kalaydo.de Anzeigen

Oper in Buenos Aires eröffnet: Argentinischer Aufbruch

Die Renovierung des größten Opernhauses südlich des Äquators ist beendet: Anfang Mai konnten die Musiker zurückkehren in den Orchestergraben des Teatro Colón in Buenes Aires, das 1908 errichtet wurde. Von Dirk Fuhrig

Der Opernsaal des Teatro Colón mit der berühmten Akustik, aufgenommen am 1. November 2006 bei der Abschiedsgala vor der Renovierung.
Der Opernsaal des Teatro Colón mit der berühmten Akustik, aufgenommen am 1. November 2006 bei der Abschiedsgala vor der Renovierung.
Foto: rtr

Endlich können die Besucher in der Pause zwischen zwei Akten wieder hinaus treten auf den breiten Balkon des Teatro Colón. Im lauen Abendwind überblickt man von dort aus die Plaza Lavalle, eine fußballfeldgroße Grünanlage. In der Mitte der namengebende General auf hohem Sockel. Daneben der historische Justizpalast. Links die neoklassizistische Säulenfassade mit Spitzgiebel der ersten öffentlichen Schule von 1904. Gegenüber ein rokokoesk verschnörkeltes Türmchen, das sich in der Glasfassade des daneben eingepressten modernen Hochhausturms spiegelt.

Jahrzehntelang war es unmöglich, diesen Blick auf den repräsentativen Platz im Herzen von Buenos Aires zu werfen. Die Türen zur Terrasse über der Kutschenvorfahrt des Teatro Colón waren durch gigantische Ventilatoren der Klimaanlage verstellt. Die Bequemlichkeits-Ansprüche der modernen Zeiten forderten ihren Tribut.

Die Renovierung des größten und traditionsreichsten Opernhauses südlich des Äquators hat diese Absperrung nun beseitigt. Lange wurde an der Ventilation getüftelt, bis nicht nur die Turbinen aus dem Foyer verschwunden waren, sondern vor allem der Zuschauerraum ohne Beeinträchtigung der Musik in befriedigender Weise gekühlt werden konnte. Ob sich die Arbeit gelohnt hat, werden die Besucher feststellen können, wenn das legendäre Theater nach fast vierjähriger Schließung jetzt mit Puccinis "La Bohème" und unter dem neuen Generalintendanten García Caffi in seine neue Spielzeit geht.

Das Teatro Colón nimmt auch städtebaulich eine herausragende Position in der Stadt ein. An der Rückseite verläuft die Avenida 9 de Julio, von den Argentiniern gerne stolz als breiteste Straße der Welt bezeichnet, eine Rennstrecke mit zehn Fahrspuren in jede Richtung, mit dem Obelisken in der Mitte, ein beliebtes Postkartenmotiv.

Opernhaus in Buenos Aires wiedereröffnet

Bildergalerie ( 7 Bilder )

Am 25. Mai begeht Argentinien den 200. Jahrestag seiner Unabhängigkeit von der spanischen Krone. Die Wieder-Eröffnung des Opernhauses am Vorabend ist das bedeutendste Ereignis im Rahmen der Jubelfeierlichkeiten; die Staatspräsidentin und der mächtige Regierungschef der Provinz Buenos Aires haben lange um die Federführung gestritten. Das Teatro Colón ist eine nationale und weltbekannte Institution, kulturelles Aushängeschild des Landes und emblematisch für die enge Bindung Argentiniens an die Tradition europäisch geprägter Kultur, auf die sich das Bürgertum bis heute beruft.

Im Colón sangen die Großen dieser Welt. Maria Callas ließ sich feiern und Enrico Caruso. Besonders eng waren von Anfang an die Beziehungen zur Mailänder Scala. Aber auch mit der Berliner Staatsoper unter den Linden stand und steht Buenos Aires im regen Austausch.

Richard Strauss kam 1920 als erster, Erich Kleiber leitete jahrelang die "deutsche Saison". Sänger und Musiker aus Europa profitierten von den gegenläufigen Jahreszeiten auf der Südhalbkugel: War in Deutschland Sommerpause, begann am Teatro Colón die Spielzeit; und in Argentinien wurden damals fantastische Gagen gezahlt.

Als die Nazis die jüdischen Künstler aus Deutschland vertrieben, wurde das Opernhaus am Rio de la Plata für Künstler wie Josef Gielen, den Vater des Dirigenten Michael Gielen, zum Refugium. In jüngerer Zeit hat Daniel Barenboim, der in Buenos Aires geborene Generalmusikdirektor der Lindenoper, die Kontakte neu gefestigt.

Die wiederholten politischen und wirtschaftlichen Krisen, die Argentinien seit den sechziger Jahren erschüttert haben, sind auch an diesem kulturellen und gesellschaftlichen Gravitationszentrum nicht ohne Spuren vorüber gegangen. Die jahrzehntlange Vernachlässigung hatte eine Komplett-Renovierung nötig gemacht. Bis zuletzt wurden alte Farbschichten freigelegt, Parkett abgeschliffen; Mosaiksteine wurden ergänzt, bunte Glasscheiben ersetzt, gebröckelte Stuckstücke nachgeformt, Seidentapeten neu auf Deckenhimmel geklebt, Säulenverzierungen ausgepinselt, poliert und gewienert. Tonnenweise Bienenwachs wurde verbraucht, um Holzteile zu reinigen. Die einzigartigen Bronze-Lüster wurden gefertigt von dem berühmten Schmiedemeister Pallorols, der auch das Szepter des argentinischen Staatspräsidenten und Geschmeide für gekrönte Häupter in aller Welt herstellt.

Umgerechnet rund 60 Millionen Euro hat das bisher gekostet - viel Geld für ein Land, das nach seinem letzten wirtschaftlichen Zusammenbruch von 2001 zwar erstaunlich schnell wieder Fuß gefasst hat, aber immer noch extrem verschuldet ist. Nach wie vor gleiten viele Argentinier in die Armut ab; manche durchsuchen in den Straßen der Hauptstadt den Müll nach Brauchbarem - allabendlich genau um die Uhrzeit, zu der die Aufführungen in den Theatern beginnen. Eine Loge im Colón kostet 30000 Pesos pro Saison, das sind rund 6000 Euro.

Teilweise waren mehr als 500 Arbeiter gleichzeitig in dem 58000 Quadratmeter großen Gebäude zugange. Auf Anordnung des Intendanten auf einem Klangteppich klassischer Musik aus Lautsprechern - die Restauratoren sollten vom musikalischen Geist des Hauses inspiriert werden. Es mag genutzt haben: Die Renovierung ist außerordentlich sorgfältig ausgefallen, präzise und in allen Details am Original orientiert. Roter Marmor aus Verona und weißer aus Carrara ist in dem gewaltigen Foyer verbaut, das sich über zwei Etagen erstreckt. Oben schließen der Salon Dorado und der Salon Blanco an, rundherum stehen Komponisten-Büsten.

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Dirk Fuhrig
Datum:  19 | 5 | 2010
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!