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Architektur

02. Mai 2012

World Trade Center: Ein Turm wächst in die Herzen

 Von Sebastian Moll
Die eleganten Linien des Gebäudes besänftigen Kritiker.  Foto: reuters

Das neue World Trade Center ist - ein Jahr vor Bauende - wieder das höchste Gebäude New Yorks und wird mit jedem Höhenmeter beliebter. Das war lange Zeit anders.

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New York –  

Es ist im Rückblick schwer nachzuvollziehen, wann das neue World Trade Center sich als in das Bewusstsein der Menschen gedrängt hat. Etwas mehr als anderthalb Jahre dürfte es nun her sein, dass es unübersehbar wurde, wenn man etwa am Hudson entlang in Richtung Downtown radelte und sich plötzlich gewahr wurde, dass der Rohbau mit seiner schieren Wucht die Skyline des südlichen Manhattan dominiert.

Das benachbarte, prachtvolle Woolworth Building, das 1913 das höchste Gebäude der Welt war, überragte es damals schon und wenn man heute von New Jersey aus über den Hudson blickt, bildet das Ungetüm seit Monaten wie sein Vorgänger ein Gegengewicht zur Skyline von Midtown. Seit Montag ist es nun offiziell: Das World Trade Center ist wieder das höchste Gebäude von New York. 387 Meter misst es und es ist damit ein Jahr vor Bauende schon sieben Meter höher als das Empire State Building.

Im Südzipfel von Manhattan

Den Rang als Wahrzeichen der Stadt läuft der neue Bau dem Empire State Building zwar noch nicht ab, aber die New Yorker beginnen langsam, den neuen Wolkenkratzer in ihr Herz zu schließen, der da aus dem Südzipfel von Manhattan wächst. „Ich kann ihn jetzt jeden Morgen sehen, wenn ich von Staten Island aus über die Verranzano Bridge zur Arbeit fahre“, sagt etwa der Buchautor Neal Bascomb. „Es ist einfach wunderbar.“ Und selbst Paul Goldberger, Kolumnist des New Yorker, einst einer der schärfsten Kritiker des Baus, vermag mittlerweile den „eleganten Linien“ des Gebäudes, die langsam erkennbar werden, etwas abzugewinnen.

Lange Zeit war das anders. Bevor der oktagonale Glasturm sich deutlich in der Skyline bemerkbar machte, konnte man in New York dem bombastischen Projekt nichts abgewinnen. Er war nicht, wie gedacht, ein Symbol für die Widerstandsfähigkeit der westlichen Zivilisation gegen den Terrorismus. Für New Yorker war er vielmehr ein Symbol für alles, was an der Reaktion auf den 11. September fehlgeleitet war.

Zunächst einmal war da die Frage, wozu man überhaupt im unteren Manhattan Hunderttausende von Quadratmetern Bürofläche benötigt. Der Baubeginn fiel in die Rezession, New York hatte einen Überschuss an Büros. Entsprechend schwer fiel die Finanzierung, es war praktisch unmöglich, Mieter zu finden.

Aus eben diesem Grund ging es lange nicht voran. Bauherr Larry Silverstein konnte das drei Milliarden Dollar teure Projekt nicht bezahlen und ihm wurde schließlich von der Hafenbehörde Port Authority das Vorhaben aus der Hand genommen. Damit musste nun jedoch der Steuerzahler einen Wolkenkratzer bezahlen, der überteuerten Büroraum in Massen in einen übersättigten Markt goss. Der Tower wurde somit immer unbeliebter.

Dazu trug bei, dass die Symbolik des Gebäudes, die Architekt Daniel Libeskind ursprünglich im Sinn hatte, niemandem so richtig einleuchten wollte. Der Bau sollte ein Monument für die Freiheit werden, ein Echo der Freiheitsstatue auf der anderen Seite der New Yorker Bucht. Was aber ein Gebäude, das alleine der Profitmaximierung dienen sollte, mit Freiheit zu tun haben soll, war von Anfang an schwer zu vermitteln. Die Tatsache, dass eine chinesische Firma lange der einzige Mieter war, den man finden konnte, trug das Seine dazu bei.

Das Design selbst führte den Freiheitsgedanken schließlich noch mehr ad absurdum. Die Monumentalität wurde als Provokation des westlichen Kapitalismus gegenüber dem Rest der Welt gesehen, viele wünschten sich etwas mehr Bescheidenheit. Besonders ärgerlich wurde es, als die Behörden aus Sicherheitsgründen forderten, die unteren 15 Stockwerke mit einem undurchdringlichen Betonpanzer zu verkleiden. „Das Design spricht nicht von Toleranz und Widerstandskraft, sondern von Paranoia“, schrieb der Architekturkritiker der New York Times, Nicolai Ourussoff. Der Turm „ist eine Festung gegen eine Welt, der wir nicht mehr trauen“.

Gegen den Trend

Der letzte Entwurf lief dem Trend diametral entgegen, leichter, fließender und offener zu bauen. Die New Yorker Neubauten seit 2001 – der Hearst Tower von Norman Foster, das New York Times Gebäude von Santiago Calatrava, der Wohnturm von Frank Gehry nur Schritte vom World Trade Center entfernt – versuchten, die Grenzen zwischen Außen und Innen aufzulösen. Das World Trade Center zementiert sie.

Doch mittlerweile hat New York diese Debatten hinter sich gelassen. Im Grunde ist man nur noch froh, dass etwas passiert und man im Süden Manhattans bald zur Normalität zurückkehren kann. „Die Bedeutung von Ground Zero und dem World Trade Center wird die sein, die die New Yorker den Orten in ihrem Alltag geben – egal ob sie dort arbeiten, sich zu einem Rendezvous treffen oder hinpilgern, um eines Angehörigen zu gedenken“, sagt Christopher Ward, der Ground Zero Baudirektor. Alles andere ist Theorie und Polemik. Und davon hat man in New York genug.

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