kalaydo.de Anzeigen

Synagoge Mainz: Wie ein geschriebenes Wort im Text der Stadt

Der Neubau der Mainzer Synagoge von Manuel Herz: Eine neue, subtile Einheit aus traditioneller Blockrandbebauung und modernem Solitär. Hier stand bis zur Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 ein stattlicher Jugendstilbau: die Hauptsynagoge einer jüdischen Gemeinde, die einmal ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit in ganz Europa war.

Rund sechs Jahrzehnte lang stand an der Hindenburgstraße in Mainz ein ruinöses Gebilde aus kannelierten Säulen und einem Architrav darüber, das Passanten Rätsel aufgeben konnte. Es waren kümmerliche Reste: Hier stand bis zur Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 ein stattlicher Jugendstilbau: die Hauptsynagoge einer jüdischen Gemeinde, die einmal ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit in ganz Europa war. Mainz (Magenza), Worms (Warmasia) und Speyer (Spira) gingen, nach ihren hebräischen Anfangsbuchstaben benannt, als „Schumstädte“ prägend in die jüdische Kulturgeschichte ein. Im elften, zwölften und neunzehnten Jahrhundert trugen Menschen jüdischen Glaubens zu Ruhm und Ehre dieser Städte bei, was leider in Vergessenheit geriet – zu grausam und gründlich suchten die Deutschen im Nationalsozialismus ihre gemeinsame deutsch-jüdische Vergangenheit zu vernichten.

Rekonstruktion der Geschichte

Aber was sind Kulturnationen ohne ihre Vergangenheit? Lebten vor 1933 rund zweieinhalbtausend Juden in Mainz, waren es nach dem Krieg wenig mehr als fünfzig. Das neue Jüdische Zentrum in Mainz, das gestern am Ort der einstigen Hauptsynagoge eröffnet wurde, trägt in wunderbarer Weise mit seiner Architektur zur Rekonstruktion der Geschichte bei.

Es liegt nicht ganz so prominent wie die 2006 eröffnete Ohel Jakob Hauptsynagoge in der Münchner Stadtmitte. Vielmehr ist die Umgebung ein stadtkernnahes, homogenes Gründerzeitviertel mit klarer städtebaulicher Kontur, die der Architekt zum Ausgangspunkt seines Entwurfs erkor. 1999 gewann Manuel Herz, der in Aachen und London studiert hatte, in Stockholm, London, Rotterdam und Harvard unterrichtete und heute in Köln und Basel lebt und arbeitet, den Wettbewerb für dieses jüdische Zentrum – da war er dreißig, für diesen Beruf also ausgesprochen jung. Einmal mehr mag sich der mäandernde Weg durch verschiedene und verschiedensprachige Ausbildungsstätten für einen Architekten als Segen erwiesen haben. Denn den Raum als komplexes Gefüge aus Technik und Kunst, Ökonomie und Gesellschaftsrahmen erst einmal zu begreifen und dann in einer glaubensgebundenen Aufgabe zu gestalten, dürfte von sechs- bis achtsemestrig ausgebildeten Bachelor-Architekten nie zu erwarten sein. Stadträumlich erweist sich der geometrisch komplexe Baukörper als neue, subtile Einheit aus traditioneller Blockrandbebauung und modernem Solitär, die vielen Altstadtrekonstrukteuren den Wind aus den Segeln nimmt.

An den Straßen passt sich die Fassade den Straßenzügen des Quartiers an, und nur über Eck weicht der Baukörper in wohlproportionierter Distanz zugunsten eines kleinen Vorplatzes zurück und nur in dieser Distanz wächst er im Abschnitt der Synagoge über die übliche Höhe hinaus.

Es geht hier nicht nur um eine Synagoge, die ohnehin kein Sakralraum im kirchlichen Sinne ist; sondern um ein Gemeindezentrum mit einem Veranstaltungssaal für dreihundert Menschen, einem Kindergarten und Jugendräumen, den üblichen Verwaltungsräumen und der Synagoge.

All diese Funktionen sind hier in Mainz in einem bandähnlichen Baukörper zusammengefasst, an dem außen allenfalls die mächtige, trichterförmige Überhöhung der geosteten Synagoge ablesbar ist. Ablesbar mag für Kundige des Hebräischen sein, dass die Silhouette des Baukörpers aus dem Wort „Keduscha“ abstrahiert ist, dem hebräischen Wort für „Segensspruch“. Die jüdische Kultur ist eine Schrift- und keine Bildkultur.

Die Schriften – der Talmud mit all seinen Kommentaren und Auslegungen – ersetzen den Menschen jüdischen Glaubens ihre räumliche Heimat. Das jüdische Zentrum sondert sich aber im Stadtraum mit dieser Abstraktion nicht ab, sondern passt sich wie ein kursiv geschriebenes Wort in den Stadttext ein. Mit glasierten Keramikstäben spiegelt es das Licht nicht wie eine Glasfassade, schluckt es aber auch nicht wie eine matte Steinwand. Gern denkt man an die Wiener Majolika-Häuser, die sich nicht mit Mauern vom öffentlichen Raum absondern, sondern mit schmückender Hülle präsentieren.

Das Jüdische Zentrum steht jedermann offen, und sein Inneres überrascht mit hellen, fließend ineinander übergehenden, schrägkantigen Räumen, die nicht am Computer, sondern anhand kaum zählbarer Modelle ausgetüftelt wurden. Rechterhand geht es zur Synagoge – ein hoch hinauf ragender, nach oben, zum Licht aufgeweiteter Raum, der mit einer merkwürdigen Haut ausgekleidet ist: Hebräische Schrift ist hier zu einem ornamentalen Wandflächenrelief abstrahiert worden, das dem Auge kaum Halt bietet, keine Aufmerksamkeit aufzwingt, sondern Wanderlust bereitet.

Heraus aus den Kokons

Bei der Architekturbiennale in Venedig rief die Japanerin Kazuyo Sejima jüngst die wichtigste Aufgabe der Architektur ins Gedächtnis: „People meet in architecture“, so ihr Motto. Diese Botschaft wurde aufgesaugt wie von einem Schwamm. Menschen begegnen sich an realen Orten am liebsten, ohne auf alle Errungenschaften im Cyberspace, am Bildschirm, auf dem Handy verzichten zu müssen. Öffentliche Häuser, Straßen und Plätze müssen uns heraus aus den Kapseln, den Kokons locken, um Mensch en unter Menschen statt Fremde unter Fremden bleiben zu können. Architektur erobert hier in Mainz eine willkommene Rolle im gemeinsamen öffentlichen,Lebensraum.

Autor:  Ursula Baus
Datum:  3 | 9 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!