Der Dichter Joseph Brodsky beginnt seine "Erinnerungen an Petersburg" mit den Sätzen: "Wie bei Fehlschlägen üblich, gleicht das Unternehmen, sich die Vergangenheit ins Gedächtnis zu rufen, dem Versuch, den Sinn des Daseins zu erfassen. Beides macht, dass man sich vorkommt wie ein Baby, das nach einem Basketball greift: immer wieder rutschen die Hände ab." Nicht zuletzt um diesem Abgleiten des Begreifens und Vergegenwärtigens an den Dingen des Lebens Einhalt zu gebieten, gibt es den Denkmalschutz - gleichsam als praktizierte Erinnerungsarbeit. In den Worten des Schriftstellers: "Ich muss sagen, dass ich von diesen Fassaden und Portikus - klassisch, modern, eklektizistisch -, von ihren Ornamenten und balkontragenden Karyatiden, von den Torsos in den Eingangsnischen mehr über die Geschichte unserer Welt gelernt habe als später aus irgendeinem Buch."
An den gesellschaftlichen Wert des Erinnerns muss hier nicht eigens erinnert werden. Erneut heimisch zu werden in den Strukturen der überlieferten Stadt scheint heute ein weithin akzeptiertes Ideal. Zu jenen "geschlossenen Rodungen im Niemandsland", die der Kulturtheoretiker Lucius Burckhardt den urbanistischen Entwürfen der Moderne attestierte, ist der zeitgenössische Städtebau längst auf Distanz gegangen. Nun jedoch scheint das Pendel ins andere Extrem zu schwingen - hin zu einer augenscheinlichen Lust auf die (wie auch immer exakte oder ungefähre) Rekonstruktion überlieferter Stadträume und Bauten. Und zwar längst nicht mehr nur in Frankfurt oder Dresden, in Nürnberg und Berlin, wo die Debatten besonders vernehmlich sind.
Wagt man den Blick hinter die aufwallenden Emotionen, so lässt sich ein implizites Bedürfnis nach geschlossenen Stadtbildern erahnen, aber auch die Frage nach dem "kulturellen Gedächtnis" der Stadtgemeinschaft. Das mag als ein Ansatz für die Zukunft taugen, der darauf zielt, die Permanenz historischer Strukturen zu sichern und den "verlorenen Ort" wieder herzustellen. Städtebau in diesem Sinne wäre so etwas wie eine Politik kluger Ressourcennutzung - auch jenseits jenes relativ kleinen Bestandes von Gebäuden, die durch das besondere Prädikat der Denkmalwürdigkeit ausgezeichnet werden.
Freilich schließt geschichtliche Kontinuität auch Ehrlichkeit gegenüber der Gegenwart ein. Historie lässt sich weder anhalten noch zurückdrehen. Das wiederum spricht gegen eine Art von Anpassungsarchitektur, die den Eindruck zu erwecken sucht, als handele es sich um historische Substanz. Dieses Thema ist so neu nicht: Von jener Welt, in deren Bautenkonglomerat Denkmal und Neubau ununterscheidbar werden, sprach der Kunsthistoriker Georg Dehio, als er am Ende des 19. Jahrhunderts sein berühmt gewordenes Fazit der historistischen Denkmalpflege zog: "Woher das Verhalten der Architekten? Die Architektur konnte die Offenbarungen, die ihr der historische Geiste des Jahrhunderts darbrachte, nicht ertragen. Sie kannte alle je gesprochenen Sprachen der toten Kunst und bediente sich nach Wunsch abwechselnd einer jeden; nur eine eigene Sprache hatte sie nicht."
Dass zwischen der atmosphärischen Anmutung von Ensemble und Ortsbild einerseits und dem Authentischen, dem historischen Überlieferten andererseits ein grundlegender Konflikt schlummert, macht man sich kaum bewusst. Das Bewahrte ist kaum je das Alte: Selbst wenn die Fassaden der oftmals unter Denkmalschutz stehenden Altstadthäuser noch erhalten werden konnten, so wurden die früheren Nutzungen zumeist längst von expansiven großen Dienstleistungsbetrieben, wie Geldinstituten, Büros und Verwaltungsstellen sowie Kauf- und Warenhäusern, verdrängt. Dem Anliegen der Bewahrung steht mitunter die Sehnsucht nach anschaulichen Stadträumen entgegen. Freilich sind Widersprüche in der Kontinuität, die Moderne und Tradition verbindet; unvermeidbar. Sie auszuhalten - und nicht auszublenden - ist notwendig. Es gilt, wie der des "Rekonstruktivismus" unverdächtige Architekt Peter Kulka unlängst im Interview betonte, "den richtigen Übergang zwischen Historischem und Neuem zu finden und beides sinnvoll zu vereinen. Dabei bleibt genügend Platz für eine anspruchsvolle zeitgenössische Architektur".
Naturgemäß kann es ein Problem sein, auf eine strikte Bewahrung abzustellen, deren hermetischer, das Ensemble en bloc festschreibender Charakter nicht die notwendige Anpassungs- und Aneignungsleistung verspricht. Und die Durchsetzung kommunalpolitischer Interessen von Städten im Konkurrenzkampf mit Nachbargemeinden sowie den privatwirtschaftlichen Interessen führt in der Regel zu einer Erhaltung historischer Teile als bloße Dekoration: Weil Altstädte - von Emden bis Füssen - zu atmosphärischen Shopping-Oasen mutieren.
Denkmalschutz muss insofern viel mehr beinhalten als die Sorge um die Rettung einzelner "Traditionsinseln", die meistens in keiner Beziehung mehr stehen zum sozialen Geflecht der übrigen Stadt. Er ist deshalb einzubetten in ein strukturelles Gesamtkonzept, das die Verteilung der Standortqualitäten und der Entwicklungskräfte innerhalb des Stadtgefüges steuert. Der in der Fachgemeinde noch immer vorherrschende Lobgesang auf die - einzig angemessene - Rationalität der Moderne trübt die Bewertung klassischer Raumkonzeptionen genauso wie die appellative Nostalgie von "interessierter" - in der Regel kulturkonservativer - Seite, mit der überkommene Strukturen und Raumsituationen per se als zeitgemäße Lösungen ins Spiel gebracht werden: Die Wahrheit liegt dazwischen, nämlich darin, Alt und Neu gemeinsam in ihr Recht zu setzten, in einer stets einzelfallbezogenen Synthese.
Gerade weil es um das Problem der "bestehenden Stadt" - und nicht um ihre Neuerfindung - geht, sind Lösungen nur möglich, wenn wir uns nicht nur um die Dinge kümmern, die zu konsolidieren und zu retten sind, sondern auch um die Demolierungen, Veränderungen und neuen Verwendungsmöglichkeiten.
Denn die im Laufe der Geschichte erbaute Stadt ist das Material, mit dem man sich in der architektonischen und urbanistischen Arbeit auseinander zu setzen hat. Keine Kosten-Nutzen-Analyse kann jedoch kaschieren, dass diese Abwägung immer auch eine Wertentscheidung beinhaltet, die subjektiv ist - aber als kollektive erlebt werden will.
Nicht nur Soziologen fragen heute besorgt, ob die Moderne zu ihrer eigenen Stabilität nicht doch einiger - eigentlich systemfremder - vormoderner Elemente bedürfe. Die jüngere Stadtbaugeschichte dahingehend neu zu lesen, stellt damit ein gesellschaftliches Desiderat dar. Gewiss braucht die Stadt im gleichen Maße Regeln wie die Gesellschaft eine Verfassung. Statt sie bei jedem auftretenden Problem entweder neu erfinden oder aber als Kulturgebilde aufgeben zu wollen, wäre strukturell an Bewährtes anzuschließen. Zwar mag das leichter gesagt als getan sein. Aber unverzichtbar ist es dennoch.