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Architektur

22. April 2009

Städtebau: Unsere dritte Haut

 Von WOLFGANG PEHNT
Ein Beispiel von gelungener Anspielung auf Tradition: Das von Jean Nouvel in den achtziger Jahren entworfene Institut du Monde Arabe in Paris. Foto: Getty Images

Ob Postmoderne oder Minimalismus: Die Architektur der Gegenwart hängt ab von einer ortsunabhängigen, prestigeträchtigen Mode - darunter leiden lokale Bautradition und die Menschen, die mit ihr leben.

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Zur Person

Wolfgang Pehnt ist deutscher Architekturhistoriker und Professor für Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Er ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste München, ist Ehrenmitglied der Gesellschaft der Freunde des Deutschen Architektur Museums Frankfurt am Main und lebt in Köln. Pehnt arbeitet zur Architekturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

Manches hat die Städte aufregender gemacht, aber weniges davon hat sie wohnlicher werden lassen. Oft scheint es, als seien diese Stilgebärden nichts als Oberflächenphänomene. Der große Strom der Entwicklung zieht unbeeindruckt weiter. Die Schwimmer im Strom machen ihre Schwimmbewegungen, so gut sie können, aber sie können nur mit der Strömung schwimmen, nicht gegen sie und nicht einmal seitlich ans feste Ufer.

Ob Postmoderne oder Minimalismus, es herrschen nach wie vor: unvernünftiger Flächenverschleiß, erhöhtes Anspruchsdenken (mehr als 40 qm Wohnfläche pro bundesdeutscher Person, 1950 waren es noch 15 qm! ), zunehmender Verlust des öffentlichen Raums, Perforierung der Randzonen, vermehrter Bedarf an individuellem Verkehr sprich Auto, den auch die vorübergehende Reduzierung der Pendlerpauschale nicht stoppen konnte. Für ihn produzierten die repräsentativen Marken, zumindest bis zum großen Crash, zwölfzylindrige Superfahrzeuge mit "überragendem Drehmoment" (wie die Werbung verspricht) und schamlosem Spritverbrauch. Wenn heute Museen eingeweiht werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie Autos enthalten.


Foto: Getty Images

Ein Umsatz an Formenmaterial mit "überragendem Drehmoment" erschwert auch die Sprachfähigkeit selbst, die Lesbarkeit der Architekturformen. Was steht wofür, wenn alles überdreht? Was besagt das Label Gehry oder Zaha Hadid - außer dass der Bauherr die Ranking Charts der Architekturprominenz kennt? Geht es nur noch um die Abwechslung an sich, um das jeweils aufregend Andere, so lange es dank seines Neuigkeitswerts noch unsere Aufmerksamkeit fesselt? Wie viel an Prestigegewinn bringen den Kommunen die Icon Buildings tatsächlich ein, wenn inzwischen auch Herford und Bad Oeynhausen sich eines Gehry rühmen können?

Und schon bald stehen wir da mit den Sensationsbauten, die wir gar nicht mehr so hinreißend finden, wenn die Premierengäste abgezogen sind und die Architekturkritik sie nicht mehr feiert, weil sie längst das nächste Architekturereignis zelebriert. Die wir aber weiterbewirtschaften müssen. Die zweite Haut kann man leicht wieder ablegen, die erste gar nicht und die dritte nur schwer. Manche Aufgaben erfüllen Haut, Kleidung und Architektur jeweils auf ihre Weise parallel zueinander, wenn auch in unterschiedlichem Abstand zu ihren Schutzbefohlenen, darunter die wichtigsten: Schutz und Ausdruck derer zu sein, die in ihnen stecken. Aber die Bedingungen, unter denen sie es tun, und die Mittel, mit denen sie es tun, sind ganz unterschiedlich.


Foto: Getty Images

Einer der besonnenen Autoren der Branche, Hamburgs langjähriger Oberbaudirektor Fritz Schumacher, war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur ein gerühmter Urbanist und Architekt, sondern auch ein beängstigend fruchtbarer und belesener Architektur- und Kulturschriftsteller. Auch er diskutierte unser Thema. Er spricht von "Kernform" einerseits und "Kunstform" andererseits. Die Begriffe sind von Gottfried Semper übernommen, der bekanntlich die Kunst der Mattenflechter und Teppichwirker, die Architektur der Zelte, Yurten und Bambushütten, für die Urkunst gehalten hat und also auch für die Urform des Bauens: "Immer bleibt gewiss, dass die Anfänge des Bauens mit den Anfängen der Textrin zusammenfallen". "Textrin" war ein Sempersches Wort für textile Kunst. Vielleicht hat ihn die Etymologie der deutschen und germanischen Sprachen zu dieser Annahme verführt. In der Tat gehen Wörter wie "winden", "Gewand" und "Wand", also textile und architektonische Begriffe, auf dieselbe Sprachwurzel zurück.

Schumacher fragt: Darf die Kunstform die Kernform - und unter "Kernform" mag auch gemeint sein: ihr Gebrauch, ihr Sinn, auch ihre materielle Substanz - belebend umhüllen? Da zögert Schumacher. Nein, wenn es um eine beliebige, dekorative Liebhaberei geht; vielleicht waren ihm die backsteinernen Fassadenstickereien seiner Hamburger Architektenkollegen denn doch zuviel. Ja, wenn die architektonische Kunstform dem Bedürfnis nach einem symbolisierenden Kleid für die Kernform entspringt. Das, meine ich, ist ein Punkt, in dem man auch heute Schumacher zustimmen kann - und Semper in der Interpretation durch Schumacher.

Ich verkenne nicht, dass es ungleich schwerer geworden ist, das Symbolische am symbolisierenden Kleid zu gestalten. Einmal, ganz praktisch, weil heute fast alle größeren Bauten "Kleiderarchitektur" sind. Gleichgültig, ob ihre Stahl- oder Stahlbetonskelette außen Glas oder Stein aufweisen, es handelt sich um das, was Semper die Bekleidung des "structiven Gerüsts" genannt hat. Der Name für die vorgehängten Fassaden drückt den Bezug aufs Textile ja schon aus: Curtain Wall, Vorhangfassade. Bei dem Japaner Shigeru Ban ist er sogar zur Parodie geworden. Sein Curtain Wall House ist mit einem realen Vorhang bekleidet (hat allerdings dahinter dann doch schließende Glasflächen); möge den Bewohnern ein Hurricane erspart bleiben! Der Spielraum für den Architekten ist also größer geworden, was die Abhängigkeit oder Unabhängigkeit von der Konstruktion betrifft. Tragen und Getragenwerden, der Abtrag der Lasten, die Gesetze der Schwerkraft, die Art und Weise, wie die Kräfte aufgenommen und abgeleitet werden, waren einmal ein großer Vorwurf der Architektur. In der älteren Theorie, bei Schopenhauer oder Viollet-le-Duc oder John Ruskin, galt der Ausdruck der Konstruktion als das "einzige und beständige Thema" des Bauens. Wer würde das heute noch behaupten? Die digitalisierten Methoden der Bearbeitung erlauben Freiheiten, die zuvor undenkbar waren. Was einst auf dem Papier bleiben musste, weil es nicht realisiert werden konnte, schaffen computergesteuerte Metall- oder Steinfräsen allemal. Semper hat beklagt, dass man heutzutage - also schon in seiner Zeit, im späteren 19. Jahrhundert - Granit wie Käse schneiden könne. Was hätte er erst zu Software-Programmen gesagt, mit denen man im Architekturbüro in Los Angeles Befehle eingibt, die im Duisburger Betonwerk die Gussformen für Betonteile steuern, jedes einzelne in anderem Format?

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