kalaydo.de Anzeigen

Städtebau München: Ein Wall aus Zinnen und Zacken

Wo noch vor drei Jahren Lokomotiven ratterten, klappern jetzt Computertastaturen. Einen Steinwurf entfernt vom Münchner Hauptbahnhof, sprießt ein moderner Stadtteil aus dem Boden, mit hochwertigen Büros und mittelmäßigen Wohnbauten. Der Arnulfpark.

Im Herzen des Arnulfparks stehen banale Wohnblöcke, die am Stadtrand nicht weiter auffallen würden, im Zentrum aber den Eindruck von Peripherie vermitteln.
Im Herzen des Arnulfparks stehen banale Wohnblöcke, die am Stadtrand nicht weiter auffallen würden, im Zentrum aber den Eindruck von Peripherie vermitteln.
Foto: robert haas/dpa

Münchens Sorgen würden andere Kommunen gerne haben. Ein Konzertsaal von Weltrang muss her und das Museumsquartier endlich Gestalt annehmen. Derweil hält der Siegeszug von Luxusimmobilien im Zentrum an. Jede vierte Fassade im Zentrum scheint mit Bauplanen verhängt, und über den letzten Brachflächen kreisen Kräne. Wer Geld hat, zieht in die Stadt.

An der Donnersberger Brücke lässt sich Münchens Zukunft besichtigen. Die Nachmittagssonne im Rücken zeichnet die ziegelbraunen Türme der Frauenkirche messerscharf gegen den Himmel. Alles, wie gehabt. Doch schon die Kuppel des Justizpalasts wirkt wie der Deckel einer Sauciere, und auch der Hauptbahnhof scheint seltsam fragil, das wilde Geflecht aus Weichen und Gleisanlagen geschrumpft. Neue Gebäude drängen an der Bahnlinie nach vorne, ein Wall aus Zinnen und Zacken, Türmen und Schießscharten: der Arnulfpark.

Wo noch vor drei Jahren Rangierlokomotiven über den innerstädtischen Containerbahnhof ratterten, klappern Computertastaturen. Zwischen Donnersberger Brücke und Hackerbrücke, einen Steinwurf entfernt vom Hauptbahnhof, sprießt ein moderner Stadtteil aus dem Boden, mit hochwertigen Büros und mittelmäßigen Wohnbauten. Zwischen Stadtautobahn und Gleisanlagen sollen hier bald 2000 Menschen wohnen, mehr als dreimal so viele arbeiten.

Frisch und clean

Der Arnulfpark wirkt so frisch und clean, er ist noch nicht so recht in München angekommen. Er riecht anders, nach Asphalt und Staub, er fühlt sich anders an – irritierend bis erfrischend heimatlos – und er spielt mit Maßstäben, wie man sie in Bayern höchstens noch in der herrschaftlichen Ludwigstraße findet. Groß wie vier Fußballfelder ist allein der zentrale Park, eine leicht gewellte Rasenfläche mit verstreuten Bäumen und Spielplätzen.

Schnurgerade Linien prägen den Arnulfpark, blendend weiße Fassaden, Sand und knisternde Asphaltplätze. Sterilität muss man dem Areal nicht vorwerfen. Das gibt sich mit der Zeit. Es geht um Grundsätzliches, um die Frage: Wie wollen wir zusammenleben? Nach der gescheiterten Werkbundsiedlung sucht München händeringend ein Quartier, das die Trias der Stadtplaner, „kompakt, urban, grün“, ins Werk setzt. Der Arnulfpark wäre prädestiniert dafür, eine ehemalige Brache, berstend mit Leben. Zwei S-Bahn-Haltestellen erschließen ein Filetgrundstück, wie es in München kein zweites gibt. Filet heißt scharf anbraten und schnell vom Herd nehmen, damit es saftig bleibt. Wir lieben Medium.

Und genau dieses Mittelmaß hat sich im Herzen des Arnulfparks eingebrannt. Dort stehen banale Wohnblöcke, die am Stadtrand nicht weiter auffallen würden, im Zentrum aber den Eindruck von Peripherie vermitteln. Offenbar sind hier Bauträger dem Lockruf todsicherer Kapitalanlagen erlegen. Kein Gedanke an Baugruppen und engagierte Bürger, die sich ihren Stadtteil selbst errichten wie in Freiburg oder Tübingen, kein Gedanke an Experimente. Wie Zinken eines Kammes reihen sich die Blöcke stur in Nord-Süd-Richtung. Wohnen von der Stange, gekrönt von Anklängen an Hundertwasser und erbärmlichen Freisitzen. In München verkauft sich eben alles. Da hilft auch der großzügige Park nichts, auf den sich die Wohnungen richten und auch nicht die Aussicht auf Büros in portugiesischem Kalkstein. Wie stark muss der Leidensdruck von Mietern und Eigentümern in München noch werden, damit Wohnungsbauer endlich anständige Häuser errichten? Natürlich gibt es auch die, und es wäre ungerecht, ein Neubaugebiet von der Größe einer Kleinstadt auf seine missratenen Mietshäuser zu reduzieren, aber ihre kruden Details lassen sich schwer wegretuschieren. Hier wurde lieblos gebaut, vor allem sichtbar billig.

"Atmos" und "Skygarden"

Wie viel mehr Liebe – oder sollte man sagen: Investment – floss in die Bürobauten entlang der Bahnlinie. Sie stammen von bekannten Architekten und tragen klangvolle Namen. „Atmos“ heißt das eine mit stählernen Nadelstreifen von KSP Engel Zimmermann, „Skygarden“ das andere von BRT (Bothe Richter Teherani). Die Hamburger Großbaumeister fügten gewaltige Glasfronten in die Fassade, um durch ein Netz aus Wintergärten das Haus im Sommer zu kühlen. An der Hackerbrücke strahlt der Arnulfpark die Effizienz eines gut geölten Businessplans aus. Stadtauswärts winden sich Büros entlang der Bahnlinie und bilden einen Lärmschutzwall für die Bewohner dahinter. Monumental und bewusst einfach geben sich die Bürotürme der Arbeitsgemeinschaft Kahlfeldt Architekten, fpa Frank und Probst Architekten und Ekert Probst Architektinnen. Sie verzichten auf den mäandrierenden Sockel und strahlen Ruhe aus, urbane Härte.

Überhaupt funktioniert das Quartier erst jetzt, nachdem die Wand aus Unternehmen steht, die Adressen brauchten mit Fronten aus Blech, Ziegel und Naturstein. Wie auf einer Bauausstellung stehen allerlei Architektursprachen zusammen. Letztlich läuft es auf die philosophische Frage heraus: Wie will sich München darbieten, wie viel Freiheit soll ein Bebauungsplan eröffnen, wie viele Anknüpfungspunkte bieten, und wie soll die Balance aus Ordnung und Einschränkungen ausfallen? Auf dem Papier verspricht der Arnulfpark maximale Urbanität und Rendite. Das hat Folgen. Am Rand, wo der Verkehr dröhnt und tost, wirkt das Quartier wie eine feste Burg, im Zentrum schlottern die Fassaden der Wohnbauten.

Noch herrscht Umbruch im Quartier, wo Autowerkstätten und Wohnen, Bäume und Büros, Dieselmotoren und Notebooks aufeinandertreffen und einen wohltuenden Kontrast zum gemütlichen Bewahren und Ergänzen der Metropole bilden. Das Areal zeigt aber auch, wohin sich München immer rascher entwickelt. Business prägt das Entree der Stadt, nicht nur für Bahnfahrer. Alles Unordentliche, Schäbige und Unaufgeräumte hat Platz gemacht für eine Metropole, die wirtschaftlich prosperiert, ohne überzeugende Wohnquartiere zu entwickeln. Der Arnulfpark leidet am Mittelmaß seiner Siedlungen. Das ist die Herausforderung für eine Stadt, in der sich alles verkauft, was als Eigentumswohnung firmiert. München hat im Zentrum kaum mehr Freiflächen für Wohnquartiere. Gute Zeiten für Immobilienbesitzer. Allen anderen klingt die Olympiabewerbung womöglich wie eine Drohung. Noch schicker, noch cleaner, noch teurer wäre diese schöne Stadt kaum mehr auszuhalten.

Autor:  Oliver Herwig
Datum:  15 | 4 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!