Das fängt an mit den korrespondieren Räumen, dem griechischen und dem ägyptischen Hof. In den ägyptischen hat Chipperfield einen "Tisch" eingestellt, zehn Stützen gliedern den Hof, während der griechische, in den eine Apsis hineinragt, von einem stützungsfreien Glasdach überwölbt und von einem etwa drei Meter hohen Betonpaneel gefasst wird. Nicht nur hier, wo Marmor oder Stuck verloren gingen, hat Chipperfield dem Fragment einen Passepartout gegeben.
Eine Bleibe der Materialien
Dazu wurde jeder Raum erneut eine Bleibe der Materialien, Gips-Kalk stößt auf Stucco lustro oder Marmorino, kein Raum ohne das Zusammenspiel von wenigen Materialien. Exemplarisch mag der Gräbersaal sein, wo über einem Terrazzo eine aus verschlämmten, von Betonbändern rhythmisierten Ziegeldecke existiert, die an das freigelegte ägyptisierende Portal stößt, mit Farbresten auf Hohlkehle und Architrav.
Das Neue Museum ist ein transitorischer Raum des Vielfältigen, und ein jeder als Durchgangsstation für die geistige Anschauung von Raumwundern gedacht, dazu zählt, nicht von ungefähr, dass "Moderner" und "Griechischer Saal" spiegelbildlich vertauscht sind. Die eisernen Zuganker unter der Decke des Niobidensaals, feuervergoldet und mit Figuren geschmückt, machen nachdrücklich aufmerksam auf die Konstruktion des Hauses, das dem Besucher eine Wegstrecke von der Krypta bis zu industriearchitekturartigen Sälen eröffnet, denn zur Route durch dieses Haus gehört das A und O der Bau- als Ingenieursgeschichte.
Der Bewegungsspielraum, der sich dem Besucher anbietet, eröffnet Zeichen und Wunder, vorbei an zarten Eisen- ebenso wie an dorischen Marmorsäulen, hinweg über erhaltene Mosaiken oder das Tafelparkett im Majolikasaal. Zur ganzen Wahrheit gehört, dass seine Raumwirkung ebenfalls abhängt von den Pendentifkuppeln über den Gurtbögen. War bereits vom nördlichen Kuppelsaal die Rede? Er, zukünftig Unterkunft Nofretetes, ist ebenso wie sein Pendant, der Südkuppelsaal, ein oberlichtbekröntes Kabinett - und ein Kabinettstück der aufgemauerten Ziegellagen, die die Museumsruine hinterließ, aber Abrisshäuser des 19. Jahrhunderts.
Das Neue Museum, mit seiner hellen Außenhaut, ist eine Architektur, die von innen strahlt. An den Stirnseiten des Niobidensaals stützen bereits zwei Karyatiden, Abgüsse nach Vorbildern der Villa Albani in Rom, den Architrav. Aber was sagt das über den Farbton, das Spiel von Licht und Schatten oder das Stuckrelief in diesem Raum? Über die Poesie der Materialen - hier Marmor, dort Metall?
Ablesbar blieb der Zyklus im "Vaterländischen Saal", mit seinen sagenhaften Darstellungen der "Edda" oder dem "Dreiperiodensystem", das die Abfolge von Stein-, Bronze- und Eisenzeit festhielt, sogar die von Mikroben zerfressene Deckentapete konnte gerettet werden, jetzt lässt sie wieder aufschauen zu einem gold-blauen Mirakel.
So hat Chipperfield also im Kerngebiet der Kritischen Rekonstruktion mit nichts anderem ernst gemacht. Wo drumherum kalligrafische Nachempfindungen schockweise entstanden sind, wo man sich der Camouflage hingab, hat Chipperfield, unterstützt vom Denkmalpfleger Julian Harrap, sich vom Geist des Idealismus leiten lassen. Denn schon die Romantik bestritt den Vorrang des Schönen. Bereits zu Stülers (und Hegels) Zeiten war es die romantische Reflexion, die das Frappante und Innovatorische dem Schönen vorzog. Gleichermaßen Vernachlässigung und Bevorzugung hat sich auch Chipperfield erlaubt.
Nun, für drei Tage, ist die Architektur, bevor sie zum Gehäuse der Kunst wird, vor allem Haut und Hülle. Architektur als Ausstellungsstück. Mit ihm wird der Besucher auf ein Exponat stoßen, das schmerzhaft den Verlust wachruft und nicht durch Makellosigkeiten sediert. Die Entdeckungstour wird durch eine auf den Gegensatz zielende Architektur führen, ein Bauwerk der Bruchstücke, das sich nicht mehr unter ein totalisierendes Konzept zwingen ließ, trügerisch schön. Chipperfields Wiederbelebung ist eine Großtat aus dem Geist der Synthese.