"Wollen wir in Zukunft so leben?" Gleich zweimal wird dies der Besucher der Ausstellung "Klimakapseln" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gefragt. Eine plausible Frage angesichts der hier zu sehenden utopischen Entwürfe, Projekte und Zukunftsszenarien, mit denen Architekten, Designer und Künstler auf die drohenden Folgen der Umweltverschmutzung und Klimakatastrophe reagiert haben.
Auf zwei Stockwerken werden künstliche Klimahüllen, mobile Behausungen, Stadtentwürfe, Installationen und in Filmen dokumentierte Performances aus den 1960er und frühen 1970er sowie aus den letzten zwanzig Jahren gezeigt. Schon von außen unübersehbar ist die berühmte Oase Nr. 7, eine Arbeit von 1972 der Gruppe Haus-Rucker-Co: Ein großes, kugelförmiges, transparentes Pneu mit einer Hängematte unter armseligen Palmen. Von innen als Notausgang gekennzeichnet, ironisiert es die Hoffnung auf eine Flucht vor der Normalität: Wer sich in der Blase befindet, den umfängt der städtische Alltag erneut.
Ein Zelt für Obdachlose (Michael Rakowitz, 1998), mit denen die Marginalisierten die warme Abluft der Gebäude für eigene temporäre Behausungen nutzen können, steht im Kontrast zum Entwurf für schwimmende Städte für Klimaflüchtlinge (Vincent Callebaut, 2008), Städte, die eher wie Ferienparadiese für Superreiche wirken. Richard Buckminster Fullers Vorschlag zur Überkupplung Manhattans wird gezeigt; er hoffte 1960, so einen Garten Eden entstehen lassen zu können.
Noch in unseren Tagen glaubt Werner Sobek an die Vereinigung mit der Umwelt, mit "den Sternen über mir und den Tieren um mich herum". Sein transparentes und nicht an einen bestimmten Ort gebundenes Haus R129 ist gewissermaßen eine Individualfassung des Fullerschen Paradiestraumes.
Die gezeigten Arbeiten spiegeln, manche allein durch die Formulierung eines Projekts kollektive Erwartungen und Ängste, meist aber ironisieren und hinterfragen sie, wie Haus-Rucker-Co, die Hoffnungen, die man sich auf eine Lösung der zu erwartenden Probleme macht. Oder sie dokumentieren das Scheitern. Noah Sheldens Fotos zeigen den verlassenen, verfallenden Komplex der Biosphere 2, mit der man erfolglos versuchte, auf der Erde eine künstliche, luftdicht abgeschlossene, autarke Umwelt zu schaffen.
Die Naivität mancher Entwürfe wird dabei durch die Zusammenstellung der Exponate bloßgelegt, so mancher Positivismus der einen durch die kritische Position einer anderen gebrochen. Dies wird präzise inszeniert, und doch scheint es, als hätten die Ausstellungsmacher aus Skrupel vor dem Urteil darauf verzichtet, eine Haltung zu beziehen oder die Auseinandersetzung mit dem ja überaus vielschichtigen und interessanten Thema zu intensivieren - wie das Gezeigte letztlich einzuordnen ist, muss der Besucher selbst entscheiden.
So mutet es eigenartig an, dass die Ausstellungsmacher etwa die Walking Cities als potenzielles Instrument der Krisenbewältigung wieder ins Gespräch bringen. Es ist ja durchaus zu begrüßen, dass dem Besucher Fragen gestellt werden, anstatt ihm Antworten zu liefern. Trotzdem bleibt die Ausstellung hinter dem Potenzial der Exponate, aber auch hinter dem des Ausstellungsorts zurück. Dass viele der gezeigten künstlerischen Arbeiten auf eine überspitzte, poetische oder polemische Weise Zusammenhänge reflektieren, die Wirklichkeit und Alltag waren, geblieben oder geworden sind, bleibt abstrakt, denn die Klimakapseln außerhalb der Kunstwelt werden in der Ausstellung nicht gezeigt. Was anderes sind Erlebnisparadiese oder Einkaufszentren? Selbst jedes Auto ist inzwischen eine Klimakapsel - und dieses Beispiel hätte vielleicht genügt, zu zeigen, wie konkret jeder selbst Teil an der schizophrenen Szenerie hat, die sich hier vor uns auftut; dass Klimakapseln nicht nur Hilfe versprechen, sondern selbst Teil des Problems sind, Teil jenes Denkens, jenes Handels sind, das erst produziert, wogegen die Kapsel zu schützen verspricht.
Auch in der Vergangenheit hatten die Menschen bereits ihre Fetische, von denen sie sich erhofften, sie könnten sie angesichts lebensbedrohender Veränderungen vor der Vernichtung retten. Gerade hier, im Museum für Kunst und Gewerbe, hätten die passenden Exponaten aus vergangenen Jahrhunderten zur Verfügung gestanden, hätte man den Blick über den engen Horizont der letzten fünfzig Jahre öffnen und ihn bereichern können. Denn wie wir in Zukunft leben wollen, ist vielleicht gar nicht die entscheidende Frage, sondern, wie wir angesichts der Fähigkeit des Menschen, mit dieser Frage umzugehen, überhaupt werden leben können - leider wurde diese Frage nicht gestellt.
Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe: bis 12. September. Publikation: Friedrich von Borries: Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe. Suhrkamp, 208 S., 14 Euro. www.klimakapseln.de