Die USA schließen ihre Botschaft in Damaskus und ziehen ihre Diplomaten aus Syrien ab. US-Präsident Barack Obama hält dennoch eine Lösung des Konflikts in Syrien ohne militärisches Eingreifen von außen für wichtig. Nicht in jeder Situation könne ein Militäreinsatz wie im Fall von Libyen in Betracht gezogen werden, sagte Obama am Montag. Ein Verhandlungslösung sei in Syrien möglich.
Er verteidigte die Haltung der USA angesichts des Blutvergießens dort und sagte, seine Regierung habe unablässig gefordert, dass Präsident Baschar Assad von der Macht abtrete. Obama äußerte sich in der „Today“-Show des Fernsehsenders NBC.
Der Syrische Nationalrat in Beirut und Syrer, die im Exil leben, wie der in Oxford ansässige Rami Abdel Rahman von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, bekommen ihre Informationen von Verwandten, Freunden und Oppositionelle im Land, über Skype, Telefon, E-Mails oder durch Berichte von Flüchtlingen. Auch die staatlichen Medien Syriens berichten über Unruhen, arabische Fernsehsender verbreiten Bilder. Alle diese Informationen sind mit Vorsicht aufzunehmen: Die staatlichen Medien stellen die Unruhen als Werk von Terroristen dar, die Oppositionellen verfolgen eigene Interessen: Sie hoffen auf internationale Hilfe oder wollen ein Eingreifen der Nato befördern. Al-Dschasira sitzt in Katar, dessen Emir für eine Intervention der Araber plädiert. Westliche Korrespondenten wurden aus Syrien ausgewiesen.
Freitag ist der traditionelle Feiertag in der muslimischen Welt, die Menschen treffen sich in den Moscheen. Seit Ausbruch des arabischen Frühlings fanden und finden am Tag des Freitagsgebets die größten Demonstrationen statt, so auch in Syrien. Am 2. Februar jährte sich dort zudem das Massaker von Hama: der damalige Präsident Hafis al-Assad, Vater des jetzigen Staatschefs, hatte vor 30 Jahren in der syrischen Stadt Hama einen Aufstand der islamistischen Muslimbrüder niederschlagen lassen, tausende Menschen starben. Für ältere Syrer bedeutet Hama ein Trauma.
Bisher sind allenfalls die Ränder der großen Städte Damaskus (1,7 Millionen Einwohner von landesweit insgesamt 21 Millionen) und Aleppo (1,8 Millionen) vom Aufstand erfasst. In beiden Städten konzentrieren sich die Geschäftsleute, die Beamten, die Mitglieder der Sicherheitsdienste, die Spitzen der regierenden Baath-Partei. Sie alle haben bei einem Regimewechsel viel zu verlieren. Angehörige von Minderheiten wie der Aleviten und Christen fürchten die Machtübernahme durch die sunnitische Bevölkerungsmehrheit und Islamisten. Das wird von der Opposition als Propaganda des Regimes abgetan, doch ist es ihr bisher nicht gelungen, diese Ängste zu entkräften.
Hauptstütze ist die syrische Armee mit über 420 000 Soldaten. Das Fußvolk soll – anders als die Elitetruppen – jedoch schlecht ausgebildet und miserabel ausgerüstet sein. Großen Einfluss haben die diversen Geheimdienste. In seinem Buch „Power and Policy in Syria“ rechnet der Autor und Dissident Radwan Ziadeh vor, dass auf 153 Syrer ein Geheimdienstmitglied kommt. Die Baath-Partei ist eine weitere Stütze.
Der Aufstand wird vor allem von der ländlichen Bevölkerung in den von Dürre und Vernachlässigung betroffenen Regionen Syriens getragen. Es ist zwangsläufig ein Aufstand der Jugend, weil zwei Drittel der Bevölkerung unter 26 Jahre alt sind. Inzwischen beteiligen sich auch junge Arbeitslose in den Städten, Intellektuelle sowie Studenten. Die traditionelle Exil-Opposition wie Kommunisten, Sozialdemokraten oder entmachtete Clan-Mitglieder haben sich dem Syrischen Nationalrat angeschlossen, der als Repräsentant der Opposition auftritt. Große Hoffnungen im Ausland ruhen auf den Deserteuren. Die Zahl der Offiziere und Soldaten aber, die sich bisher abgesetzt haben, beträgt nur einige Tausend.
Das Regime wird wohl nicht so schnell kollabieren, wie im Ausland gehofft wird. Am wahrscheinlichsten ist, dass der Aufstand in einen Bürgerkrieg umschlägt. Der gewaltlose Widerstand, von dem der Nationalrat in seinem Politischen Programm vom 20. November spricht, ist längst eine Illusion: Deserteure und andere bewaffnete Oppositionelle verüben immer häufiger Attentate auf Aleviten, auf Mitglieder sowie Einrichtungen des Regimes.
Die Chancen dafür oder für eine Implosion des Regimes stehen schlecht, Assad kann sich auf seine Generäle verlassen: Sie stammen aus dem Clan oder sind handverlesen; sie oder ihre Angehörigen sind geschäftlich mit dem Regime aufs engste verbunden, ihrer aller Zukunft hängt vom Überleben des Systems ab, das sie verteidigen.
Eine friedliche Transformation ist kaum noch möglich. Sollte Assad tatsächlich noch weitreichende Reformen oder gar eine Demokratisierung einleiten, würde ihm das von der Opposition als Schwäche ausgelegt und sie würde mehr fordern: den Sturz des Regimes. Eine Zukunft mit Assad an der Spitze ist weder für die Opposition, noch den Westen, noch die arabischen Nachbarn denkbar: Aus unterschiedlichen Gründen wollen sie den Sturz Assads. Damit aber geht es für Assad um Alles oder Nichts. Zudem sehen der Präsident und die Elite des Regimes sich auch nicht als delegitimiert: Sie kämpfen gegen Staatsfeinde, Terroristen – weshalb Assad auch keinen Rücktritt erwägt.
Nach Berichten privater Besucher soll es noch keine gravierenden Engpässe geben, die Versorgungslage verschlechtert sich aber zunehmend. Heizöl und Gas zum Kochen werden knapp. Der Strom werde jetzt häufiger abgeschaltet und damit auch Telefon und Internet lahmgelegt. In einigen Regionen fehle es an Medikamenten. Das Regime war jedoch über Jahrzehnte vom Westen wie auch zeitweise von den Arabern isoliert. Es ist auf solche Verhältnisse eingestellt.
Tunesien zog seinen Botschafter bereits ab. Der Präsident des Arabischen Parlaments, eines Gremiums der Arabischen Liga, forderte alle Mitgliedstaaten auf, die Beziehungen zu Syrien abzubrechen. Katar plädiert für eine Invasion. Einzig Tunesien und seiner demokratisch gewählten Regierung geht es wohl tatsächlich Demokratie. Die anderen haben weniger ehrenhafte Motive: Die zumeist sunnitisch regierten Länder möchten das alevitisch-schiitische Regime loswerden, Katar will sich politisch profilieren. Anders als das Libyen Gaddafis steht Syrien auch nicht so allein da: das Regime hat stabile Beziehungen zum Iran, Irak, Libanon. Saudi-Arabien und auch wieder die Türkei sehen die Eskalation mit Unbehagen; Russland und China fürchten um Märkte und Einfluss sowie eine größere Rolle der USA in der Region.
Ideologisch gibt es keine Verbindung zwischen Moskau und Damaskus. Russland hat ökonomische Interessen, in Tartus besitzt Moskau eine Militärbasis und es fürchtet, dass der Westen mit der Resolution – wie in Libyen – ein militärisches Eingreifen rechtfertigt. Außerdem stehen in Russland Wahlen an – weder Präsident Medwedew noch Präsidentschaftkandidat Putin wollen, dass Russland wieder vom Westen vorgeführt wird. China hat sich aus wirtschaftlichen und politischen Gründen dem Veto angeschlossen.
Großbritannien regt weitere EU-Sanktionen an
Großbritannien hat weitere EU-Sanktionen gegen Syrien ins Gespräch gebracht. Bei dem Treffen der Außenminister der Europäischen Union Ende Februar müsse über weitere Schritt gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad beraten werden, erklärte ein Sprecher von Premierminister David Cameron am Montag. Dazu gehörten auch Strafmaßnahmen. Zudem lote die britische Regierung nach dem Veto von Russland und China im UN-Sicherheitsrat gegen eine Syrien-Resolution weitere Möglichkeiten aus, um den internationalen Druck auf Assad zu erhöhen.
So sei auch eine Verurteilung der Gewalt in Syrien durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen denkbar. In dem Gremium sind alle UN-Mitglieder vertreten; es gibt keine Vetomöglichkeiten. Im Gegensatz zu Resolutionen des UN-Sicherheitsrats sind Erklärungen der Generalversammlung aber völkerrechtlich nicht bindend.
Deutschland und Frankreich wollen sich mit dem Veto Russlands und Chinas zu einer UN-Resolution über Syrien nicht abfinden. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatspräsident Nicolas Sarkozy kündigten am Montag in Paris an, zur Unterstützung der syrischen Bevölkerung eine internationale Kontaktgruppe ins Leben zu rufen.
Merkel und Sarkozy "entsetzt" über Scheitern der Resolution
Nach einem Treffen des deutsch-französischen Ministerrats äußerten sich beide „entsetzt“ über das Scheitern der geplanten UN-Resolution. Sarkozy sagte wörtlich: „Es ist ein Skandal, was da passiert. Wir sind nicht bereit, die Blockade der internationalen Gemeinschaft zu akzeptieren.“ Mit der neuen Syrien-Kontaktgruppe wolle man der dortigen Bevölkerung zeigen, „dass sie nicht alleine dasteht“.
Die beiden Veto-Mächte Russland und China hatten am Samstag im Weltsicherheitsrat eine Resolution verhindert, mit der das Blutvergießen in Syrien gestoppt werden sollte. Beide Länder wiese die internationale Empörung und Kritik zurück.
Merkel sagte dazu, Deutschland und Frankreich seien „nicht nur enttäuscht, sondern entsetzt“. Zuvor schon hatte sie Assads Rücktritt verlangt. „Präsident Assad hat an der Spitze seines Landes nichts mehr verloren“, sagte Vize-Regierungssprecher Georg Streiter im Namen der Kanzlerin. Sarkozy kündigte an, das Thema am Nachmittag in einem Telefonat mit dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew anzusprechen.
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