In Tripolis kommen die politischen Führer der Aufständischen zusammen und wollen die Regierungsgeschäfte im Land in die Hand nehmen. Prompt sind auch ausländische Regierungen und Investoren vor Ort und umwerben die neuen Autoritäten.
Die alte, neue Fahne Libyens an einer Straßensperre in Jadu.
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Die alte, neue Fahne Libyens an einer Straßensperre in Jadu.
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KAIRO –
Es ist, wie es –fast – immer war: In Libyen drängeln sich die Diplomaten und Firmenvertreter. Früher umwarben sie Muammar al-Gaddafi und seine Untergebenen. Jetzt bemühen sie sich mindestens ebenso intensiv um die Gunst der Rebellen. Es geht um die Neuverteilung des libyschen Kuchens, und da wollen alle ein Stück abhaben. Schließlich ist Libyen ein reiches Land voller erschlossener und noch unerschlossener Öl-und Gasquellen. Zudem muss die im Krieg zerstörte Infrastruktur wieder aufgebaut werden.
Wie in den alten Zeiten ist Italien ganz vorne dabei. Rom unterhält intensive Kontakte zur Rebellenregierung, die nach eigenen Angaben mit dem Umzug von Bengasi nach Tripolis begonnen hat. Besonders aktiv ist der italienische Ölkonzern Eni. „Wir haben den Nationalen Übergangsrat am 3. April getroffen, und seitdem stehen wir in ständigem Kontakt, eng und quasi täglich“, sagte Eni-Chef Paolo Scaroni der Zeitung Corriere della Sera. „Wir waren das erste internationale Unternehmen, mit dem sich der Übergangsrat getroffen hat.“ Unterstützt werde Eni bei diesen Kontakten vom italienischen Außenministerium.
Botschafter in Berlin setzt sich ab
Vor der libyschen Botschaft in Berlin weht seit Donnerstag anstelle der grünen Fahne des Gaddafi-Libyens die alte rot-schwarz-grüne Königsflagge, die der Übergangsrat wieder zur Nationalfahne erklärt hat.
Vom Übergangsrat sei bereits der künftige diplomatische Vertreter benannt worden, erklärte das Auswärtige Amt. Die weiteren Statusfragen würden jetzt mit der Rebellenregierung geklärt.
In Deutschland ist derzeit knapp ein Dutzend Diplomaten aus Libyen gemeldet. Der alte Botschafter habe sich jedoch „zu einer Auslandsreise abgemeldet“, hieß es aus Diplomatenkreisen.
Auch Frankreich steht in engem Kontakt mit dem Übergangsrat. Präsident Nicholas Sarkozy stellt sich gerne als besonderer Freund der libyschen Revolutionäre dar. Er betont immer wieder, dass es der französische Druck war, der zum UN-Flugverbot und damit zu den Nato-Luftangriffen auf Militäreinheiten und Infrastruktur Gaddafis führte. Am Mittwoch empfing Sarkozy Mahmud Dschibril, einen führenden Vertreter des Übergangsrates, und für den 1. September lädt er die „Freunde Libyens“ zu einer großen Konferenz nach Paris ein. Auch Russland, Brasilien und Indien und China, die vor einem halben Jahr im Sicherheitsrat einer Parteinahme für die Rebellen nicht zustimmen wollten, sind eingeladen.
Die Volksrepublik bemüht sich um bessere Beziehungen zum Übergangsrat. Noch im Juli hatte Peking die Nato-Luftangriffe kritisiert. Am Mittwoch schlug das Außenministerium dann andere Töne an: Es müsse eine geordnete Übergabe der politischen Macht geben, hieß es jetzt. Diese Aussage wurde vom Übergangsrat als erster Schritt auf dem Weg zur Anerkennung der Rebellenregierung verstanden.
Der Untergang des Gaddafi-Regimes
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Der Untergang des Gaddafi-Regimes
Mitte August erobern die Rebellen einige strategisch wichtige Orte im Vormarsch auf die Hauptstadt Tripolis, darunter die Stadt Zawiya, 40 Kilometer westlich von Tripolis gelegen und Sitz einer Erdölraffinerie.
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Trauer um den Militärchef der Rebellen Abdel Fattah Junis. Er wird Ende Juli unter ungeklärten Umständen erschossen. Die Zahl der Todesopfer des Bürgerkrieges geht zu diesem Zeitpunkt längst in die Zehntausende.
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Ein wichtiger Schritt zur internationalen Anerkennung: Im Juli erklärt Großbritannien den Nationalen Übergangsrat zur einzig legitimen Vertretung des libyschen Volkes.. Gaddafis Diplomaten müssen die Botschaft in London verlassen. Zeitgleich geben die Briten auch das gesperrte Auslandsvermögen des Diktators für die Aufständischen frei. Deutschland hatte bereits einen Monat zuvor die Rebellen anerkannt. Andere Länder folgen dem Beispiel aus Berlin und London.
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Gaddafi wird als Kriegsverbrecher gesucht: Am 27. Juni erlässt der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag Haftbefehl gegen den Diktator. Ihm werden unter anderem Mord und Folter hunderter unschuldiger Menschen vorgeworfen. Er soll außerdem seine Soldaten zu Massenvergewaltigungen angestiftet haben. Dazu seien Viagra-ähnliche Potenzmittel an die Soldaten verteilt worden, berichtet der Chefankläger.
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Während die Nato in den ersten Juniwochen die schwersten Angriffe auf Libyen seit Beginn der Kämpfe fliegt, gibt sich Gaddafi gelassen. Er lässt Bilder von einem Schachspiel mit dem Präsident des Weltschachverbandes Kirsan Iljumschinow verbreiten.
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Die Staatschefs mehrerer Länder, hier Südafrikas Präsident Jacob Zuma, versuchen Gaddafi zum Rücktritt zu bewegen. Doch der bleibt eisern: In diversen Audiobotschaften ruft er Libyer immer wieder zur >>Schlacht gegen die Ratten und Kolonisatoren<< auf.
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Die Stadt Misrata 120 Kilometer östlich von Tripolis wird zum Symbol für den blutigen Irrsinn dieses Bürgerkrieges. Über Wochen toben im März und April die Kämpfe um die Stadt. Gaddafis Truppen und die Rebellen liefern sich Straßenschlachten, die Zivilbevölkerung wird zur Geisel der Kämpfer.
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Trotz der internationalen Unterstützung kommen die Rebellen nicht voran. Die Lage ist unübersichtlich, wichtige Küstenstädte wie Ajdabija sind hart umkämpft. Die Koalition greift zudem immer wieder fälschlicherweise Truppen der Opposition an.
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Ein Koalition aus französischen, britischen und US-amerikanischen Streitkräften beginnt Mitte März mit Luftangriffen auf Gaddafi-Truppen, wie hier gegen ein Waffenlager in der Nähe von Bengasi. Bis Ende August haben Nato-Mitglieder fast 20.000 Einsätze gegen Libyen geflogen, darunter 7500 Angriffe auf Regierungstruppen.
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Der Bürgerkrieg löst eine Flüchtlingswelle aus. Zuerst fliehen Zehntausende Gastarbeiter wie diese Ägypter ins benachbarte Tunesien...
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... andere versuchen, übers das Mittelmeer nach Lampedusa zu fliehen. Die Flüchtlingslager auf der italienischen Insel sind schnell überfüllt.
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Ein niederländischer Kampfjet bereitet sich für den Libyen-Einsatz vor. Anfang März beschließt die Nato ein Waffenembargo gegen das Regime Gaddafi. Die Sanktionen sollen notfalls mit Militärgewalt durchgesetzt werden.
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Gaddafi lässt die Hochburgen der Aufständischen bombardieren - auch Zivilisten sterben. Der UN-Sicherheitsrat billigt deshalb am 17. März eine Flugverbotszone. Deutschland enthält sich bei der Abstimmung über die Resolution - und wird dafür im In- und Ausland scharf kritisiert.
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Die Rebellen gründen am 27. Februar den Nationalen Übergangsrat mit Sitz in Bengasi. Dessen Chef wird Mustafa Abdul-Jalil. Der Rat wird zum Sprachrohr des Aufstands - und zum Verhandlungspartner für den Westen.
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Es ist auch in Libyen vor allem die städtische Jugend, die gegen soziale Missstände und Massenarbeitslosigkeit und für mehr Freiheit auf die Straße geht.
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Das Gaddafi-Regime reagiert mit aller Härte. Bereits in den ersten Tagen der Proteste werden vermutlich Hunderte Demonstranten von Sicherheitskräften erschossen. Doch immer mehr Polizei- und Armeeeinheiten laufen zu den Rebellen über. Aus den Protesten wird ein Bürgerkrieg.
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Die Protestwelle aus Tunesien und Ägypten schwappt auf Libyen über. In Bengasi kommt Mitte Februar es zu Zusammenstößen zwischen Aufständischen, der Polizei und Anhängern von Machthaber Muammar al-Gaddafi. Blutige Kämpfe folgen.
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Muammar al-Gaddafi ist tot. Fast 42 Jahre lang konnte sich Gaddafi bislang an der Staatsspitze Libyens behaupten. Am 1. September 1969 gelangte er durch einen Militärputsch an die Macht. Das Land führt der Despot unnachgiebig, mit kaltem Blick und Machtbewusstsein. Das Bild zeigt Gaddafi am 6. Oktober 2009 bei einer Versammlung in Sebha, 700 Kilometer südlich der libyschen Hauptstadt Tripolis. Hier wurde im Rahmen der Jahresfeiern zur Revolution an die Gruppe der Offiziere erinnert, die den Putsch initiierten.
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Linkspartei in der Krise
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Der Kampf gegen Gaddafi
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Sechs Monate nach Beginn des Aufstands in Libyen haben die Rebellen die Hauptstadt Tripolis eingenommen.
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Für Gaddafi sind seine Gegner "Verräter" und "Ratten". Er forderte einen "Marsch der Millionen" von seinen Anhängern.
Der Kampf fordert viele Opfer. Aufständische bergen einen Verletzten, der von Heckenschützen getroffen wurde, 40 Kilometer westlich von Tripolis.
Dort liegt die Raffinerie-Stadt Zawiya, in der sich die Rebellen Gefechte mit den Regime-Verteidigern lieferten.
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Zu den Leidtragenden zählen die Schwachen: Junge vor dem Lehrkrankenhaus der Küstenstadt Zawiha, ein Raketenangriff brach ihm den Arm.
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Ein verletzter Rebell wird verbunden.
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In Zawiya halten die Rebellen die Stellung gegen Regierungstruppen. Aus Tripolis fliehen die Menschen.
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Die Opposition erklärt Städte wie Zawiya und Tripolis für befreit. Auf der Hauptstraße wird der Sieg gefeiert.
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Soldaten vor einem Plakat von Gaddafi in Tripolis. (Archivbild)
Rebellen bei einer Schießübung.
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Trauer um die Toten: Ein Aufständischer trauert in Bengasi um umgekommene Kameraden.
Anhänger der Gaddafi-Gegner haben sich vor der libyschen Botschaft in Tunis versammelt.
"Spiel vorbei": Eine Gegnerin des Regimes sieht das Ende der Gaddafi-Herrschaft gekommen.
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Linkspartei in der Krise
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Seit die Rebellen in Tripolis stehen, haben zahlreiche Staaten sie als legitimen Ansprechpartner anerkannt. Viele arabische Länder hingegen hatten bisher gezögert. Schließlich müssen einige der Staatschefs fürchten, sie könnten in eine ähnliche Lage geraten wie Gaddafi.
Nun aber hat die Arabische Liga, die Gaddafis Libyen vor Monaten suspendiert hatte, den Übergangsrat offiziell anerkannt. Auch der König von Bahrain ist mit von der Partie. Er hatte erst im März im eigenen Land den Aufstand der Jugend brutal niedergeschlagen, ohne dass das Ausland ihn dafür zur Rechenschaft ziehen mochte – schließlich hat der König sein Land im Persischen Golf als Standort der Fünften US-Flotte zur Verfügung gestellt.
Wenn die ausländischen Emissäre jetzt beim Übergangsrat vorstellig werden, treffen gelegentlich sogar dieselben Personen aufeinander wie einst zu alten Gaddafi-Zeiten. So leitete Mahmud Dschibril bis zum Beginn des Aufstandes ein Institut, dessen Ziel die Förderung der Beziehungen zum Westen war. Jetzt kann er seine Arbeit – fast – nahtlos fortsetzen. (mit FR)