Wenn Tempel eines Tages mit Türen ausgestattet wurden, dann hatte hinter der Tat zweifellos ein Gedanke gestanden, etwa der, die Schwelle zu betonen, die Pforte nicht zu durchlässig sondern regelrecht krisenfest auszustatten. Der Eintritt in das Besondere sollte markiert werden, in eine andere Welt – und auch wenn es sich bei dem Raum um einen heiligen Raum handelte, wurde der Gedanke nicht zum Dogma, denn eine Membran, vom Wind bewegt, reichte ja auch.
Einen solchen, sich regenden Vorhang haben sie jetzt auch zwischen den kolossalen Stützen des Deutschen Pavillons in Venedig fixiert, dazu bestimmt, Welten zu trennen, an erster Stelle Innen und Außen, die anmutige Atmosphäre des Biennale-Geländes von einer sehr strengen Gebäude-Hülle und ihrer sehr, sehr hermetischen Welt. An ihr beteiligten sich 182 Geschöpfe, die der Architektur- und Kulturbetrieb hervorgebracht hat, animiert von den Kuratoren Cordula Rau, Eberhard Tröger (und wohl auch Ole W. Fischer). Ihr Motto lautete: „Sehnsucht“. Um es zu fixieren, war die jeweilige Rahmenbedingung ein DIN-A4-Blatt. Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass Ai Weiwei, er stammt schließlich aus dem Reich der Mitte, in die Mitte eines Blattes einen zarten Punkt setzte. Wenn die Münchnerin Katharina Leuschner sich mit einer Zeichnung beteiligte, die einen Bleistift zeigt, der soeben ein Haus mit einer Tür in Herzform entstehen ließ, hat man bereits eine Ahnung davon erhalten, dass das Thema nicht unmittelbar konsensfähig ist.
„Sehnsucht“, so steht das Zauberwort in Schreibschrift als Neonschlange über der Pforte, in einer Art von Schönschrift (wie ja auch das Neonwort „Self Service“ direkt an der Rialtobrücke). Und auch wenn das Motto nicht hinauf bis in den Architrav des Tempels gehievt werden durfte, dorthin, wo das Wort Germania steht, so erinnert es doch daran, dass dieser Kunsttempel aus dem Jahre 1909 immer schon ein Ort der Überschreibungen gewesen ist. Das Haus ist als Gedankengebäude genutzt worden und wiederum von manchem Künstler als Lügengebäude vorgeführt worden – als unversöhnliche Reaktion auf den Missbrauch durch die Nazis.
In einen „Roten Salon“ haben die Kuratoren den zentralen Raum verwandelt, die „Übermalung“ der sonst weißen Wände stammt aus einer venezianischen Manufaktur. Richard Manahl hat sich mit einem klassisch modernen Grundriss beteiligt, Markus Jung mit einem düsteren Gasometer-Gerippe, Wolf D. Prix mit einer hingehudelten Nullkommanix-Impression. In der Vielzahl liegt, wie sollte es auch anders sein, wenn es um Solitäre und nicht um einen Ensemblegedanken geht, die Vielfalt. Die angeschriebenen Architekten verwendeten Filzer und Kugelschreiber, harte und weiche Stifte, sie zeichneten Schwarzpläne von Berlin oder Venedig, sie verloren sich mit ihren Gedanken in Labyrinthen, ihre Gefühle wurden umgesetzt in Petitionen wie: „Attraktion statt Restriktion!“ (Peter Haimerl).
Schon vor seiner Eröffnung lockte der Pavillon mit dem Unausgesprochenen, dem Unsichtbaren der Architektur, von der Suche nach einer verlorenen Einheit war die Rede, wie sie die Kindheit noch ahnen ließ, weniger eine Bauklötzchenkindheit, wohl aber eine, die sich anstecken lässt vom Phantastischen. Unter den hermetischen Bedingungen eines Kunsttempels schien sich eine ungeheure Projektionsfläche abzuzeichnen, und ob dabei der Gedanke dem Gefühl einen Schritt voraus ist (oder aber das Gefühl dem Gedanken?), so schien doch die Idee einer Konfrontation ins Auge gefasst. Hier das Klassische, dort das Romantische. Es war eine schöne Sehnsucht.
Denn es war die nach einer romantischen Lesart der Architektur, und das ausgerechnet in einem Kunsttempel nach klassischen Mustern. Wenn man nun aber den Deutschen Pavillon ein wenig genauer inspiziert hat, dann ist von der großen Idee, die eine erhabene Konfrontation versprach, nur viel Banales geblieben. Beschworen wird in netten Bildchen die Kolonisation weiterer Himmelskörper von einem verstädterten Planeten aus. Beschworen wird der reine Tempel aus dem blanken Nichts, beschworen wird eine verkehrsgerechte Landschaft, die daniederliegt wie ein abgezogenes Tierfell. Der Deutsche Pavillon mag ein Schauplatz der Schreckensutopien sein, ein Sehnsuchtsstandort ist dann doch etwas anderes.
Der Pavillon hätte zu einem Stauraum der Grenzüberschreitung werden können. Was er jedoch birgt, ist eine Ansammlung des Austauschbaren, mit dem Thema, das verschenkt wurde, addiert sich das Beliebige. Dazu schauen Architekten immer wieder zeichnend aus dem Fenster. Die perspektivischen Fähigkeiten, und es gibt unter den Architekten wahre Könner, verlieren sich in einer Ferne, die gelegentlich bedrohlich verbaut ist. Die Erde als melting pot. Andererseits tendiert sie weiterhin zur Idylle. Auf zahlreichen Blättern ist die Sehnsucht in die Horizontale gerutscht, und weil sie dann nicht vertikal oder auch nur tiefer gedacht worden wäre, wurde ein Fluchtpunkt in den Bergen zart koloriert.
Während der zentrale Raum des Deutschen Pavillons den Architekten als fernwehgesteuertes Wesen zeigt, wird der Besucher in den Seitenkabinetten auf sich selbst zurückgeworfen. Self Service auch hier, angefangen von einem Spiegelkabinett, in dem sich der Biennalebesucher von sich ein Bildnis machen kann. Gleich nebenan wiederum weht über der Schwelle eine Gardine, durch sie hindurch geht der Blick durch eine Tür, hinaus auf die Lagune. Zweifellos hat man in den jahrelang gleich einem Hinterhof gehandelten, rückwärtigen Teil des Pavillons einen kleinen Horizont aufgerissen.
Mit den Bedingungen der Perspektive spielen auch die gegenüberliegenden Kabinette: „Darkroom“ und „leerer Raum“. Die Projektion wird hier zu einer intimen Affäre, keine Frage, doch um sich wahrlich, mit allem Willen zur Sehnsucht, der Überraschung hinzugeben, um von dem Extremen gar nicht erst zu reden, bedarf es wohl einer längeren Verweildauer, regelrecht eines bohrenden und nicht nur geselligen Interesses an der Sehnsucht.
Wer sich auf das Wort Sehnsucht einlässt, weiß natürlich, dass es um nichts weniger als das Ganze geht, um eine Entfesselung, und da bietet das DIN-A4-Blatt, das den Architekten zur Verfügung stand, dann doch eine zu dünne Basis. Sicher, gemessen an den Marketingmessen in anderen nationalen Pavillons, verglichen mit manchem Showroom für Investoren, mag der Beitrag im Deutschen Pavillon wie ein bizarres Subversionsunternehmen anmuten. In seiner Totalität ist in einem Tempel jedoch nur eine Geisteslandschaft der Gedanken-, ja Ideenlosigkeiten hochgradig verdichtet worden.
Deutscher Pavillon, Venedig, bis 21. Nov., www.sehnsucht-biennale.de