Kunst wird heute allenthalben goutiert und hofiert, auch postuliert. Vernissage reiht sich an Vernissage, jeweils häufig gut besucht, und das längst nicht nur von einem entsprechend vorgebildeten Publikum. Glaubhaft scheint Kunst zu versprechen, dass die Routine durchbrochen, die Augen erneut geöffnet, die Palette der Ideen wieder angereichert werden. Entsprechend positiv ist sie besetzt. Was dazu führt, dass fast jede bildnerische Ambition oder Äußerung zur Kunst stilisiert wird.
Doch all dies findet zumeist in geschlossenen Räumen, in Museen, Galerien oder Industriehallen statt, zudem in vorab fixierten Ausstellungszeiten, die nach vier, sechs oder zehn Wochen enden, im übrigen auch in dieser Periode nur stundenweise zugänglich sind. Was aber ist außerhalb dessen? Kann Kunst dazu beitragen, dass die Gesellschaft im (städtischen) Raum heimisch wird? Wenn es stimmt, was der Philosoph Ivan Illich einmal gesagt hat – dass es Objekte gibt, die den sozialen und/oder kulturellen Zusammenhalt befördern; und es gibt Dinge, die die Isolation hervorbringen –, gilt das dann auch für die Kunst?
Neu erwachtes Interesse an public art
Bemerkenswert jedenfalls ist das neu erwachte Interesse an public art schon deshalb, weil man den Spielarten des modernen Reiterstandbilds ja langsam überdrüssig ist. Denn ob nun „Bulle & Bär“ auf dem Frankfurter Börsenplatz (Reinhard Dachlauer), „De Musica IV“ in der Bonner Innenstadt (Eduardo Chillida) oder „Bewegung II“, die sieben Meter hohe abstrakte Metallskulptur vor dem Württembergischen Staatstheater in Stuttgart (Wander Bertoni) – auch die eindrucksvolleren zeitgenössischen Objekte folgen meist nur dem antiken Vorbild.
Gähnende Langeweile allenthalben? Fraglos gibt es viele Vorurteile. So hat sich der Künstler Jochen Gerz einmal recht sarkastisch geäußert: Der größte Moment eines Kunstwerks im öffentlichen Raum sei sein Abtransport. Tatsächlich ist es ein Leichtes, über die an vielen Orten zu findenden „drop sculptures“ – auf sich selbst bezogene, autonome, im Stadtraum aufgestellte Arbeiten – Hohn und Spott auszugießen. Auch das hat schon Geschichte: seit nämlich die Stadt Hannover 1974 die französisch-schweizerische Künstlerin Niki de Saint Phalle beauftragte, Skulpturen für eine öffentliche Ausstellung am Rand der Altstadt zu entwerfen. Die auffälligen, bunten und voluminösen Frauendarstellungen namens „Nanas“ sorgten für heftige Diskussionen und reichlich Kritik.
Zu vollmundig waren noch vor einiger Zeit die Ankündigungen: So genannte „Zeichen im Raum“ sollten Plätze strukturieren, Orientierungen und Verdichtungen in der optisch immer ärmer werdenden Stadtgestalt schaffen (Leitsysteme), auffällige formale Kontraste zu ihrer Umgebung bieten oder eigene künstliche Räume (Environments) entstehen lassen. Ein inhaltlicher Bezug zum Standort ergab sich dabei nur selten. Jahre nach ihrer feierlichen Aufstellung stehen die Skulpturen so trist wie scheinbar überflüssig im Stadtraum, dass niemand sie noch zur Kenntnis nimmt, geschweige denn eine emotionale Beziehung zu ihnen hätte.
Das hat sich geändert, nicht zuletzt durch jene Formen des Eingreifens, die weitläufig unter dem Namen Street Art bekannt wurden. Gemeint ist meist das Malen oder Plakatieren, aber auch das Aufstellen von Figuren an Fassaden, Ampeln, Telefonzellen oder Bänken. US-Konzeptkünstler Gordon Matta-Clark spaltete gar leerstehende Häuser und sägte Teile von Mauern heraus; das war seine Reaktion auf restriktive Stadträume und Architekturen, die dem Experiment keinen Raum gaben.
Kunstwerke auf urbanen Freiflächen
Seit längerem entstehen Kunstwerke auf urbanen Freiflächen; manchmal im Auftrag von Städten oder Unternehmen, oft auch illegal. Das bekanntestes Beispiel dafür stellt die komplexe Graffiti-Kultur dar – heute aus Großstädten nicht mehr wegzudenken. Allgemeiner Akzeptanz allerdings kann auch sie sich nicht erfreuen. Weshalb es notwendig scheint, einige Fragen zum Verhältnis Kunst und Raum aufzuwerfen.
(1.) Warum überhaupt? Kann doch Kunst im Raum unter heutigen Bedingungen nicht mehr davon ausgehen, einen besonderen Stellenwert im Bewusstsein der Menschen einzunehmen. Gerade deshalb könnte die zentrale Intention der künstlerischen Praxis in einer ästhetischen Aufwertung des Lebensraumes liegen, oder in der Kommentierung eines prekären lokalen Alltags.
(2.) Mit wem? Urbane Kunst mag weniger als isolierte Einzelaktivität betrieben werden, sondern in enger Verflechtung mit städtebaulichen, architektonischen und sozialen Maßnahmen: um gleichsam den emotionalen Haushalt der Menschen aufzubessern.
(3.) Für wen? Kunst im Stadtbild ist nicht für alle gleichermaßen verständlich und wichtig; deshalb muss sie zielgruppenspezifisch ansetzen und sich an den bestehenden unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen und Interessen orientieren.
Und schließlich (4.) Wie? Kunst im Raum sollte grundsätzlich an den verwackelten Bedürfnissen nach Identität und Selbstverwirklichung ansetzen. Also geht es vorrangig um Kunstformen, die sich an den Defiziten heutiger Lebensräume im Hinblick auf die Benutzer definieren – und darauf reagieren.
Denn allen Beschwörungen des Virtuellen zum Trotz hat der reale Raum weder an Attraktivität für die Menschen noch an Relevanz für die Gesellschaft verloren. Doch weil offenkundig ein Unbehagen mit der gebauten Umwelt des Wirtschaftswunders weit verbreitet ist, lässt sich nachvollziehen, wenn darauf mit zunehmender Rückwärtsgewandtheit und argwöhnischer Wahrung des Status Quo reagiert wird. Dann aber kann der Kunst auch die Aufgabe zukommen, solche Haltung produktiv zu hinterfragen, ohne bloße Verunsicherung hervorzurufen.
Die eigentlichen emergency cases raumbezogener Kunst sind die „Grenzenflächen“, die schwer fassbaren Lebens- und Raumformen sowie der instabile, kurzfristig veränderliche, nach Art und Maß der Nutzung vieldeutige und in der Dichte stark wechselnde Zustand jenseits der klar umrissenen, mehr oder weniger stabilen Zentren in Stadt oder Region. Mag das von Thomas Demand geplante Kunstwerk auf dem Züricher Escher-Wyss-Platz 2010 auch an einer Volksabstimmung gescheitert sein: Sein provozierendes „Nagelhaus“ – so nennt man in China alte Häuser, deren Bewohner sich weigern, auszuziehen, um Platz zu machen für ein neues Bauprojekt – ist dennoch zum Symbol geworden.
Weder Trost- noch Wundpflaster
Public art darf weder Trost- noch Wundpflaster sein. Sie muss sich reiben an der weit verbreiteten Neigung, ausschließlich problemlose Bildangebote zu akzeptieren, die mit ihren sentimentalen und idyllischen Motiven als kulturelle Massenproduktion zu Tausenden auf den Markt geworfen werden. (Eben diese Neigung ist ja auch der Politik zu eigen.) Zwar stehen die Beiträge von Künstlern auf Straßen und Grünflächen im Wettbewerb um Aufmerksamkeit gegen alle anderen visuellen Tatsachen des urbanen Raums. Aber Freiheit der Kunst sollte man nicht gleichsetzen mit dem Freisein der Kunst von konkreten, auf die Bedürfnisse und Probleme verschiedener Bevölkerungsgruppen bezogenen Inhalte. Und die Forderung, dass nur die zweckfreie Kunst als Kunst zu betrachten sei bzw. dass Kunst bestenfalls das „Humane“ außerhalb realer gesellschaftlicher Konflikte zu thematisieren habe, bedeutet ihre politische Entmündigung.
Immerhin: „Skulptur.Projekte“, jene Ausstellung, die die Stadt Münster im Zehnjahresrhythmus veranstaltet, stellt eine Art Gegenbeispiel dar. Nicht zuletzt, weil sie ein offenes – und augenscheinlich nachgefragtes – Diskussionsforum zu Kunst im öffentlichen Raum bietet. Was darf man daraus folgern? Vielleicht, dass der Ruf nach einer öffentlichen Kunst umso lauter und notwendiger wird, je stärker die Privatisierung ihre für den Bürger kaum mehr übersehbaren, dafür aber perfekt überwachten Schneisen in den öffentlichen Raum der Innenstädte schlägt.