Während wir so dasaßen, mit Blick auf die Loreley, schauten wir tief ins Tal. Die Wahrheit ist nämlich, dass wir dachten, wie gut es doch wäre, wenn wir regelrecht wählen könnten Geradezu aussuchen könnten wie bei einem Computerprogramm, zwischen größeren und kleineren, dabei stets feinen und filigranen Bauwerken, zwischen Farben und Formen, nicht nur auffälligen, sondern auch angemessenen, und für alles reichte, malten wir uns hoch über St. Goarshausen aus, ein Knopfdruck. Sein oder Nichtsein, dachten wir auf der Holzbank, dazu bot der "Rheinblick" auf dem Patersberg eine hochkomplexe Umschau, nämlich nicht nur auf lückenhafte Burgen, wahre Ruinen, nackten Fels, sondern auch auf abenteuerlichen Frevel.
Grauenhaft, allein diese Raststätte.
Dem Dresdner Elbtal ist vorgestern von der Unesco der Titel eines Weltkulturerbes aberkannt worden. Für die Unesco war der Bau einer Querung in der Elbaue, der seit Jahren heftig umstrittenen Waldschlösschenbrücke, Grund für die Streichung.
Auch im oberen Mittelrheintal, dem 2002 der Status eines Weltkulturerbes zuerkannt wurde, ist seit Jahrzehnten eine Brücke geplant. Im April wurde durch einen internationalen Architekturwettbewerb drei Vorschläge zum Bau einer Verbindung gemacht.
Erneut beugt sich die Unesco über eine Brückenplanung, diesmal etwa fünf Kilometer entfernt von und nicht in Sichtbeziehung zu der Loreley.
Welche jetzt?
Na, dort unten, immer den Zeigefinger entlang, die mit den Bussen davor.
Im Tal offenbarten sich Raststätte und Busparkplatz, direkt unter der Loreley, am Flusskilometer 554. Und gemessen an dieser Scheußlichkeit soll eine Brücke, die sie hier planen, ein Fremdkörper sein?
Eine Ideallandschaft, romantisch gefärbt
Es toleriert die wirkliche Welt, in die man zwischen den Burgen Katz und Maus, Loreley und Rheinfels hineingeraten kann, keine simple Sicht. Und für eine Welt, wie sie das obere Mittelrheintal nun einmal darstellt, gilt das erst recht, seit es mit dem Unesco-Weltkulturerbe bekränzt wurde. Das Mittelrheintal, wie auch immer es in der Realität aussieht, ist ein deutscher Landstrich nicht nur in Wirklichkeit.
Denn er ist einer in unserem Kopf, eine Ideallandschaft, romantisch gefärbt, deutsch gebeizt, so dass man auch vom Bänkchen aus auf den besungenen Felsvorsprung schaut. Und umso länger man dies tut, sieht man praktisch die langen blonden Haare im goldenen Gegenlicht gesträhnt, während der Schiffer im Strom scheitert.
Beim Hinschauen und Sichvergucken ins Bild kann manches passieren, dann ändern sich die Bilder, und dann zählt zum schönen Panorama (und zur Wirklichkeit schlechthin) nicht nur die architektonische Anmut. So verwachsen mit dem Fels die Ruinenreste, so gefühlt lyrisch die Erinnerungen, die hier nisten (und zu Recht unter Artenschutz gestellt wurden), so gemein die Gedankenlosigkeiten und so gedankenlos die Gemeinheiten, die hier seit Jahrzehnten ins Mittelrheintal importiert wurden, auch rund um den Patersberg, in unmittelbarer Nachbarschaft der Loreley. Unansehnlichkeiten zuhauf wurden in die Ideallandschaft hineingepfuscht. Seitdem genießt die Unsitte Gewohnheitsrecht.
Ich sag mal, hier kommt auf zehn Bausünder ein Gerechter.
Nicht so laut.
Aber wenn's doch stimmt, jedenfalls saßen wir weiterhin da, tief ins Tal schauend. Doch das trifft es nicht ganz. Die Wahrheit ist nämlich, dass wir dachten, wie gut es doch, wenn es um Brücken geht, wäre, wenn wir wählen könnten wie bei einem Computerprogramm, zwischen größeren und kleineren, stählernen oder steinartigen, geschwungenen oder schnurgeraden, zwischen Farben und Formen, denn für alles reichte, malten wir uns hoch über St. Goarshausen aus, ein Knopfdruck.
Für eine Brücke gibt es wirtschaftliche Gründe
Denn um eine Brücke bemühen sich das Land Rheinland-Pfalz und einzelne Gemeinden schon seit zwei Jahrzehnten, dafür gibt es, weil auf die Strecke von annähernd 100 Kilometern, von Mainz bis Koblenz, eine Querung fehlt, wirtschaftliche Gründe. Gegner haben in der Brücke stets den Bankrott eines Gedächtnisortes gesehen, den Ruin einer Kulturlandschaft. Gegner verweisen auf die mobilen Rheinbrücken, die Fähren. Befürworter dagegen versprechen sich von einer Brücke eine wirtschaftliche Belebung.
Eine derartig fundierte Stärkung der Kulturlandschaft erhoffte man sich auch 2002, mit der Anerkennung des Welterbetitels. Spekuliert wurde, nachdem das obere Mittelrheintal in den letzten Jahrzehnten 30 Prozent seiner Einwohner verlor, auf eine Wende, den Schicksalsstrom entlang. Zonenrandgebiet nennen sie hier im Tal und an dessen Hängen ihr Tal und dessen Hänge. Oder noch rauhbeiniger: Der Rhein trennt mehr als die Berliner Mauer.
Regelmäßig wurde eine Querung in Höhe von St. Goar und St. Goarshausen favorisiert, trotz Fährenverkehr, der ins Bild der Ideallandschaft passt. Doch zur Verbindung zwischen den beiden Orten gehört auch die Einsicht, dass es in den Ritzen der Städtchen wuchert. Der Prospekt, der den Rhein entlang aufgezogen wurde, ist von der Fähre aus nicht nur ein Blickfang. Sind es doch die üblichen Ebenbilder der Baumarktprospekte, die, Wellenspiel hin oder her, vor den Augen tanzen.
Butzenscheiben, Alutüren und Holzbalkone
Butzenscheiben in Häusern des 20. Jahrhunderts, Alutüren in Häusern des 19. Jahrhunderts. Holzbalkons wie hölzerne Wehrgänge in einem Fort, schwarze Vordächer nach Schwarzwälder Art. In der urdeutschen Kulturlandschaft hochaktuell die Blockhütten als Abziehbilder aus der Prärie oder vom Polarkreis. Die gebaute Umwelt rund um die Loreley ist nicht nur schön oder reizvoll oder anmutig oder tiefromantisch, sie ist vielerorts abgenutzt, angefangen von dem Loreleylokal selbst.
Ranzig ist das Alte geworden, von einem bedrückenden Gemütlichkeitsversprechen überformt. Und sobald man im Tal durch alte Gassen läuft, wird es eng, denn ob Mauer oder Balustrade, Busch, Carport oder Konifere, alles ist raumgreifend angelegt, auf dass nur ja kein freies Plätzchen bleibe.
Wer ins Mittelrheintal kommt, für den ist das Unzarte und Schwerfällige etwas Vorherbestimmtes, darunter Erker und Turm, von den Gauben bis zu den Geranien, und wenn man durch die Neugebiete stromert, ehemalige Weinhänge rauf oder runter, wo Ferienparkversprechen vierfarbig gemacht werden, wurde die Zersiedlung so richtig angekurbelt, wahrhaftig in einer Ideallandschaft der Unesco.