Ob in Whitechapel oder Aldgate, in Bethnal Green, Hoxton oder Shoreditch: Arm und Reich leben jetzt im selben Viertel zwar oft nur einen Straßenzug voneinander entfernt, Berührungspunkte gibt es jedoch kaum. Dafür umso häufiger Spannungen. Statt vom sozialen Mix zu profitieren, sieht sich die angestammte Bevölkerung im East End mit dem urbanen Lebensstil ihrer neuen Nachbarn konfrontiert, einer Mischung aus digitaler Boheme und jungen Finanzjongleuren. Bio-Märkte, Coffee Shops und Designer-Läden haben die kleinen Lebensmittel- und Bekleidungsgeschäfte verdrängt, die das Lebensnotwendige zu erschwinglichen Preisen anboten. Auch wenn es um das Wohl des eigenen Nachwuchses geht, zeigen sich die gut situierten Zuzügler nicht sonderlich um Integration bemüht.
Rückkehr in alte Strukturen
Ihr Comeback im Zentrum feiert die Mittelschicht allerdings nicht erst seit Inkrafttreten des regierungsoffiziellen Stadterneuerungsprogramms. Seit sich in den späten 1960er Jahren der Übergang vom Industriezeitalter zur Dienstleistungsökonomie ankündigte, kehrt London allmählich zu seiner vorindustriellen Bevölkerungsgeographie zurück, in der das Bürgertum die Innenstadt für sich beanspruchte. Die kräftig angewachsenen neuen Angestelltenschichten erobern sich das Zentrum der einst stolzen Industriemetropole von der überflüssig gewordenen Arbeiterklasse zurück, die nur noch acht Prozent der Erwerbstätigen in der Stadt stellt. Richtig Fahrt aufgenommen hat der Gentrifizierungsprozess jedoch erst mit Londons Aufstieg zum prosperierenden Finanz- und Steuerungszentrum der Weltwirtschaft seit den 80er Jahren.
Der global agierende Finanz- und Dienstleistungssektor bescherte den oberen Einkommensgruppen enorme Gehaltssteigerungen und dem innerstädtischen Wohnungsmarkt steigende Immobilienpreise. Junge Banker, Börsenmakler, Anwälte und Unternehmensberater ziehen ebenso wie die Beschäftigten in der Kultur- und Medienbranche die neue Lebensqualität im Zentrum und die Nähe zu ihren Arbeitsplätzen dem beschaulichen Leben am Stadtrand vor. Die Invasion der Mittelschicht blieb für die unteren Einkommensschichten nicht ohne Folgen: Preiswerter Wohnraum wurde zusehends knapper. Vermieter entdeckten, dass sich mit dem Verkauf ihrer Immobilien deutlich höhere Renditen erzielen ließen und wandelten die erschwinglichen Miet- in Eigentumswohnungen um.
Mit der neoliberalen Neuorientierung der Politik unter der Ägide Margaret Thatchers verschärfte sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt in den 1980er Jahren weiter. Die öffentliche Hand zog sich aus dem sozialen Wohnungsbau zurück und veräußerte die vorhandenen Bestände an gemeinnützige Wohnungsgesellschaften und an die Mieter, die sich den Kauf leisten konnten. In kommunalem Besitz blieben die tristen Betonburgen aus den 60er und 70er Jahren, in denen sich, wie in Hackney, heute Armut und Perspektivlosigkeit konzentrieren. Dass seit ein paar Jahren das Angebot an Mietwohnungen auf dem freien Markt wieder steigt, nutzt den Geringverdienern wenig. Immobilienkonzerne haben erkannt, dass sich selbst gut verdienende Angestellte immer seltener die teuren Eigentumswohnungen und Häuser kaufen können und setzen wieder verstärkt auf Vermietung.
Längst artikuliert sich bei den Betroffenen der Unmut darüber, dass Politiker und Planer die Verdrängung der ärmeren Bevölkerung bei der Revitalisierung des Londoner Zentrums offenbar bewusst in Kauf nehmen. Im Süden Londons hielt eine Gruppe von rund 300 Hausbesetzern die Polizei zuletzt in Atem, um auf den Ausverkauf an bezahlbarem Wohnraum aufmerksam zu machen. Weniger spektakulär versuchen Bürgerinitiativen seit Jahren, sich gegen die Gentrifizierung ihrer Stadtteile Gehör zu verschaffen. Meist ohne Erfolg. Wie zuletzt bei der Ansiedlung des Geländes für die Olympischen Spiele 2012 im Lower Lea Valley, von der Stadtregierung als Beitrag zur Aufwertung des Londoner Osten propagiert. Die Folgen sind schon jetzt spürbar. Rund um die riesige Baustelle im Bezirk Newham sind die Immobilienpreise kräftig in die Höhe geschossen.
Doch inzwischen verschont der aggressive Verdrängungsprozess auch die Bezieher deutlich höherer Einkommen nicht mehr, wie sich im etablierten Mittelschichtviertel Barnsbury nördlich der Londoner City zeigt. In den 1960er Jahren verdrängten zunächst Architekten, Ärzte, Universitätsdozenten und Medienleute die dort ansässigen Arbeiter. Später kamen Angestellte aus dem mittleren und gehobenen Management hinzu. Trotz ihrer Einkommen können sich die Vertreter dieser Berufsgruppen die Reihenhäuser aus viktorianischer Zeit heute nicht mehr leisten, wie Atkinsons Kollegen Tim Butler und Loretta Lees kürzlich in einer Studie zeigten. Eine neue Gruppe superreicher Globalisierungsgewinner mit Jahreseinkommen von 500000 Pfund und mehr, zusätzliche Bonuszahlungen nicht mitgerechnet, drängt seit Mitte der 90er Jahre all jene aus dem Markt, die nicht in der Lage oder willens sind, im Durchschnitt 700000 Pfund für ein Einfamilienhaus zu zahlen.
"Super-Gentrifizierung" nennen die beiden Stadtforscher dieses Phänomen, weil es sich mit ihrem herkömmlichen Begriffsapparat nicht mehr beschreiben lässt. Da bleibt wenig Hoffnung, dass Bürgermeister Boris Johnson der räumlichen Polarisierung Londons künftig mehr entgegenzusetzen hat, als sein Vorgänger.