Seitdem ein Mensch aufschaut zum Haus wie zu einem einigermaßen ordentlichen Obdach, und das tut er im Grunde von dem Tag an, an dem er sesshaft wurde, möchte er es nicht missen. Der Mensch hat in das feste Haus investiert, finanziell seit Jahrtausenden - und ästhetisch mit ebenso wechselndem Erfolg. Doch wo er sich für das Gestalten die Zeit nahm, gehörte zur Investition die eine oder andere Eingebung. Zu den zweifellos großen Gedanken, die sich der Mensch gemacht hat, zählt der Satz, dass man nicht, wie der Architekt Mies van der Rohe meinte, jeden Montag die Architektur neu erfinden könne.
Es war kein Montag, an dem das Ikea-Haus auf den deutschen Markt kam. Dennoch erinnert man sich an das Bonmot des Architekten, womit der Avantgardist meinte, dass dieser wie auch jener um gewisse fundamentale Erkenntnisse nicht herumkomme, darunter auch die, dass das Haus ein festes Haus zu sein habe, eines, dass Nützlichkeit mit Festigkeit und Dauerhaftigkeit verbinde.
Diese Kriterien formulierte bereits der römische Architekturtheoretiker Vitruv. Es ist 2000 Jahre her, dass er Worte wie firmitas und utilitas wie in Stein meißelte. Gestern war der Tag, an dem an diesen Fundamenten gerüttelt wurde, nicht zum ersten Mal, das nicht, aber einmal mehr sehr auffällig. Nun sollte man aber die Diskussion nicht so führen, als sei das prekäre Obdach eine Neuerfindung. Es war nicht von ungefähr der Kolonialismus, der in den 1830er Jahren das portable Haus als mobiles Mittel der Landnahme äußert ernst nahm.
Dagegen zum Spott wurde das Fertighaus in einer Zeit, in der nicht nur die Bilder laufen lernten. Auch das Haus spielte verrückt, es wurde zu einem in der Tat mobilen Etwas. Man muss sich nur Stummfilme anschauen, etwa einen mit Buster Keaton, um zu wissen, dass wackelnde Wände, schiefe Fenster, rutschende Dächer nicht nur ein technisches Problem sind, sondern eine buchstäblich grundstürzende Erfahrung. Im Wortsinn unberechenbar das Dach überm Kopf, schwankend der Boden.
Buster Keaton hat, lange vor den jetzt aus Schweden importierten Exemplaren, die Baukastenhäuser einem existenziell niederschmetternden Elchtest unterzogen. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass die vorfabrizierte Behausung nicht allein gestapelten Stauraum und beengte Verhältnisse in die Welt einziehen ließ. Raum war auch deswegen in der kleinsten Holzhütte, weil Wohnraum unter den Bedingungen krasser Wohnungsnot geschaffen wurde. Zweifellos handelte es sich bei dem vorfabrizierten Haus, dessen Einzelteile tatsächlich vom Fließband kamen, um eine soziale Großtat.
Die Fabrikation der Skelettbauweise (oder Holzrahmenbauweise) machte sich die Produktionsweise des Automobilbaus zu eigen, und nicht von ungefähr wurde die vorfabrizierte Behausung zu einem Statement im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, den USA. Wohnschreckensmaschinen waren dann vor allem eine Erfindung der 1960er Jahre. Sozialingenieure bemächtigten sich der Wohnungsfrage, und so hat der Bauwirtschaftsfunktionalismus auch in Deutschland die Käfighaltung unter urbanen Bedingungen aufgezwungen.
Der heutige Kulturpessimist mag angesichts des Ikea-Imports an die Heimsuchung durch Bullerbü denken oder die Wiederauferstehung des Plattenbaus. Gar von Baracken war unter Architekten bereits die Rede. Denn Architekten sind alles andere als zimperlich bei der Beurteilung ihrer Kollegen. Wie sie ja überhaupt wenig zimperlich im Umgang mit dem Mitmenschen an und für sich sind. Entstünden heute sonst in 999 von 1000 Fällen diese Neubauten?
Wie auch immer man den Haustypus von Ikea ästhetisch beurteilen mag: Mit diesem Billigheimer werden schwere Hypotheken aufgenommen. Angesichts der Kaufsumme von 180.000 Euro womöglich nicht so sehr finanzielle, wohl aber solche für die nächste Generation. Nachhaltigkeit, Dauerhaftigkeit? Mit dem Inbus-Schlüssel lassen sich diese Kriterien nicht erfüllen.
Hinzu kommt, dass das Ikea-Haus für die grüne Wiese konzipiert ist. Mit seinem Preis (inkl. Grundstück, ohne Keller) wird auf eine Wertschöpfung spekuliert, die jeden Gedanken an die weitere Zersiedlung der Landschaft ganz weit hinten anstellt. Das antiurbane Billighaus aus dem hohen Norden ist ein echtes Statement - eines gegen die Natur. Bei dem, was mit ihm frei Haus geliefert wird, muss man von einer weiteren Heimsuchung sprechen.