Es ist ein grauer Morgen und die Stimmung auf dem Rangierbahnhof noch etwas grauer. Langjährige Mitarbeiter werden entlassen und durch billigere ersetzt, weshalb die unfreiwillige Slapstick-Einlage eines gut genährten Zugführers gerade recht kommt. Er springt von der Lok, um eine Weiche zu stellen, hechelt dann dem an ihm vorbei rollenden Frachtzug hinterher und schlägt schließlich der Länge nach im Schotter hin. Seine Kollegen können sich vor Lachen kaum halten, wenige Minuten später geht aber immerhin der Einsatzleitung der Ernst der Lage auf. Das stählerne Ungetüm steht unter Strom und rast ungebremst und mit giftiger Fracht beladen auf eine sichere Katastrophe zu.
Nach der „Entführung der U-Bahn Pelham 1-2-3“ setzt Tony Scott schon wieder eine Geisterbahn auf die Schiene, doch dieses Mal steigt man gerne ein. Scott hat nicht nur seinen Stilwillen gezügelt und in den Dienst einer erfreulich geradlinigen Erzählung gestellt, sondern auch seine Kritik am ungebremsten Kapitalismus deutlich cleverer formuliert. Statt um einen verbrecherischen Spekulanten, der unbescholtene Bürger als Geiseln nimmt, geht es nun um ein System, in dem der Börsenwert alles und Arbeit lediglich ein Kostenfaktor ist. Dazu stilisiert Scott die Arbeitswelt mit ausgeblichenen Bildern zum rostigen Auslaufmodell und schiebt mit der Lokomotive den Inbegriff der industriellen Revolution Richtung globalen Schrottplatz.
Diese Blue Collar-Geschichte ist sozusagen die Quintessenz eines „ehrlichen“ Actionfilms. Denn „Unstoppable – Außer Kontrolle“ liefert genau die schnörkellose Handlung, die der Auftakt verspricht. Ein Geisterzug rattert über unbeschrankte Bahnübergänge auf eine innerstädtische Kurve zu und fordert die wie immer nicht weit entfernten Helden vom Dienst zu einer weiteren Heldentat heraus: Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer, spielen hier Chris Pine und der bei Tony Scott unvermeidliche und trotzdem stets gern gesehene Denzel Washington.
Unstoppable - Außer Kontrolle, Regie: Tony Scott, USA 2010, 98 Minuten.