Der Moscheebau im abendländischen Ausland ist so etwas wie Heimatkunde. Von den Ahnen bezieht der Moscheearchitekt seine Kenntnisse der Konstruktion. Und mag sein Talent als Statiker noch so groß sein, sein Wissen um die physikalischen Kräfte, die allein die Konstruktion einer Kuppel erfordert - kein Neubau, mit dem das Vorurteil nicht auch die soziale Statik bedroht wähnt. Keine Moscheediskussion, ob in Frankfurt oder Köln, ob in der Provinz oder der Großstadt, bei der das einheimische Ressentiment nicht ein angeblich gottgefälliges Gleichgewicht gefährdet sieht.
Ein Vorurteil - nicht die geringste Verblendung: Die abendländische Moschee sei architektonisch eine Mängelerscheinung. Wie sehr ambitioniert sie dagegen immer wieder ausfällt, machte jetzt ein Symposium des Deutschen Architekturmuseums deutlich. Auf der Basis der Ausstellung über die grandiosen "Moscheen von Sinan" wurde der historische Rückblick um aktuelle Beispiele erweitert.
Eine lange Reise durch die Baukunst unternahm der Kölner Architekt Stefan Polonyi, eine Brücke zwischen Orient und Okzident anhand ihrer gemeinsamen Architekturgroßtaten schlagend. Für Polonyi bildet die Klarheit der Konstruktion das Fundament aller Architekturen, exemplarisch im hochgradig diffizilen Kuppelbau, so dass derjenige des Osmanischen Reichs, angefangen von der Hagia Sophia über die Blaue Moschee in Istanbul bis hin zur Selimiye-Moschee in Edirne, nicht den Leistungen eines Brunelleschi in Florenz oder dem monumentalen Wurf eines Michelangelo für Sankt Peter hinterherstehen. Wohl aber überragen sie wegen ihrer konstruktiven Ehrlichkeit etwa die künstlich gestreckten (und gefaketen) Kuppeln bautechnisch bei weitem, ob nun St. Pauls in London oder das Pariser Pantheon.
Mochte Polonyis Anliegen vor allem die "Verschmelzung von statischer Anforderung und symbolischem Ausdruck" sein, so wusste er dennoch alle aufs Kunstschöne einwirkenden Kräfte ins Soziale, ja Aktuelle abzuleiten. Warum werden die Rituale von Angehörigen "einer abrahamitischen Religion eher in einer maroden Fabrikhalle geduldet" als in einem angemessenen Gotteshaus?
Dass der Blick gerade unter Abendlandarchitekten schon einmal heiterer Richtung Orient ging, dass er etwa bei Bruno Taut (1880-1938) zu Hymnen, ja zu einer ansehnlichen Gefühlsverklärung führte, daran erinnerte der Kunsthistoriker Manfred Speidel.
Heimat Morgenland. Zwingend auch deshalb die Ausführungen des Architekturkritikers Christian Welzbacher, der alle Anstalten zur "Heimwehmoschee" (ein Wort aus den Niederlanden) kritisierte. Er nannte, wozu in seinen Augen der Entwurf für die Kölner Moschee nicht zählen wird, Bemühungen um eine "Euroislam-Architektur". Ihre Konstruktion basiere nicht mehr auf sentimentalen und traditionsgebunden Kraftakten. Das Bekenntnis, das Welzbacher von einem integrativen Euro-Islam erwartet, ist der Glaube an eine Moderne, mit der religiöser Kanon und architektonische Kreativität in einem avancierten Gleichgewicht ausbalanciert werden.