Die Folgen lassen sich im Bastille-Viertel rund um den Faubourg Saint-Antoine bis hinauf zur Rue Oberkampf beobachten: Wo einst Tischler und Schreiner ihre Werkstätten betrieben, Arbeiter sich in Eckkneipen trafen und Lebensmittelläden alles für den täglichen Bedarf anboten, reihen sich jetzt Szene-Lokale an Designerläden, und Bio-Restaurants wechseln sich mit Galerien ab. Auf den Straßen sieht man modisch gekleidete Männer, die verhuschte Schoßhündchen spazieren führen. Vor den Cafés sitzen junge Frauen, die auf ihr Handy einreden oder in ihr Notebook starren, die Augen hinter schwarzen Sonnenbrillen verborgen.
Mit den neuen Bewohnern sind auch in den ehemaligen Arbeitervierteln im Osten der Stadt die Immobilienpreise kräftig gestiegen, erschwinglichen Wohnraum sucht man hier allmählich vergebens. So wächst der Druck auf die weniger Zahlungskräftigen, die ihre angestammten Quartiere verlassen müssen, wenn es ihnen nicht gelingt, eine öffentlich geförderte Wohnung zu finden. Denn trotz des verstärkten Engagements der Linkskoalition im Rathaus bleibt das Angebot an Sozialwohnungen noch immer weit hinter dem Bedarf zurück.
Wenn die Gentrifizierung bislang dennoch nicht mit gleicher Wucht über die östlichen Arrondissements hinweg rollt wie über das Zentrum, ist das einzig dem hier traditionell dichten Bestand an Sozialwohnungen zu verdanken, der wie ein Bollwerk gegen die Immobilienspekulation wirkt.
Die Verdrängung der Unterschicht hat Tradition
Gewiss, die Verdrängung der Unterschicht an den Stadtrand hat in Paris eine ebenso lange Tradition wie die Spaltung der Stadt in die reichen Beaux Quartiers im Westen und das arme Paris Populaire im Osten. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts hinterließ Georges Eugène Haussmann neben breiten Boulevards eine baulich ausgedünnte Innenstadt und steigende Mieten. Der weniger zahlungskräftigen Bevölkerung blieb nur der Exodus in die Randbezirke.
In den 1960er Jahren knüpfte die großflächige Abbruchsanierung im ehemaligen Künstlerviertel Montparnasse an die Haussmann-Tradition an. Eine wilde Immobilienspekulation trieb die angestammten Bewohner, die sich selbst die neuen Sozialwohnungen nicht mehr leisten konnten, in die gerade entstehenden Großwohnanlagen in der Banlieue.
Eine gigantische Spekulationswelle schwappte seit den 60er Jahren auch über das alte Marais-Viertel hinweg, in dem die Sanierung behutsamer vonstatten ging. Parallel zur Rettung der historischen Bausubstanz vollzog sich im Marais unter den Augen von Politik und Verwaltung jedoch ein nahezu kompletter Austausch der Bevölkerung. Heute zählt es zu den teuersten Vierteln von Paris.
Verdrängung aus der Inner City in den 80ern
Mit falschen Weichenstellungen ebneten Politik und Planer der Verdrängung armer Haushalte aus den innerstädtischen Wohngebieten den Weg lange bevor in den 1980er Jahren die Transformation zur Global City einsetzte: Unter dem Vorwand der Sanierung fielen bis weit in die 70er Jahre ganze Wohnviertel dem Abriss zum Opfer, in denen überwiegend ärmere Bevölkerungsschichten lebten.
Der öffentlich geförderte Wohnungsbau konzentrierte sich in den 60er und 70er Jahren auf anonyme Großsiedlungen an der Peripherie. Und die Umwandlung von Wohnraum in Büroflächen ging nicht erst in ihrer heißen Phase während Jacques Chiracs Amtszeit als Bürgermeister von Paris ohne politische Kontrolle über die Bühne. Die Folge: Paris verlor in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur ein Viertel seiner Einwohner, sondern auch viel von jenem typischen Charme, der sich dem bisweilen noch dichten Nebeneinander von Arm und Reich verdankte.
Berauscht vom freien Spiel des Marktes
Von der Suggestivkraft der globalen Steuerungsfunktionen berauscht, überließ eine neoliberal einjustierte Politik seit den 1980er Jahren die gesamte Stadtentwicklung schließlich weitgehend dem freien Spiel des Marktes. Während die Einkommensunterschiede zwischen Spitzen- und Geringverdienern weiter wuchsen und die Mieten explodierten, drosselte die öffentliche Hand die Investitionen in den sozialen Wohnungsbau und verstärkte damit den Verdrängungsprozess und die räumliche Ungleichheit in einem bis dahin nicht gekannten Maß. Der private Wohnungsmarkt investierte in die gewinnversprechende Aufwertung der Bausubstanz für gehobene Wohnansprüche, während staatliche Mittel in die flankierende Ästhetisierung des Stadtbildes flossen.
Während der Präsidentschaft Francois Mitterrands sorgte die französische Hauptstadt mit spektakulären Prestigebauten für Schlagzeilen: vom Großen Bogen in der Bürostadt La Defense im Westen über die Glaspyramide des Louvre bis zur neuen Nationalbibliothek im Osten der Stadt. Mit ambitionierten kulturellen und architektonischen Leuchtturmprojekten, dass wusste Mitterrand, lässt sich im Wettbewerb um Investoren und Touristen allemal mehr Eindruck schinden als mit Wohnungsbauprogrammen. Gegen die Folgen dieser Politik kämpft die Linkskoalition im Rathaus seit acht Jahren ohne durchgreifende Erfolge an.