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Urbanes Leben: Komm, gehen wir nach Chinatown

Ghettos, per se Keimzelle der Kriminalität und Hort gescheiterter Integration? Nein, so die These von Robert Kaltenbrunner, die Gesellschaft braucht diese Orte, damit sie als Ganzes funktionieren kann.

Der klassische soziale Brennpunkt: Die Gropiusstadt in Berlin-Neukölln mit fast 190.000 Wohnungen  für 500.000 Menschen, gebaut in den Jahren 1965 bis 1975.
Der klassische "soziale Brennpunkt": Die Gropiusstadt in Berlin-Neukölln mit fast 190.000 Wohnungen für 500.000 Menschen, gebaut in den Jahren 1965 bis 1975.
Foto: dpa

Polizistenmord an der Hasenheide, Brandbrief von der Rütli-Schule, vermummte Frauen in der Sonnenallee als Zeichen der "Arabisierung": So etwa lauten die Schlagzeilen, wenn von Berlin-Neukölln berichtet wird. Hinter jeder Ecke scheinen Dealer oder Jugendbanden zu lauern, in vielen Großfamilien die Zwangsheirat. Zur Stigmatisierung eines Stadtteils ist es nicht mehr weit. Das hat durchaus Methode, nicht nur in Berlin.

Integration in die urbane Lebenswelt gibt es augenscheinlich nur unter negativem Vorzeichen, nämlich als gescheiterte. Zuwanderer gelten weithin als Problemgruppen, die anders leben, sich absondern, sich nicht an die Normen, Werte und Gesetze der Mehrheitsgesellschaft anpassen wollen. Allerorts wird das Bild einer gespaltenen Stadtgesellschaft gezeichnet, wobei die Begriffe Ghetto, Parallelgesellschaft und ethnische Kolonie stets schnell zur Hand sind.

Doch die gebräuchlichen Dichotomien - wie "no-go-areas" versus "lebenswerter Kiez" - erzeugen ein zu holzschnittartiges Bild, um der Wirklichkeit gerecht zu werden. Zumal das Wechselspiel von Homogenität und Heterogenität im Grunde genommen ein Leitmotiv städtischer Entwicklung überhaupt darstellt. Realität ist längst eine sozialräumliche Ausdifferenzierung der Wohnbevölkerung, das heißt eine räumliche Abbildung sozialer Ungleichheiten, nach Herkunft, Ethnie, sozialer Lage und Lebensstil. Dies nennt man Segregation.

Sie wird dann nicht als Problem gesehen, wenn sie ohne Zwang erfolgt und Personen ähnlichen Lebensstils und ähnlicher Milieus ein Wohngebiet bestimmen - ob nun Künstler, Studenten oder junge Familien. Gebiete jedoch, in denen Zuwanderer in hoher Anzahl leben, werden als integrationshemmend und als Ausdruck bewusster Desintegration gewertet. Dahinter steht, ausgesprochen oder nicht, die normative Annahme, dass soziale und ethnische Mischung auf städtischer und Quartiersebene gut sei. Und ethnisch homogene Stadtteile ein Problem.

Es braucht jedoch ein gewisses Maß an Segregation, damit die Gesellschaft als Ganzes funktioniert. Der Soziologe Karl Otto Hondrich hat das treffend formuliert: "Bei unserem Bemühen, immer nur zu integrieren und jede Desintegration zu verteufeln oder zu vermeiden, ist das Gespür für die konstitutive Spannung zwischen beiden verloren gegangen." Denn so sind Kulturen nun einmal: Als wertgeladene Lebensformen ziehen sie ihre eigenen Maßstäbe denjenigen anderer Kulturen vor.

Das heißt aber anders herum: Kulturen neigen zur Abgrenzung nach außen sowie zur Konsolidierung nach innen. Das schlägt sich naturgemäß in der Art und Weise nieder, wie wir leben beziehungsweise unsere Lebensumstände beeinflussen: Die Tendenz zu weitgehend homogener Nachbarschaft ist gleichsam universell. Und sie hat auch im Zeitalter von Cyber Space und Patchwork-Biographien nicht an Relevanz verloren.

Freilich gibt es da gewisse Widerhaken. Ein Beispiel vermag besonders eindrucksvoll zu illustrieren, dass segregierte Gebiete mit einer weitgehend homogenen Bevölkerungsstruktur eine Art Idealvorstellung sind: die so genannten Gated Communities. Deren weltweiter Boom macht augenscheinlich, dass es erstrebenswert ist, nur mit Seinesgleichen zusammen zu sein. Natürlich ist es nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet Margaret Thatcher das amerikanische Konzept der geschlossenen Wohnkomplexe in Europa bekannt gemacht hat. Die eiserne Lady kaufte sich Mitte der 80er Jahre öffentlichkeitswirksam ein Haus in einer neu errichteten Gated Community im Süden Londons: 23 Häuser, umgeben von einer hohen Mauer, überwacht von Videokameras, zugänglich allein durch ein mit Codekarten zu öffnendes Tor.

Geschlossene Siedlung schafft Identität

Die Zugehörigkeit zu einer geschlossenen Siedlung schafft, wie es scheint, Identität. Die Bewohner drinnen unterscheiden sich von den Menschen draußen, selbst wenn sich das auf die einstigen Symbole der Eliten wie eine von Wachmännern gesicherte Toreinfahrt beschränkt. Der Markt für solche Siedlungen mit Gemeinschaftseigentum wie Parks und Pools und ganztägiger Zugangsbeschränkung expandiert gewaltig - vor allem in Nord- und Südamerika, in Südostasien, aber auch in Polen.

Viele der Gated Communities organisieren kommunale Dienstleistungen wie Müllabfuhr und Straßenbau selbst, finanzieren diese aus Gebührenzahlungen der Einwohner. Die Quartiere werden in der Regel komplett von einem privaten Unternehmen errichtet und dann Haus für Haus verkauft. Zum Teil unter sehr restriktiven Bedingungen, denen jeder Käufer zustimmen muss. Das Konzept der Exklusivität und Reinheit spiegelt die eigentliche Angst wider, die Angst vor anderen sozialen Schichten. Übermächtig ist der Wunsch der Wohlhabenden, fern der Zumutungen des Großstadt-Alltags unter sich zu bleiben. Nun mag man einwenden, dies sei doch bloß ein luxuriöses Exklusiv-Segment der Stadt. Doch Gated Communities und so genannte Problemviertel sind eng miteinander verbandelt. Zusammengehörigkeit und Abgrenzung bilden keinen Gegensatz, sondern eine Art kommunizierende Röhre. Deshalb kommt es auch nicht von ungefähr, wenn der Kiez, das überschaubare Quartier, das eigene Viertel nicht bloß bei den Anwohnern eine feste Größe bleibt, eine wichtige Rückverankerung im Lebensalltag: Als Raum mit einem sozialen Bezugsystem.

Gerade wegen der vielen Unterbeschäftigten in unserer Zwei-Drittel-Gesellschaft sollte man einen neuen, eben auch politischen Blickwinkel darauf kultivieren. Denn die Idee einer nachbarschaftlichen Umwelt geht zwar auf Tuchfühlung mit (nicht mehr ganz so aktuellen) kommunitaristischen Vorstellungen, doch weist die Idee auch Züge dessen auf, was André Gorz in einer Bürgergesellschaft mittels sogenannter öffentlicher Tugenden realisiert wissen wollte. Sie sei jenes Gewebe aus gesellschaftlichen Beziehungen, die auf Gegenseitigkeit und Freiwilligkeit beruhen und nicht auf Recht und juristischer Verbindlichkeit.

Dieser Aspekt der Gegenseitigkeit und Freiwilligkeit wird im gleichen Maße bedeutsamer, wie die existenzielle Grundsicherung heruntergeschraubt wird. Da viele Familien heute keine Kinder mehr haben, mögen bald neue Formen nachbarschaftlicher Solidarität Bedeutung bekommen. Und weil diese frühzeitig gepflegt sein wollen, spielt räumliche Nähe plötzlich wieder eine stärkere Rolle.

Allerdings müsste die Stadtpolitik das auch fördern. Doch damit tut sie sich augenscheinlich schwer. Sie scheint ihr Heil darin zu suchen, vorrangig jene Bereiche zu entwickeln, die sich imagekompatibel vermarkten lassen, während an Interventionen in Problemstadtteilen nur wenig Interesse besteht. Freilich heißt das nun nicht, dass Städtebau keine Identifikation und Symbole braucht.

Gerade weil Stadt immer davon lebt, Neues und Anderes aufzunehmen - und dafür auch Platz zur Entfaltung zu lassen -, müssen die Räume des Alltags, die normalen Stadtquartiere gestützt, entwickelt und belohnt werden. Insofern ist man gut beraten, auf Stadtteilebene so etwas wie Symbolpolitik zu betreiben. Es braucht die Stärkung von stadtteilbezogenen Identitäten; und die sind ohne sorgfältige Prozesse gemeinsam mit den Bürgern und Anwohnern kaum zu haben.

Eigentlich ist es ja bekannt: Phänomene wie Chinatown oder Little India erbringen eine enorme Integrationsleistung für die jeweils betroffenen städtischen Gesellschaften, werden oftmals auch als Bereicherung, gar als touristische Attraktion empfunden. Einerseits Anlaufpunkt und Auffangnetz für Einwanderer (allerdings bei recht prekären Lebensverhältnissen), andererseits möglicherweise ein Ort, an dem die Ordnungsvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft ein Stück weit außer Kraft gesetzt werden.

Kaum je wird daraus aber die Folgerung gezogen, dass ethnisch segregierte Gebiete auch Orte der Integration und ein Potenzial für die Produktivität der Stadt seien. Wie Stadt und Region als fokussierendes Bezugsfeld für die "große Politik" immer wichtiger werden, so nimmt auch das nachbarschaftlich organisierte Quartier als Aktionsraum für Integration an Bedeutung zu. Dass das Soziale wesentlich auch eine räumliche Dimension aufweist, wäre zu begreifen, ohne gleich wieder ein ideologisches oder technokratisches Planungsmodell daraus zu machen.

Autor:  Robert Kaltenbrunner
Datum:  13 | 8 | 2009
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