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Architektur

11. November 2012

wipp,wipp,weg: Einheitsdenkmal ohne Sasha Waltz

 Von Nikolaus Bernau
Der Siegerentwurf für das Einheits- und Freiheitsdenkmal auf dem Berliner Schlossplatz nach den Entwürfen des Designers Johannes Milla und der Choreografin Sasha Waltz. Foto: dapd

Kaum ein bundesdeutsches Denkmal ist so umstritten wie das vom Bundestag beschlossene Einheits- und Freiheitsdenkmal. Jetzt droht eine typische Politiker-Zwangshandlung: Wir bauen, weil wir beschlossen haben zu bauen.

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Kaum ein Projekt der bundesdeutschen Gedenkkultur ist umstrittener als das 2007 vom Bundestag beschlossene Einheits- und Freiheitsdenkmal, das auf dem Berliner Schlossplatz entstehen soll. Als Mahnmal und Freudenort soll es an die Mittel- und osteuropäischen Revolutionen seit 1989 erinnern, insbesondere an den Aufstand gegen die Herrschaft der SED.

So war es geplant von der Initiative im Umkreis des einstigen Chefs des Bundesamts für Bauordnung und Raumwesen, Florian Mausbach. 2011 wurde der Entwurf des Münchner Veranstaltungsarchitekten Johannes Milla und der Berliner Tanzkünstlerin Sasha Waltz in einem Wettbewerb gekürt: Eine gigantische, flach gewölbte bronzefarbene Schale vor der westlichen Schlossfassade, die von darin gehenden Menschen bewegt werden kann. Demokratie und Selbstbestimmung soll das zeigen. Selbst Befürworter der Idee sprachen von der „Bundes-Wippe“.

Bereits 2011 wurde moniert, keine Schale könne so dünn gebaut werden, wie im Entwurf geplant, ohne in sich selbst zu wippen. Sie muss also fester werden. Nun haben sich, wie am Sonntag bekannt wurde, Milla und Waltz total verstritten. Milla arbeitet allein an dem Projekt weiter, weil er nach Meinung des Bundeskulturstaatsministers in der Lage sei, die Wettbewerbs-Zeichnungen in Realität umzusetzen. Doch deren Wirkung beruhte ganz auf der tanz-eleganten Schlankheit der Schale, die nun ein massiges Objekt zu werden droht. Wie ist der Auflagerpunkt zu gestalten, ohne dass sich Menschen den Kopf anschlagen? Auch die Geländer, die vorm Absturz aus fünf Meter Höhe schützen, können nicht so durchsichtig gestaltet werden.

Die Symbolik dieser Schale, dieses Denkmals, war von Anfang an schwer erträglich. Setzt man die Zahl der 1989er Demonstranten zur Bevölkerung der DDR ins Verhältnis, wäre gar nicht die kritische Menge zu erreichen, solch eine Schale ins Wanken zu bringen. Die Rücksicht auf das Recht von Minderheiten, die erst wirkliche Demokratie ausmacht, fehlt in dieser platten Verbildlichung von Mehrheitsentscheidungen. Schon eine leichte Gehbehinderung schließt den Besucher vom Erleben des Denkmals aus. Und dann dieser fatale Ort, an dem einst das bombastische „Nationaldenkmal“ an jenen König Wilhelm I. erinnerte, der Frankreich demütigte und die süddeutschen Staaten ins Kaiserreich zwang!

Jetzt droht eine typische Politiker-Zwangshandlung: Wir bauen, weil wir beschlossen haben zu bauen. Aber auch wenn schon erhebliche Planungsgelder geflossen sind, man muss aufgeben können. Planen heißt lernen. Lasst uns die Chance ergreifen, kippt die Wippe in den Kupfergraben!

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