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Martin Elsaesser im Deutschen Architekturmuseum: Allein unter Zeitgeistgenossen

Das Deutsche Architekturmuseum stößt ein Fenster zu Martin Elsaessers Baukunst auf. Christina Gräwe, Kuratorin der Ausstellung, möchte den Architekten damit "aus dem Schatten holen". Von Christian Thomas

Mit seiner Großtat von 1928, Frankfurts Großmarkthalle, stellte Elsaesser vieles in den Schatten.
Mit seiner Großtat von 1928, Frankfurts Großmarkthalle, stellte Elsaesser vieles in den Schatten.
Foto: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a. m.

In den letzten Jahren sind über den Architekten Martin Elsaesser ein, zwei, drei Erkenntnisse an die Öffentlichkeit gelangt. Und das waren, wohl wahr, nicht nur dürre Lebensdaten (1884 - 1957), es waren auch Fingerzeige auf seine Baukunst, ein Erbe, das, so darf man sagen, durchaus sehr dünn gesät ist. An eine weitere Erkenntnis erinnert jetzt das Deutsche Architekturmuseum (DAM), wenn man im Rahmen einer Ausstellung lesen kann, dass in Frankfurt vor etwa acht Jahrzehnten das geflügelte Wort umging: "Alles nei macht der May, alles besser Elsaesser!"

Falsche Fixierung

Abschiedsfest 1930

Heut zum letzten Male sieht man dieses finstere Gesicht Frankfurts strengen Mussolini nur das Strenge sieht man nicht.

Vor dem Krieg da baut er Häuser und die hatten dies Gesicht auch als Stadtrat baut er Häuser und die Dächer sieht man nicht.

Einst in Schlesien baut’ er Dächer und die Häuser sieht man nicht und in Moskau wird’s noch schwächer jetzt ist Kollektivhaus Pflicht. (...)

Denn in Russland baut er Städte wie einst Dörfer Potemkin mit ihm baut er um die Wette auf der Wolga schifft er hin!...

Morgens auf der Toilette hat er seine beste Zeit da entwirft er gleich 12 Städte hundert Kilometer weit.

Und dann zieht er an der Kette und dann ist das Werk getan, er verläßt die traute Stätte mit dem Stadtbebauungsplan. (...)

Elsaessers Gedicht zum Abschied von Ernst May zeigt, welche Spannungen zwischen dem Baudirektor und dem Baudezernenten geherrscht haben.

Die Bedeutung dieser Erkenntnis kann man nur ermessen, wenn man weiß, dass Ernst May zu den Heldengestalten unter Europas Baudezernenten des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts gezählt wird. Wer aber war dann erst Martin Elsaesser? Kein Heros der Verwaltung wie May, kein Agitator, Elsaesser war ein Architekt, Urheber etwa der Großmarkthalle. Doch so hartnäckig gerade dieses Bauwerk immer wieder als eine Ikone des Neuen Bauens betrachtet worden ist, als eine der drei großen Architekturtaten im Frankfurt der 1920er Jahre, so schien es mit Elsaessers Architektur ansonsten nicht allzu sehr weit her. Elsaessers Ruhm schien überschaubar; 220 Meter misst die Großmarkthalle in der Länge. Elsaessers Kunst schien auf eine vereinzelte Erscheinung reduziert; die Kopfbauten der Ikone sind 40 Meter hoch.

Um der Fixierung auf einen Solitär zu widersprechen, findet im DAM mehr als eine Neuentdeckung statt - obendrein darf man an diesem Ort an eine Rehabilitierung denken. War es doch der ehemalige Direktor des DAM, Vittorio Magnago Lampugnani, der in seinem "Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts" keine Zeile über Elsaesser verlor.

Christina Gräwe, als Kuratorin für die Ausstellung verantwortlich, möchte Elsaesser daher "aus dem Schatten holen": dem der Architekturgeschichtsschreibung, dem der Zeitgenossen, nicht zuletzt dem, den die monumentale Großmarkthalle auf seine weiteren Werke wirft, kommunale Schulbauten, ein Schwimmbad, eine psychiatrische Klinik, eine Kirche, eine Villa, ein Gesellschaftshaus, sicher, viel mehr dann doch nicht, elf an der Zahl, aber ein jedes Bauwerk eine Tat aus dem Geist eines gedämpften Expressionismus oder der Neuen Sachlichkeit. Elsaesser errichtete sein Werk aus suggestiv geschichteten Ziegelsteinverbänden. Backsteinmoderne anstelle der leuchtend "weißen Moderne". Abwechslungsreiche Fassadenglie-derung anstelle des Purismus von Fronten. Nein, keine Schwerelosigkeit, vielmehr eine auf Klinker bauende Bodenständigkeit, durchaus mit Flachdach.

Auf der Bühne des Neuen Frankfurt, und mit Ernst May, Mart Stam, Adolf Meyer, Werner Hebebrand, Margarethe Schütte-Lihotzky, Bruno Taut oder Ferdinand Kramer war Frankfurt die Arena einer streng vermessenen Moderne, wurde die Stadt zum Schauplatz der Typisierung und des seriellen Bauens, war Elsaesser kein Dogmatiker, erst recht kein Pionier der Avantgarde. Von den jugendlichen Helden der Moderne, so hat es Ferdinand Kramer kolportiert, soll der Satz stammen: "Um den Elsaesser bauen wir einfach drumherum."

Elsaessers Pragmatismus, seine an Theodor Fischer und Paul Bonatz geschulte Moderne, dürfte zu heftigen Spannungen mit dem allmächtigen May geführt haben. Vieles, so weiß es der Katalog zu berichten, liegt jedoch weiterhin im Unklaren, angefangen von den Umständen zu Elsaessers Berufung durch Frankfurts Oberbürgermeister Ludwig Landmann. Sicher ist dagegen, dass ausgerechnet Elsaesser als Grenzgänger zwischen Moderne und Tradition, für nur zu auffällige Mängel, die aus der May-Ära stammten, den Kopf hinhalten musste, nachdem die "Brigade May" Anfang 1930 in die UdSSR gegangen war.

Als auch Elsaesser Frankfurt 1932 verließ, war er ein Opfer der Stimmungsmache, vorne weg nationalsozialistischer Hetze, an der sich Medien und Magistrat gegen den künstlerischen Leiter des Hochbauamts beteiligt hatten. Von 1937 - 1945 blieb Elsaesser, nach seiner Rückkehr aus der Türkei, ohne Aufträge, er starb 1957 in Stuttgart.

Im Neuen Frankfurt

Als sich in den 1970er Jahren die Nachwelt für die May-Ära zu interessieren begann und die Zeitschrift Das Neue Frankfurt (DNF) in den Archiven aufstöberte, hätte sie sich ein Bild davon machen können, wie mies mit Elsaesser in diesem Periodikum umgegangen wurde.

Mays Verlautbarungsorgan über Modularisierung und Standardisierung, Rationalisierung und Typisierung mochte Elsaessers ambitionierte Architektur nicht recht eingemeindet wissen. Wer ein Zeitgeistgenosse war, dem war Elsaesser elegische Materialbehandlung suspekt, angefangen von seinen plastisch hervortretenden Fensterbändern über seine Mörtelfugen bis hin zu seinen (horizontal) betont stämmigen, weiß lackierten Fenstersprossen. Kompakt wirken seine Häuser, das "Haus Elsaesser" war ein hochmodernes Manifest der Tradition, einerseits ein Ensemble

aus Kuben unter Flachdächern, zugleich ein Bauwerk, dessen Fenstereinfassungen und Türstürze er mit versetzten Klinkerlagen ornamental hervorhob.

Dabei konnte Elsaesser auch ganz anders, der sonst so Moderate durchaus im Stil der radikalen Moderne. In seiner Geburtsstadt Tübingen, so hinterlässt es die Rehabilitation im DAM, baute er 1930 eine ebenso kompromisslos moderne Schönheit am Hang wie in Hamburg, mit seiner Villa Reemtsma von 1932. Es wurde ein mondäner Landsitz, unverschämt elegant, schon wegen der Fassade aus graugrünen Keramikplatten, ganz abgesehen von dem Zusammenspiel aus harten Kuben und ausschwingenden Pavillons.

Diese Grenzüberschreitungen ausgenommen war er ein moderat Moderner, der seine Bauwerke mit kühnsten technischen Lösungen spickte. Dem Schwimmbad von Frankfurt-Fechenhein vermachte er 1929 eine für seine Zeit fantastisch große Fensterfront. Seine grandiose Großmarkthalle wurde als der größte stützenlos errichtete Raum Europas berühmt, zu dem die Architekturtouristen pilgerten, aufschauend zur Schalenkonstruktion aus Eisenbeton.

Von all dem hat die Ausstellung nicht nur eine antiquarische Vorstellung. Ohne die Eingriffe in die Konstruktion und das Weichbild der Großmarkthalle tatsächlich auch Entstellungen zu nennen (oder gar als Penetration zu deuten), verschweigt sie nicht die heftig umstrittenen Änderungen, die das Büro Coop Himmelb(l)au im Namen des Bauherrn (und Ausstellungssponsors), der Europäischen Zentralbank (EZB), vornehmen wird.

Noch heute werden Elsaessers Bauwerke genutzt, seine Klinik, sein Schwimmbad, seine vier Schulen, die, bei allem Funktionalismus und einer Tendenz zur Neuen Sachlichkeit ein höchst raffiniert geführtes Treppenhaus aufweisen.

Lässt man sich auf die DAM-Ausstellung ein, wird sie nicht nur zu einem Ort der Vergegenwärtigung, sie wird auch zu einem der Dekonstruktion des Neuen Frankfurt - nicht seiner weltberühmten, unbestritten erfolgreichen Baubilanz, wohl aber seiner Dogmen. Dazu gehörte, dass Elsaessers Haus von der Nachhut einer unerbittlichen Nagelneu-Moderne als "kunsthistorisch unbedeutende Villa" abqualifiziert und gegenüber dem Denkmalschutz denunziert wurde.

Da ist es gut, wenn der DAM-Besucher in die Lage versetzt wird, sich anhand von Fotos, Plänen und einem Modell eines Besseren belehren zu lassen. Auch ist es nicht verboten, in der Frankfurter Siedlung Am Höhenblick eine Ahnung von einem grandiosen Gebäude zu bekommen, allein schon vom Trottoir aus.

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt: bis 14. März 2009. Der Katalog ist im Verlag Wasmuth erschienen, 220 S., im Museum 34, im Buchhandel 49 Euro.www. dam-online.de

Autor:  Christian Thomas
Datum:  9 | 10 | 2009
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