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Architektur

25. Januar 2013

Max Dudler: Jahresringe der Baukunst

 Von Christian Thomas
Max Dudler, Archivfoto 2009. Foto: dpa

Heute erhält Max Dudler für seine Erweiterung des Hambacher Schlosses den Deutschen Architekturpreis

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Heute erhält Max Dudler für seine Erweiterung des Hambacher Schlosses den Deutschen Architekturpreis

Wie nähert man sich einer „Wiege“? Leise, bedächtig? Gar andächtig? Hier auf jeden Fall von weitem, Vater Rhein im Rücken, durch eine wie mit einem Riesenrechen geharkte Kulturlandschaft. Gleichmaß und Proportion ohne Zahl hat der Weinbau bewirkt, im Tal, die Hänge hinauf. Die Erhebungen und Anhöhen (Mutter Natur) summieren sich zum Pfälzer Wald.

Darin, aus der Untersicht weithin sichtbar, lagert eine alte Feste. Und wenn beständig das Banner flattert, dann nicht nur aus heutigem Anlass, sondern aus historischen Gründen. Strömten hier doch Tausende im Jahr 1832, nahmen die Steigung, gewannen Höhe, weil sie es ernst meinten mit den Losungen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sowie den Farben schwarz-rot-gold. So entstand später die Bezeichnung Wiege, „Wiege der Demokratie“. Ein altes Schloss gab sie ab, die Ruine einer Fürstenresidenz. Sie hat viele Namen gehabt, der bekannteste: Hambacher Schloss.

        

Friedliche Konföderation: Neubau, mittelalterliche  Mauer und  Schloss aus dem 19. Jahrhundert (v. l. n. r.).
Friedliche Konföderation: Neubau, mittelalterliche  Mauer und  Schloss aus dem 19. Jahrhundert (v. l. n. r.).
Foto: Christian Thomas

Die Wiege hat Zuwachs bekommen. Und die Meinung dazu war keine leise Meinung. Geschah es doch im Jahre 2006, dass der Architekt Max Dudler mit der Modernisierung des Hambacher Schlosses beauftragt wurde. Gegen Widerstände und Proklamationen der Bevölkerung gelang Dudler an diesem Ort der Opposition gegen die politische Restauration und die versteinerten Verhältnisse in Deutschland, damals, die kritische Rekonstruktion eines Baukomplexes. Sowohl die beherzte Befreiung der Bausubstanz von früheren und fragwürdigen Sanierungen. Wie ja auch, und auch dafür erhält er heute in Frankfurt am Main den DAM-Preis des Deutschen Architekturmuseums, die behutsame Erweiterung durch ein sinnfälliges Steinhaus. Dick wie alte Mauern sind die neuen Fassaden Dudlers. Waren sie immer schon. Schon die Mauern Dudlers sind Manifeste.

Dudler, Jahrgang 1949, ist ein vielfach preisgekrönter Architekt geworden, Auszeichnungen erreichten ihn für manche rigide Rasterfassade, in der Tradition eines Oswald Mathias Ungers, durch dessen Büro er ging. Beerbt hat Dudler ihn durch ein unbedingtes Kunstwollen, angefangen mit seinem Bewag-Umspannwerk in Berlin (1989), mit dem er das Torhaus von Ungers für die Frankfurter Messe zitierte und zitierte.

Die Jahre nach der Wende: Keiner unter den Rationalisten war ein eigensinnigerer Rationalist als Dudler. Meinungsstark waren die Reaktionen, die Dudler hervorrief, die Zustimmung war so entschieden wie der Widerspruch auf seine Form der „Kritischen Rekonstruktion“. 1997, mit dem Bewag-Gebäude am Berliner Gendarmenmarkt, exerzierte Dudler die Typologie der Friedrichstadt durch. Mit seinen stämmigen Bauwerken hat er versucht, dem Kurzlebigen in unseren Städten entgegenzuwirken. Kompromisslos die Aneignung der Bautradition auch bei seinem Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen in Berlins Invalidenstraße (2005). Dieser Kubus Dudlers ist nicht das einzige gebaute Contra gegen all das Desolate in Berlin.

Hier ist er stark auch für sein Jakob- und-Wilhelm-Grimm-Zentrum (2009) gepriesen worden, einen kubischen Wissensspeicher, dessen tektonischer Aufbau so bezwingend klar ist wie die Bildungsoffensive der Gebrüder Humboldt, dessen Stützen zugleich so trefflich zusammenstehen wie ein deutscher Zauberwald. Dringt man ein, wird man eingenommen vom Dudlerkosmos, sehr nobel (wie ja alle Innenräume Dudlers eine eigene Geschichte wert sind).

Großartig ohne Zweifel seine Ergänzung der Diözesanbibliothek in Münster (2005), ein erneut strenger Riegel, ein monumentales Bücherregal, mit dem ein Stadtraum eröffnet wird, eine Gasse, ein Platz, ein Passagenwerk zwischen Tradition und Moderne, hier Dudlers Ergänzungsbauwerk, dort die Gotik der Überwasserkirche, beide aus dem wunderbar falbfarbenen Baumberger Sandstein. Oder seine Folkwang-Bibliothek in Essen (2011). Sie wurde zum auch gleißenden Schrein, der nicht von ungefähr auf einer historischen Stützmauer aus Bruchstein entstand. Darauf setzte er ausgerechnet eine Glasfassade, doch Dudler wäre nicht Dudler, wenn er sie nicht bearbeitet hätte.

Also integrierte er in jede Scheibe der Fassade die großformatige Nahaufnahme eines unbehauenen Steins. Nicht unähnlich der Stuckmarmor-Technik der Renaissance, wird die Illusion einer geschlossenen und plastisch bearbeiteten Wand erzeugt – die Illusion eines Steinbruchs.

Als solcher, als Steinbruch, ist auch die Ruine des Hambacher Schlosses im 19. Jahrhundert ausgebeutet worden, 400 Meter oberhalb von Neustadt an der Weinstraße. Gar nicht traditionsbewusst gingen die Menschen der Umgebung mit dem Gedächtnisort um, nicht mit den mittelalterlichen Ursprüngen, nicht mit dem Schloss, Mitte des 19. Jahrhunderts, mit seiner ganzen Ritterburganmutung. Mit Erker und stämmigem Turm, Zinne, spitzbogigen Lanzettfenstern und ordnungsgemäß bossierten Buckelquadern hielt der Architekt August Voit ständige Verbindung zu einem verklärten Mittelalter.

Max Dudler

Deutschlands bester Architekt des Jahres 2012 ist Max Dudler. Für seinen Umbau und seine Erweiterung des Hambacher Schlosses bei Neustadt an der Weinstraße wird der 1949 in der Schweiz geborene Wahlberliner Dudler heute im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt mit dem DAM- Architekturpreis 2012 geehrt. Eine Jury unter Vorsitz von Roger Diener, Diener & Diener Architekten, stimmte geschlossen für den „subtilen Weiterbau des geschichtsträchtigen Orts“.

Das DAM-Jahrbuch 2012/13, erschienen im Prestel-Verlag, dokumentiert die „22 besten Bauten in/aus Deutschland“. Eine Ausstellung im DAM präsentiert die prämierten Bauwerke. Frankfurt, Schaumainkai, bis zum 21. April 2013.

Dudler, der als Architekt stets historisch denkt, hat bei seiner Restaurierung des Schlosses die Beziehungen zum Historismus des 19. Jahrhunderts ebenso bewusst abgelehnt wie zu den historisierenden Elementen, die mit den denkmalseligen 1970er Jahren Einzug hielten. Anstelle der rustikalen Holzbalkendecke, damals, hat er eine mattschwarze Decke über dem großen Festsaal eingezogen, nein, aufgespannt. Denn zahllos die Leuchten in dieser Decke – wie Sterne, so darf man es sehen, am nächtlichen Himmelszelt.

Das ist eine so schöne Vorstellung wie ja auch eine sinnfällige Reminiszenz an eine Zeit, als die Burg ohne Obdach war, auch der Raum, den Dudler mild bearbeitet hat. Gerillt sind die Konsolen, das bewirkte das Scharrieren. Braunrötlich ist das Holzparkett, stammt es doch von der Schwarzkirsche. Lang wie Männerarme sind die Mauern aus Buntsandstein, die Gewände somit auch. Von der schwarzen Decke entsprechend illuminiert, wirken die Wände fahlgolden und die Gewände blassrot.

Elan der Revolution

Barrierefrei bewegt sich der Besucher durch das Bauwerk, das die  Losung provoziert hatte: „Hinauf, hinauf zum Schloss!“ Der Parole folgten 25.000 Menschen, vielleicht 30..000, Reden wurden wahrhaftig geschwungen, der Elan berief sich auf die Französische Revolution, aller Enthusiasmus auf eine nachfeudale Zeit. Auf, auf, zur Nation! Ebenso überliefert ist jedoch der Gedanke an ein „conföderiertes republikanisches Europa“. Das Museum des Hambacher Schlosses, heute, ist trotz Kokarde oder Druckerpresse, ganz bestimmt kein antiquierter Ort.

„Weiterentwickeln aus dem Ort heraus“, so hat Dudler sein Konzept beschrieben. Er meint es als Kontextkünstler in der Tat ernst. Mit dem Restaurant weithin sichtbar ist ein scharf geschnittener Kubus, der auf auf- und absteigenden Rampen lagert. Ja, die Weinbergkultur, drumherum, ist eine Hochkultur des Terrassenbaus, und auch Dudler folgt dem Motiv mit seiner Erweiterung.

Im stumpfen Winkel, gleich einem Bumerang schmiegt sich das Bauwerk an die Schildmauer, zugleich folgt die geometrische Figur der historischen Ringmauer. Zwischen beiden gelagert, bildet der Erweiterungsbau eine weitere, dritte Schicht. Drei „Mauerschichten“ heute – wie „Jahresringe“ der Baukunst.

Grandios auch die Kontextualisierung, wie sie durch das Material fortgeschrieben wird. Erneut wurden die nahen Leistadter Brüche benutzt, erneut deren rötlich-gelber Buntsandstein verbaut, doch anstelle des herrisch anmutenden Quadermauerwerks ließ Dudler eine herrlich feine Fassade aufmauern. Leicht uneben, mit Kanten und Fugen, ist sie auch – die Illusion eines Steinbruchs.

Am Gedächtnisort hat sich kein Architekturaufrührer austoben dürfen (Parole: Alle Nutzer stehen still, weil Architektenarroganz es will). Dennoch ist ein Statement auf dem Burgberg gelungen. Lang wie ein Männerunterarm sind nicht nur die historischen, auch die Wände des Restaurants, das Dudler dem bisherigen Ensemble aus mittelalterlicher Mauer und neogotischer Burg hinzufügte.

Ist man erst eingekehrt, darf man sich an den ins massive Mauerwerk eingeschnittenen Fenstern umso mehr erfreuen, rahmen sie doch wie eine Bildergalerie die liebliche Kulturlandschaft. Im Restaurant wird die Außenwand zur Museumswand, und wegen der unregelmäßig angeordneten Fenster, ihrer Drängung und ihren unterschiedlichen Formaten, darf man an eine Petersburger Hängung zahlreicher Stillleben denken. Ja, nature morte einer bezaubernden Mutter Natur.

Was für eine leise, welch eine bedächtige „Conföderation“ von Natur und Geschichte an diesem Gedächtnisort.

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