nur die Hälfte unserer Mitglieder und Studenten sind Architekten. Es ist ein phantastischer Ort, um über kulturelle Praxis in Form gebauter Realität nachzudenken." Kurz gesagt: Für Weizman sind Politik und Architektur nicht voneinander zu trennen.
Seine Studenten arbeiten dementsprechend an Projekten, die Architekturanalyse mit politischer Aufklärung verbinden. Weltweit, in Dubai, Beirut oder im ehemaligen Jugoslawien. Auch er selbst ist viel unterwegs. Als Ausstellungsmacher und Redner in New York, Berlin, Rotterdam, San Francisco, Malmö, Tel Aviv oder Ramallah. Weizman unterrichtet, hält Vorlesungen, organisiert Konferenzen, engagiert sich in der Menschenrechstarbeit. Seit geraumer Zeit unterhält er mit palästinensischen Partnern auch ein Büro in Bethlehem. Die roten Backen kommen nicht von der Kälte, sondern weil der Neununddreißigjährige aus Haifa, Fan von Thomas Pynchon und John Zorn, unter Strom steht.
Eyal Weizman ist Direktor des Forschungszentrums für Architektur am Goldsmiths College der Universität London. Zuvor arbeitete der gebürtige Israeli als Architekturprofessor in Wien. Er ist der Träger des James-Stirling-Preises 2007.
Sein Buch "Sperrzonen. Israels Architektur der Besatzung" ist, aus dem Englischen übersetzt von Sophia Deeg und Tashy Endres, in der Edition Nautilus
erschienen, 384 Seiten, 24,90 Euro.
Das traditionelle Berufsbild eines Architekten hat mit ihm so wenig zu tun wie ein Büschel frischer Nana-Minze mit einem Pfefferminzbeutel von Teekanne. "Schon als junger Mann habe ich mich immer als Architekt gesehen, mir war nur nicht klar, in welcher Form. Ich wollte aber auf jeden Fall im Ausland studieren."
Weizman - der nicht kommentieren möchte, ob er mit dem gleichnamigen ehemaligen Präsidenten Israels verwandt ist - verließ sein Land gleich nach dem Militärdienst. Er war "Refusenik" geworden, ging erst nach Frankreich, dann zur "Architectural Association" in London. "Architektur wird dort tatsächlich als ausgedehnter Praxisbegriff verstanden. Man erweitert die Grenzen der Profession. Fünf Jahre habe ich studiert, ohne viele Gebäude zu entwerfen. Aber ich habe in der Zeit etliche Bücher geschrieben. Architektur bedeutet für mich, einen Ausgangspunkt zu haben, um politische, soziale und ökonomische Prozesse verstehen zu können. Sie manifestieren sich in gebauter Realität und können so gut beschrieben werden."
2001, während Weizman in Tel Aviv für Museen und Theater arbeitet, dokumentiert er im Auftrag der israelischen Menschenrechtsorganisation "B´Tselem" die Verletzung palästinensischer Rechte durch die israelische Besiedlung der Westbank.
"Ich hatte immer schon sehr starke politische Überzeugungen hinsichtlich dieses Konfliktes. Ich bin kein Zionist. Als Student arbeitete ich für das palästinensische Planungsministerium in Ramallah. Erst habe ich den ganz normalen Bürokram gemacht, bis meine Vorgesetzten merkten, dass ich als Israeli Zugang zu Karten hatte. Meine Haupbeschäftigung war danach, in Bibliotheken und Archiven Landkarten zu besorgen. Plötzlich begriff ich etwas von der Macht der Landkarten."
Seit den 1990er Jahren hat sich in Israel der politische Diskurs über Zionismus und Besatzung stetig verändert. Er wurde zunehmend kritischer. "Wie waren damals stark von Edward Saids Thesen beeinflusst. Sie schrien danach, das Verständnis israelischer Kolonialisierung auf die physisch geschaffene Realität zu übertragen. Es gab viele regionale und urbane Studien, um räumlich über den Konflikt nachzudenken. Eines meiner ersten Projekte war das Zeichnen einer Karte der Westbank. Ein Teil vieler Aktivitäten, den Konflikt als Prozess von Enteignung und Kolonialisierung darzustellen. Linien zu ziehen, auf dem Papier oder am Computer, ist die normale Arbeit eines Architekten. Aber der Verlauf einer Linie kann den Bruch eines Gesetzes oder ein bürokratisches Verbrechen verdeutlichen." Die Landkarte, die Eyal Weizman für "B´Tselem" anfertigte, war die erste ihrer Art. Sie zeigt Dimension und Planung der israelischen Besatzung. Noch heute wird sie von NGOs und internationalen Organisationen verwendet. Weizmans neuestes Buch trägt den Titel "Sperrzonen. Israels Architektur der Besatzung". Es ist eine dezidierte Herausforderung des israelischen Hegemoniestrebens in den besetzten Gebieten, eine detailreiche, originelle Analyse dessen, was der Architekt "in Material gegossene Politik" nennt. In zehn Kapiteln zeigt er anhand verschiedener Beispiele - Struktur von Siedlungen, Verlauf von Straßen und Grenzzäunen, offene und verdeckte Funktion der Übergänge, Checkpoints usw. - sichtbare Veränderungen in den seit 1967 von Israel besetzten Gebieten auf. Und erläutert, wie das militärische, von Ariel Scharon propagierte, "dynamische" Verteidigungskonzept, das mit der Kategorie räumlicher Tiefe arbeitet, später von den israelischen Siedlern übernommen, zur "Matrix der Kontrolle" über die Palästinenser gemacht wurde.