Köln. Die Staatsanwaltschaft weitet die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Historischen Archivs an der Severinstraße in Köln aus. Nachdem die Leiche eines 17-jährigen Bewohners eines Nachbarhauses gefunden wurde, wird nun wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt ermittelt. Dabei will die Anklagebehörde auch die Unterlagen einer Fachfirma aus Süddeutschland auswerten, die 2008 wegen eines Problems mit dem Grundwasser hinzugezogen worden war. Die Spezialisten sollten nach Informationen des Kölner Stadt-Anzeigers klären, warum in einer der drei zur Wasserableitung angelegten Baustellen der Wasserspiegel trotz aller Bemühungen nicht gesenkt werden konnte. Eine Lösung für das Problem hätten sie nicht gefunden, hieß es. "Wir werden die Unterlagen zu diesem Vorgang anfordern", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Günther Feld, am Sonntag.
Die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) verweigern inzwischen jede öffentliche Stellungnahme zu Spekulationen über die Ursache des Unglücks. "Wir können und dürfen die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen nicht durch Kommentierungen beeinflussen", sagte KVB-Vorstandssprecher Jürgen Fenske.
Direkt vor dem Unglück hatten Bauarbeiter auf der Sohle der 28 Meter tiefen Grube eindringendes Wasser bemerkt. Die Staatsanwaltschaft hat drei Gutachter beauftragt, den Unglücksort zu untersuchen. Davon erhoffen sich die Ermittler Aufschluss über die Unglücksursache. "Erst dann werden wir womöglich eine konkrete Person haben, die als Beschuldigte in Frage kommt", sagte Feld.
Auch die in Thüringen ansässige Firma, die die Brunnen für die U-Bahn-Baustelle im Severinsviertel angelegt hat, will sich der Presse gegenüber nicht äußern. Das geschehe auf Anweisung der KVB, sagte der Technische Leiter. Die Firma war Auftragnehmer der Arbeitsgemeinschaft, die von den KVB den Zuschlag für den von dem Umglück betroffenen Abschnitt der Nord-Süd-Stadtbahn bekommen hatte. Durch das starke Abpumpen von Grundwasser könnten Erdteilchen weggeschwemmt worden sein; dadurch könnten unter dem Archivgebäude Hohlräume entstanden sein.
Wenn die KVB die Leistung ihrer Pumpen unter dem U-Bahn-Bauwerk am Waidmarkt tatsächlich erhöht habe, um der Grundwassermengen Herr zu werden, sei das der falsche Weg gewesen, meint der Kölner Bauingenieur Stefan Polónyi. Der Stadt-Anzeiger hatte berichtet, seit längerem gebe es ernste Probleme bei der Ableitung des Grundwassers an der Baustelle vor dem Archiv. Werde zu intensiv gepumpt, so Polónyi, würden erst die feineren, dann auch größere Körnungen aus dem Boden gewaschen, "wodurch die nachfließende Wassermenge stetig wuchs". Durch den Verlust der kleineren Körnungen habe der Boden seine Tragfähigkeit eingebüßt, so der Ingenieur. Möglicherweise seien zudem die Wände der Baugrube zu kurz gewesen.
In Erklärungsnöte dürfte auch ein Gutachten des Wülfrather Ingenieurbüros Zorn vom Oktober 2004 die KVB bringen, wonach es schon damals Zweifel an der fachgerechten Ausführung von Tunnel-Arbeiten beim U-Bahn-Bau gab. Damals hatte sich ein Kirchturm stark geneigt. Ausdrücklich stellten die Gutachter laut Spiegel "systembedingte unvermeidbare" Schäden im Untergrund fest, die durch die verwendete Grabetechnik entstanden sei. Beim Führen der Maschinen seien obendrein bedienungsbedingte vermeidbare Auflockerungen und Hohlraumbildungen im Erdreich unter der Kölner Südstadt entstanden.
Während alle Welt rätselt, schweigt die KVB. Die städtische Gesellschaft verweist darauf, dass die Staatsanwaltschaft damals die Ermittlungen eingestellt hatte. Ein Schuldiger wurde nicht gefunden. Damals.


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