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Architektur

20. August 2012

Weltkulturerbe in Moskau: Denkmalschützer sorgen sich um Roten Platz

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Das Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau (2009). Foto: dapd

Russische Denkmalschützer sorgen sich um den berühmtesten Ort Russlands, den Roten Platz. Dieser gleicht zurzeit eher einer Baustelle als einer Touristenattraktion. Experten befürchten nun, dass der Moskauer Platz sogar seinen Titel als Weltkulturerbe verlieren könnte.

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Gitter versperren den Zugang zum Roten Platz. Mannshoher Zaun nimmt einem die Sicht auf den Kreml, zum Lenin-Mausoleum ist kein Durchkommen. Arbeiter verwandeln die weite Fläche in eine Bühne mit stufenförmigen Sitzreihen für Hunderte Zuschauer, Anfang September findet hier das internationale Militär-Musik-Festival statt. Touristen aus aller Welt, die den berühmtesten Ort Russlands fotografieren wollen, bleiben enttäuscht am Gitterzaun stehen. Das Weltkulturerbe ist derzeit kein schöner Anblick.

Architekturexperten in Moskau sorgen sich dieser Tage aber aus einem anderen Grund und fürchten, der Titel "Weltkulturerbe" könnte gar ganz verloren gehen. Weitaus schlimmer als die Bühnenkonstruktion ist eine Baustelle an der westlichen Seite des Kremls. Ein Turm aus dem 16. Jahrhundert ist von einem hohen roten Zaun umgeben. Was dahinter gebaut wird, ist ein Rätsel.

Klar dagegen ist, dass dieses Projekt nicht mit Unesco abgestimmt ist, jener Organisation der Vereinten Nationen, die schon dem Dresdener Elbtal den Welterbetitel abgesprochen hat. Seit vier Jahren schon fordert die Unesco Berichte von Verantwortlichen in Moskau über den Zustand und die Tätigkeiten rund um den Kreml und den Roten Platz. Vergebens.

Verstoß gegen russische Gesetze

Gleich an drei Stellen auf dem geschützten Gelände des Kremls wird gewerkelt. Neben den Veränderungen am Turm, entsteht ein Gebäude im Inneren des russischen Machtzentrums, außerdem ist ein Verwaltungsbau aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts rekonstruiert worden - alles
ohne Abstimmung mit Unesco. "Diese Maßnahmen verletzen die internationalen Vereinbarungen und ebenso die russischen Gesetze", erläutert Irina Saiko im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Architekturexpertin ist Mitglied des Rates in der Vereinigung der Architekten Russlands. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern kämpft sie in Moskau für den Erhalt einmaliger Architekturdenkmäler und alter Häuser. Sie kritisiert, dass das für den Kreml zuständige Kulturministerium die Vorgaben ignoriert. "Alle Bauprojekte müssen noch im Planungsstadium mit der Unesco abgestimmt
werden."

Dass nicht alles sauber läuft, scheint auch das Kulturministerium zu ahnen. Wladimir Zwetanow, Direktor der Abteilung für Aufsicht über Kulturdenkmäler, rechtfertigte die Bauprojekte vieldeutig: "Wir beaufsichtigen alle Maßnahmen, unsere methodischen Kenntnisse werden abgerufen und wenn nötig, werden die Projekte verändert", sagte Zwetanow der Zeitung "Isvestia". Die Baustelle direkt an dem alten Turm soll überprüft und notfalls gestoppt werden.

Sogar der stellvertretende Leiter der Kreml-Museen sorgt sich. In einer Radio-Gesprächsrunde zu dem Thema gestand er, dass das Bauprojekt offensichtlich nicht dem entspräche, dem sie zugestimmt hätten. "Die Baustelle entstellt den Turm und schafft einen Präzedenzfall."

Ob die Unesco tatsächlich so rigoros sein wird und dem wichtigsten Denkmal Russlands den Titel als Weltkulturerbe entzieht, wird vermutlich noch eine Weile offen bleiben. Bis Februar bekommen die Verantwortlichen erneut Zeit, zu berichten, was vor Ort geschieht und wie das Ensemble
rund um den Roten Platz bewahrt werden soll.

Mieten höher als in München

Der Streit zwischen ehrenamtlichen Denkmalschützern und Behörden ist beispielhaft für viele Bauprojekte in Moskau. Vorrevolutionäre Architektur wird von Jahr zu Jahr weniger in einer Stadt, die sich einst als "Drittes Rom" bezeichnete. Spekulationen treiben die Grundstückspreise besonders im Zentrum hoch. Mietpreise liegen oftmals über denen in München. Für manche Investoren ist es billiger, alte Bausubstanz abzureißen und neue Hotels oder Appartementhäuser zu bauen.

Die Denkmalschützer kommen kaum nach, um das Schlimmste in der Stadt zu verhindern. Ein historisches Gebäude aus dem 18. Jahrhunderts mitten in einer beliebten Fußgängerzone konnten sie jüngst nicht retten. Wenn die enttäuschten Touristen vom Roten Platz in wenigen Minuten zu der Fußgängerzone "Arbat" wechseln, finden sie derzeit auch hier einen Bauzaun und dahinter die Reste einer mehr als 200 Jahre alten Fassade.

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