Verwirrspiel in Tripolis. Ein gähnendes Loch in der Decke, verbogene Stahlträger ragen in den Raum, an denen noch Betonfetzen hängen. Auf dem Boden verstreut liegen Matratzen, an der Wand steht unbeschädigt ein rosa Sofa. Inmitten der Trümmer ist eine Blindgänger-Rakete zu sehen, während sich internationale TV-Crews auf ihrer vom Regime arrangierten Pressetour im schwankenden Schein von Taschenlampen durch den Schutt tasten. Hier sollen am Samstagabend, so jedenfalls behauptet Regierungssprecher Mussa Ibrahim, Gaddafisohn Saif al-Arab sowie drei Enkelkinder des Diktators „den Märtyrertod“ gestorben sein – zerfetzt von einer Nato-Rakete. Muammar al-Gaddafi selbst und seine Frau Safia Farkash, ebenfalls im Haus, hätten den Angriff unverletzt überlebt, fügte er hinzu und sprach von einem „gezielten Mordversuch“. „Was wir hier sehen, ist das Gesetz des Dschungels“, erklärte er. Der apostolische Vikar von Tripolis bestätigte dem italienischen Sender Skytg24 den Tod eines Gaddafi-Sohnes.
Eine unabhängige Überprüfung der libyschen Darstellung jedoch war zunächst nicht möglich, weil sich ausländische Journalisten in Tripolis nicht frei bewegen können. So blieb unklar, ob es sich bei dem völlig zerstörten Gebäude wirklich um das Wohnhaus von Saif al-Arab handelt.
Augenzeugen wie der BBC-Korrespondent Christian Fraser äußerten Zweifel, dass überhaupt jemand im Inneren eine solch schwere Explosion hätte überleben können. Das aber würde bedeuten, dass Muammar al-Gaddafi – entgegen der offiziellen Darstellung – bei dem Angriff gar nicht vor Ort war. Auch der Vizepräsident des Provisorischen Nationalrats in Bengasi, Abdul Hafis Ghoga, äußerte Zweifel an der Darstellung des Regimes. Das Ganze könnte inszeniert worden sein, um internationale und lokale Sympathien für Gaddafi zu mobilisieren, sagte er.
Diesen Effekt erzielte die angeblich tödliche Nato-Attacke offenbar sofort: Am Sonntag wurden westliche Botschaften in Tripolis angegriffen. Londons Außenminister William Hague bestätigte Meldungen über Attacken auf die leerstehende britische Vertretung und ließ den libyschen Botschafter ausweisen. Augenzeugen berichteten aus Tripolis, die italienische Botschaft brenne. Das italienische Außenministerium verurteilte „Akte des Vandalismus“. Italienischen Medien zufolge wurden die Botschaft und die Residenz geplündert. Die BBC berichtete, auch UN-Gebäude wurden von aufgebrachten Massen angegriffen. Die UN würden ihr Personal aus Tripolis abziehen.
Die Nato hatte zuvor die Berichte über einen tödlichen Angriff auf die Gaddafi-Familie nicht näher kommentiert. Man habe Kommando- und Kontrollgebäude des Regimes bombardiert, hieß es lediglich. „Ich weiß von unbestätigten Medienberichten, wonach einige Mitglieder der Familie Gaddafis getötet worden sein könnten“, erklärte der zuständige Kommandeur, General Charles Bouchard, ohne jedoch Details zu bestätigen. Alle Nato-Ziele seien militärischer Natur. „Wir greifen keine Einzelpersonen an“.
Mohammed ist der älteste Sohn und einzige Spross aus der ersten Ehe von Diktator al-Gaddafi mit Fathia Khaled. Mohammed ist von Beruf Ingenieur. Er kontrolliert 40 Prozent des libyschen Ablegers von Coca Cola. Gleichzeitig ist er Vorsitzender der staatlichen Post- und Telekommunikationsgesellschaft und darum verantwortlich für die seit Wochen andauernde Kappung von Internet und Mobilfunknetzen im Land.
Saif al-Islam, der zweite Sohn, wurde 1972 von Gaddafis zweiter Frau Safia Farkash geboren und studierte Architektur. Er galt lange als das weltoffene Aushängeschild des Regimes. Nach Beginn des Aufstands stellte er sich jedoch hinter seinen Vater und kündigte einen Kampf bis zum letzten Blutstropfen an. Saif studierte unter anderem in Wien und promovierte in London über „Kriterien für gute Regierungsarbeit“.
Al-Saadi, geboren 1973, war Profifußballer, zugleich aber berüchtigt für seine Alkohol- und Drogenexzesse. Zunächst spielte er aktiv in zwei libyschen Vereinen. Zwischen 2003 und 2007 gehörte er zum Kader dreier italienischer Fußballclubs, bei denen er nur zweimal zum Einsatz kam, jeweils eingewechselt in der letzten Viertelstunde. Gegen die Rebellen in Ostlibyen befehligt Saadi eine Eliteeinheit des Regimes.
Mutassim, Jahrgang 1975, studierte Medizin und wurde in Ägypten zum Offizier ausgebildet. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater floh er vorübergehend nach Ägypten. Später durfte er zurückkehren und gilt heute als der wichtigste Sicherheitsberater seines Vaters. Er befehligt ebenfalls eine eigene Elitetruppe. Für sie verlangte er zuletzt laut Wikileaks ein Budget von 1,2 Milliarden Dollar aus den Öleinnahmen.
Aischa, die einzige Tocher, kam 1976 zur Welt. Sie studierte Jura in Tripolis, promovierte in Paris und gehörte zu einem Team arabischer Rechtsanwälte, die den gestürzten irakischen Diktator Saddam Hussein in seinem Prozess verteidigen wollten. Mehrfach schon trat sie in Gaddafis hoch gesichertem Kasernenkomplex Bab al-Azizia auf, um an der Spitze von Regimetreuen Slogans gegen den Nato-Einsatz zu skandieren.
Hannibal, 1977 geboren, kontrolliert die libysche Seefahrtsbehörde, die sämtliche Öltransporte des Landes abwickelt. Er wurde 2008 für kurze Zeit in der Schweiz verhaftet, nachdem ihn zwei seiner Hausangestellten wegen Körperverletzung angezeigt hatten. Das Vorgehen der Schweizer Justiz löste seinerzeit eine äußerst erbitterte diplomatische Kontroverse zwischen beiden Ländern aus.
Saif al-Arab wurde jetzt laut der libyschen Führung durch eine Nato-Rakete getötet. Er verbrachte die letzten Jahre in München, wo er offiziell Medizin studierte. Hier galt der 31-Jährige schnell als Partylöwe und lebte zuletzt in einer Villa in Waldperlach. Unter anderem fiel er wegen Fahrens ohne Führerschein und Trunkenheit am Steuer auf. Nach Beginn der Unruhen kehrte er Ende Februar nach Tripolis zurück.
Khamis ist Gaddafis jüngster Sohn. Geboren 1980, befehligt er die berüchtigte 32. Brigade, die jahrelang die Bevölkerung in Bengasi tyrannisierte. Nach unbestätigten Meldungen starb er am 20. März an schweren Verbrennungen, nachdem sich ein libyscher Jetpilot auf sein Haus stürzte. Eine Woche später wurden im Staatsfernsehen Bilder von Khamis gezeigt. Rebellen zufolge sollen das Archivaufnahmen gewesen sein.
Der Nachrichtensender CNN berichtete, ein hoher US-Regierungsmitarbeiter habe sich ebenfalls zurückhaltend geäußert. Dagegen bezweifelte Russland die Darstellung der Nato, der Luftangriff in Tripolis habe nicht Gaddafi und seiner Familie gegolten. Erneut rief Moskau die Alliierten auf, ihre Militäraktionen in Libyen einzustellen.
Vor einer Woche erst hatte die Nato bei einem Angriff die persönlichen Büros des Gewaltherrschers sowie ein Protokollgebäude zerstört, in dem Gaddafi vor kurzem noch eine Delegation der Afrikanischen Union empfangen hatte. Am Samstag war eine Rakete nahe einer staatlichen TV-Station eingeschlagen, in der Gaddafi zuvor per Fernsehansprache den Rebellen einen Waffenstillstand sowie den USA und Frankreich Verhandlungen „ohne Vorbedingungen“ angeboten hatte.
Der britische Premier rechtfertigte unterdessen das Vorgehen des Militärbündnisses, wollte aber den von Tripolis behaupteten Angriff auf das Familientreffen nicht bestätigen. Auf Gaddafi zu zielen sei von der UN-Resolution 1973 gedeckt, sagte David Cameron der BBC. Denn Gaddafis Kriegsmaschine anzugreifen, diene dem Ziel, den Tod von zivilen Opfern zu verhindern.
Über Saif el Arab ist wenig bekannt, selbst das Geburtsjahr. Unterschiedliche Angaben zu seinem Geburtsjahr reichen von 1979 bis 1988. Er soll in München studiert haben, wo Saif-al-Arab mehrfach der Polizei auffiel, unter anderem wegen seines besonders lauten Ferraris und wegen Schlägereien in Nobel-Diskotheken.
Briten fordern Schutz für Vertretungen
Großbritannien und Italien äußerten scharfe Kritik an den Angriffen auf ihre diplomatische Vertretungen. Der libysche Gesandte in London wurde des Landes verwiesen. Der britische Außenminister William Hague erklärte, Libyen habe seine internationale Pflicht verletzt, diplomatische Vertretungen in Tripolis zu schützen. Nach Angaben des Ministeriums wurde das Gebäude stark beschädigt. Das italienische Außenministerium sprach von Vandalismus. Die meisten westlichen Nationen hatten ihre Vertretungen in Tripolis vor Beginn des Nato-Einsatzes geschlossen. Wegen der Unruhen bereiteten sich die verbliebenen internationalen UN-Mitarbeiter in Tripolis nach Angaben einer Sprecherin darauf vor, die Stadt zu verlassen. Es soll sich um acht Personen handeln.
Großbritannien setzte sich mit am stärksten für einen Militäreinsatz gegen Truppen Gaddafis ein. Italien war als frühere Kolonialmacht ein Freund des Machthabers, erkannte aber im Zuge der Proteste gegen Gaddafi ein Gremium von libyschen Rebellen an und hat den Rückzug des Machthabers gefordert. Deutschland beteiligt sich nicht an dem Militäreinsatz und enthielt sich bei der Abstimmung über die Resolution im UN-Sicherheitsrat.
Unterdessen gingen auch am Sonntag die Kämpfe zwischen libyschen Regierungstruppen und Rebellen weiter. So erklärten Rebellen, dass es um den Flughafen der Stadt Misrata heftige Kämpfe gebe. Die Nato setzte ihre Angriffe fort. Nach Darstellung von Oppositionellen wurden Stellungen von Gaddafi-Truppen getroffen, die die Stadt Sintan südwestlich von Tripolis angegriffen hatten.
In der Rebellenhochburg Bengasi, wo der oppositionelle Nationale Übergangsrat seinen Sitz hat, waren nach der Todesnachricht Freudenschüsse zu hören. „Sie freuen sich, dass Gaddafi seinen Sohn verloren hat“, sagte der Sprecher des Übergangsrats, Oberst Ahmed Omar Bani. Autos fuhren hupend durch die Stadt und viele Menschen riefen „Gott ist groß“.
Gaddafi hatte am Samstag einen Gang ins Exil erneut kategorisch ausgeschlossen und den USA und Frankreich Verhandlungen angeboten. „Ich habe keine offizielle Funktion, von der ich zurücktreten kann. Ich werde mein Land nicht verlassen, und ich werde hier bis zum Tod kämpfen“, sagte er im Fernsehen. Die Opposition in Bengasi wies das Angebot von Verhandlungen zurück. Auch die Nato lehnte das Angebot ab. „Wir wollen Taten, nicht Worte sehen“, sagte ein Vertreter AFP am Samstag.
Unterdessen eroberten die Regierungstruppen die Oasenstadt Dschalo rund 300 Kilometer südlich von Bengasi. Dabei wurden nach Angaben der Aufständischen sechs Menschen getötet. In der umkämpften Stadt Misrata setzten Regierungstruppen ihre Angriffe fort, dabei starben einem AFP-Korrespondenten zufolge mindestens zehn Menschen. Am späten Samstagabend waren 13 schwere Explosionen im Hafen der Stadt zu hören. Die Nato hatte Gaddafi-Einheiten nach eigenen Angaben zuvor daran gehindert, dort Seeminen zu installieren. (mit rtr/dpa/afp/fr)