New York ist derzeit auf seinen bis vor kurzem äußerst populären Bürgermeister Michael Bloomberg nicht gut zu sprechen. Das politische Manöver, das er im vergangenen Herbst vollführte, hinterließ einen schlechten Nachgeschmack. Nur mit ihm könne New York die Wirtschaftskrise überstehen, bläute er nach dem schwarzen Montag an der Wall Street im September dem Stadtrat ein und nötigte ihn somit dazu, ihm die Kandidatur zu einer dritten Amtszeit zu gestatten.
Man fühlt sich im Nachhinein von Bloomberg erpresst, zumal sich der Eindruck verstärkt, dass es dem Medien-Milliardär keineswegs nur darum geht, seine Stadt selbstlos durch schwere Zeiten zu steuern. Mindestens so wichtig scheint es ihm zu sein, in vier weiteren Jahren doch noch das zu schaffen, was ihm bisher auf ganzer Linie misslang: sich als Städteplaner ein Denkmal zu setzen.
Bloombergs Großprojekte für neue Stadtteile am Hudson und in Brooklyn sind gescheitert oder liegen auf Eis, von Ground Zero lässt er mittlerweile lieber die Finger. Aber eines möchte er auf keinen Fall aufgeben: Seine Vision von einem Fahrrad- und Fußgänger-freundlichen Manhattan. Und so gab er jetzt seinen Plan bekannt, ab Mai den Broadway vom Times Square bis zur 34. Straße für den Autoverkehr zu sperren.
Dem vorangegangen waren bereits der letztlich gescheiterte Versuch, eine Autogebühr für die Benutzung der Innenstadt zu erheben, sowie eine Serie von autofreien Samstagen auf einem Streifen zwischen der 72. Straße und der Brooklyn Bridge im vergangenen Frühjahr. Hunderte von Kilometern von Fahrradwegen hat Bloomberg zudem schon anlegen und mitten auf dem Broadway autofreie Inseln schaffenen lassen, wo New Yorker jetzt mit ihrem Starbucks-Becher zwischen Topfpflanzen im Freien sitzen können.
Die Initiative erscheint auf den ersten Blick sinnvoll: Der Verkehr rund um den Times Square ist permanent kurz vor dem Kollaps, und die Massen von Einkäufern und Touristen übervölkern die Bordsteine derart, dass der Fußverkehr auf die Straße quillt, auf der sich auch noch Radfahrer durch die Blechlawine kämpfen. Es ist eigentlich eine Katastrophe.
Und doch tun sich viele schwer, sich den Times Square, das Herz Manhattans, als begrünte Fußgängerzone mit Straßen-Cafés vorzustellen. "Das geht völlig gegen den Strich dessen, was New York eigentlich ausmacht", schrieb die New York Times. Dem Wunsch, die Stadt zu entstopfen, wird entgegen gehalten, was Rem Koolhaas 1974 in seinem Manhattan-Manifest "Delirious New York" schrieb: dass die Kultur der überbordenden Verdichtung das Charakteristische an New York sei, die Essenz dessen, was diese Stadt einzigartig und großartig mache.
Koolhaas selbst hat allerdings in den letzten Jahren wiederholt beklagt, dass die Kultur der Verstopfung und die Vitalität, die aus ihr entspringt, ohnehin schon aus New York gewichen sind. Als Beleg dafür führt er eben den umgestalteten Times Square an, der zu Beginn der 90er Jahre von Prostitution und Drogenhandel gereinigt, mit charakterlosen Bürotürmen umstellt und in einen familienfreundlichen Themenpark verwandelt wurde: "Freiheit wurde zugunsten der Illusion von Sicherheit und Vertrautheit aufgegeben", kritisierte er die "Suburbanisierung" des Times Square. "Die Gegend ist klinisch rein und unendlich fad geworden. Was bleibt von einer Stadt denn übrig, wenn sie nicht mehr zügellos sein darf?"
Viele haben die Desinfektion des Times Square beklagt, die meisten sahen jedoch bislang nicht so schwarz wie Koolhaas. Der Urbanist Marshall Berman, bekennender Marxist und Koolhaas-Anhänger, schreibt in seinem Times-Square-Buch, dass "der Kreuzzug, die Straße zu töten", gescheitert sei, und beobachtet noch immer "modernes Leben". Adam Gopnik beklagt im New Yorker das Verschwinden der kleinen exotischen Läden für Dinge wie antiquarische Zeitschriften oder ungewöhnliche Musikinstrumente zu Gunsten globaler Ketten, stellte jedoch ebenfalls fest, dass der Times Square "noch immer ein vollwertiger öffentlicher Raum" sei.
Mit der Verkehrsberuhigung, so die Befürchtung, werde dem Times Square jetzt jedoch das letzte bisschen New York ausgetrieben. Eine Besucherin aus New Jersey sprach zu Beginn dieser Woche aus, was nicht wenige denken: "Es ist der verrückteste Ort der Welt. Warum soll man denn etwas daran ändern?" Nicht, dass irgendjemand die Problematik des Dauerstaus stinkender Taxis am Times Square leugnet. Aber, wie Rem Koolhaas schon schrieb: "Es wäre Selbstmord, die Probleme von New York lösen zu wollen. Die einzige Lösung für Manhattan ist es, seine Probleme für immer unüberwindbar zu machen und immer weiter nach vorne zu fliehen."
Der Architekturkritiker der New York Times, David Dunlap, hat allerdings trotz Bloombergs Reformwut keine große Angst um die chaotische Seele von Manhattan. Das Verkehrsproblem am Broadway, zeigt er auf, wird schon seit den 1860er Jahren beklagt, und alle bisherigen Lösungsversuche sind gescheitert. "Der Broadway dürfte selbst für die Bloomberg-Administration auf Dauer zu wild sein", schreibt er. Das Chaos werde früher oder später zurück auf den Broadway schwappen. Und Manhattan sich somit noch ein Weilchen den Rest seiner unbezähmbaren Identität bewahren.