Seit einigen Jahren geht in Europa ein Gespenst um, doch nur hinter vorgehaltener Hand ist man bereit einzuräumen, dass man es gesichtet hat. Es handelt sich um das Gespenst des Schrumpfens. Es ist nicht immer leicht zu erkennen, da es auf vielerlei Weise auftritt: In Osteuropa schwebt es über den seit 15 Jahren dramatisch entleerten Städten, in den alten Industriegebieten Frankreichs oder Englands taucht es in Form der strukturellen Arbeitslosigkeit auf. Nicht nur die Erscheinungsformen wechseln häufig, auch die Geschwindigkeit seines Auftauchens variiert.
Wir sind gut beraten, uns mit diesem Phänomen hierzulande intensiver auseinandersetzen. Denn es ist eben nicht nur eingebildet, dass ganze Industrieareale aufgegeben werden und Landstriche sich entvölkern, dass sowohl Gründerzeithäuser als auch Plattenbauten zerborstene oder vernagelte Fenster zur Schau stellen, dass, wie zu lesen war, "die Wölfe von der Mark Brandenburg Besitz ergreifen", oder dass stückweise brachfallende Städte in Ostelbien zu einer Alltagserfahrung werden. Ob nun in Hoyerswerda, Görlitz oder Wittenberge: Vor Ort hat die Schrumpfung längst massiv ihre Spuren hinterlassen.
Der Autor ist Leiter der Abteilung Bauen, Wohnen, Architektur des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (Bonn/Berlin).
Doch was die fatale Mischung aus demographischem Wandel, Deökonomisierung und staatlicher Finanzschwäche namentlich in der Uckermark und in Vorpommern, in der Lausitz und in Teilen Mecklenburgs bewirkt, ist keineswegs eine Übergangserscheinung, sondern längst ein sich verfestigender Zustand - und möglicherweise ein Vorschein auf Entwicklungen, die alsbald auch Regionen in der alten Bundesrepublik betreffen.
Weit über eine Million Wohnungen stehen bislang in Ostdeutschland leer, somit zur Disposition und vielfach kurz vor dem Abriss. Fraglos ist das dramatisch, aber nicht des Problems Kern, sondern nur eine Folgeerscheinung. Immerhin sorgte die so genannte Leerstandskommission für eine erste - wenngleich recht einseitige - gesellschaftliche Artikulation. Folgerichtig initiierte die Bundesregierung alsbald das Förderprogramm "Stadtumbau-Ost", dem sich dann auch ein "Stadtumbau-West" anschloss. Der Gleichklang der Begriffe verschleiert indes, dass sich dahinter unterschiedliche Probleme, Ansätze und Werthaltungen verbergen.
Während Schrumpfung im Osten ganze Regionen erfasst hat, sind im Westen nur einzelne Städte, häufig nur Stadtteile betroffen. In den neuen Ländern treten die Folgen dominant und, im negativen Sinne, bildhaft in Erscheinung, auch für den wenig informierten Besucher meist sofort sichtbar; in den alten Ländern hingegen bleiben sie weithin verdeckt, dringen damit kaum über die Sinne ins allgemeine Bewusstsein. Und was jenseits der Elbe nach einer schnellen Lösung ruft, ist diesseits eher ein allmähliches, mittelfristig zu Buche schlagendes Problem. Entsprechend erweist sich die allgemeine Wahrnehmung: Mag man dem Thema in Hannover, Köln oder Nürnberg wenig Aufmerksamkeit schenken, in Schwerin und Chemnitz zeigt man sich dafür sensibilisiert.
Ein Überangebot an Flächen herrscht in jederlei Hinsicht
Ungeachtet der Aufmerksamkeit für solche Entwicklungen wirken allerorts gewisse Verdrängungsmechanismen fort. Zwar sind die notwendigen Anpassungen der Systeme an die sich abzeichnenden Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen des 21. Jahrhunderts ohne Konflikte nicht zu haben. Aber richtig ausgetragen werden sie nicht. Weitere Rennpisten im märkischen Sand, die Cargolifter und CD-Fabriken im Thüringer Wald, die Gewerbegebiete, auf denen sich doch nie ein Gewerbe gründet: Das braucht man absehbar wohl nicht. Trotzdem scheint zu gelten: "Augen zu und weiter wie gehabt!"
Langsam nur sickert die Botschaft ins Bewusstsein: Planung kann heute nicht mehr nur Wachstumsüberschüsse verteilen, sondern muss sich auch mit der Verschärfung von Verteilungskonflikten auseinandersetzen. Es herrscht ein Überangebot an Flächen und Räumen in jederlei Hinsicht. Bezüglich der Neuansiedlung von Unternehmen und Privathaushalten wächst die Konkurrenz zwischen Ländern, Regionen und Gemeinden. Die Niederlassung an einer Stelle führt unweigerlich zu Wegzug, Leerstand und Brachfallen an einer anderen. Etwaige Gewinner hier sorgen für Verlierer dort.
Unter diesen Bedingungen ist ein neues Denken notwendig. Der Städtebau - dies scheint schon im Begriff selbst angelegt - hat Stadt und bislang durch bauliche Eingriffe gestaltet. Schrumpfung ist hingegen eine Entwicklung und gleichzeitig Transformation, die sich in radikaler Weise zunächst ohne nennenswerte Veränderung des physischen Raums vollzieht. Dies wirft die Frage auf, ob es neben dem klassischen baulichen Eingriff nicht andere Formen der Intervention gibt, mit der die Entwicklung von Stadt beeinflusst werden kann.
Namentlich in der Stadt Leipzig hat man in den letzten Jahren Antworten zu formulieren versucht - und damit Impulse gesetzt: Mit "Zwischennutzungen" oder so genannten "Gestattungsverträgen" wurde aus der Not eine Tugend gemacht und neue Wege eingeschlagen, um zukünftige Gestaltungsmöglichkeiten nicht von vorneherein zu "verbauen", sondern offen zu halten.
Gerade der IBA Stadtumbau 2010 des Landes Anhalt-Sachsen kommt das Verdienst zu, nicht nur urbane Missstände unter sehr prosaischen Bedingungen anzugehen, sondern darüber hinaus auch einen kommunizierbaren Überbau mit (halbwegs) programmatischem Anspruch zu schaffen.
Ideen für die Lebensform Stadt fehlen
Dem steht in den alten Ländern nichts Gleichwertiges gegenüber: Referenzmodelle mit einer überregionalen Ausstrahlung und dem Anspruch, in der Debatte neue Horizonte abzustecken, hat der Westen bislang nicht hervorgebracht. Dass Innen- vor Außenentwicklung gehe, und dass insbesondere die Schrumpfung hierzu die entscheidende Chance biete, gilt in der Fachgemeinde weithin als Konsens. Bei allen "Reparaturansätzen" sei mithin der historischen Altstadt oder dem Gründerzeitgürtel stets der Vorzug zu geben gegenüber der Großsiedlung an der Peripherie der Stadt. Praktisch-politische Konsequenzen aus dem Lehrsatz sind bisher allerdings kaum deutlich geworden.
Woran es grundsätzlich fehlt, sind neue Ideen für die Lebensform Stadt. Wie kann man das Gehäuse des - nutzlos werdenden - Überlieferten mit neuem Leben füllen? Wie kann eine Kommune trotz Haushaltsnotstand und mangelnder Normsetzungskompetenz dieses baulich-räumliche Rückgrat stützen? Wie können allgemein verbindliche Inhalte formuliert werden? Ohnehin können die notwendigen Strategien nicht mehr unter "dichter, höher, eleganter" subsummiert werden; jetzt ist vielmehr Entdichtung, Verkleinerung, Entschleunigung gefragt.
Wo früher um Zuwächse an Bauvolumen, Wohnfläche oder Ausstattung gerungen wurde, wo jegliches Stadtentwicklungsdenken bisher stets von einem Mehr ausging, müssen für ein Weniger völlig neue Instrumente erfunden werden. Grund genug, die Verweigerungshaltung zu überwinden und zugleich eine neue "Umbau-Kultur" zu entwickeln.