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18. August 2012

An der Uni: Fast 80 Prozent der Studenten schummeln

 Von Torsten Harmsen
Über 80 Prozent der Studenten schummeln und spicken. Die Universitäten müssen sich besser absichern. Foto: dpa

Universitäten müssen besser aufpassen, denn ein Großteil der Studenten betrügt im Laufe des Studiums. Sie sind kreativ, egal ob es um Plagiate, spicken oder das Erfinden von Messergebnissen geht.

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Besteht die Studentenschaft aus lauter künftigen Guttenbergs? Fast scheint es so, glaubt man einer neuen Studie. Dieser zufolge betrügen vier von fünf Studenten in ihrem Studium. Zum Alltag gehören Spickzettel, das Abschreiben beim Nachbarn, gefälschte Messergebnisse, zusammenkopierte Hausarbeiten. Etwa jeder fünfte gab schon mal ein Plagiat ab. Und 94 Prozent der Plagiatoren bleiben unentdeckt.

Das hat eine Untersuchung ergeben, die Soziologen der Universitäten Bielefeld und Würzburg im Auftrag des Bundesbildungsministeriums durchführten. Für die sogenannte Fairuse-Studie befragten die Forscher in den Jahren 2009 bis 2012 in mehreren Wellen zwischen 2 000 und 6 000 Studenten, sowie 1 400 Dozenten. Das Ganze geschah anonym.

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Über das Fälschen und Erfinden von Messergebnissen redet kaum jemand

Im September dieses Jahres soll die Studie vollständig publiziert werden. Das Studentenmagazin Zeit Campus hat bereits exklusiv Daten veröffentlicht. Sie zeigen unter anderem, dass die meisten Plagiate in Arbeiten von Ingenieurstudenten vorkommen. „Fast jeder dritte hat es mindestens ein Mal im vergangenen Semester getan“, sagt Sebastian Sattler, Soziologe an der Universität Bielefeld und Leiter der Studie.

Ein Drittel aller Naturwissenschaftler fälscht oder erfindet Mess- und Untersuchungsergebnisse. Über diese Form des Betrugs rede niemand, kritisiert Sattler. Mediziner wiederum sind Spitzenreiter beim Klausur-Betrug. Mehr als 65 Prozent gaben anonym an, vom Nachbarn abzuschreiben. Quer über alle Fächer sind es 37 Prozent der Studenten.

Eine eigene kleine, nicht repräsentative Umfrage unter Studenten hat ergeben, dass es nichts Außergewöhnliches sei, „während einer Klausur mal zum Nachbarn rüberzuschielen“. Dies sei aber noch kein großer Betrug, sagt eine Studentin, die anonym bleiben will, sondern „eher eine Absicherung, ob man alles berücksichtigt hat“. Der regelmäßige Betrug sei eher der, nicht bei Kursen anwesend zu sein und sich dafür von einem Kommilitonen in die Liste eintragen zu lassen. Zwei Studentinnen sagten, dies sei „selbstverständliche Praxis, genauso wie Spickzettel, die während der schriftlichen Prüfungen als Gedächtnisstütze gedient haben“.

Dabei machen viele Universitäten ihren Studenten das Schummeln schwer. Eine Medizinstudentin aus Münster wundert sich sogar, dass dies gerade in ihrem Fach bei Klausuren so verbreitet sein soll. „Seit drei Semestern schreiben wir unsere Prüfungen computerbasiert“, sagt sie. Man bekomme alle Multiple-Choice-Fragen auf dem Bildschirm präsentiert und entscheide sich per Mausklick für die richtige Antwort. „Zu diesem Zweck werden im Histologie-Saal, wo sich genug Computer befinden, Wände zwischen den PCs aufgebaut, so dass jeder Student von seinem Nachbarn abgeschirmt ist.“ Außer einer Trinkflasche dürfe man auch nichts auf dem Tisch haben. Für Notizen würden gesondert gekennzeichnete Zettel verteilt, in verschiedenen Farben.

Auch die Fairuse-Studie fragte nach der Verantwortung der Hochschulen selbst, Betrug zu verhindern. Heraus kam, dass die meisten Dozenten nicht so genau hinschauen. „Viele Professoren sorgen sich um das Lernklima“, sagt Studienleiter Sebastian Sattler. Sie scheuten sich, grundsätzlich alle Arbeiten auf einen möglichen Betrug hin zu überprüfen. Außerdem hätten – oder nähmen sich – Wissenschaftler nur wenig Zeit für die Lehre. Weniger als ein Viertel der Dozenten gab an, Teile von Hausarbeiten stichprobenartig zu googeln. Die Nutzung von Plagiatssoftware ist nach Auffassung der Autoren der Studie oft nur eine Insellösung einzelner Fachbereiche. Und nur jeder dritte Dozent verteilt unterschiedliche Klausurversionen, um das Abschreiben zu erschweren.

Hinzu kommt, dass auch nur ein Drittel der Studenten das Gefühl hat, sich gut mit akademischen Methoden auszukennen. „Am wichtigsten ist es, wissenschaftliches Arbeiten und ein Verständnis dafür zu lehren“, sagt Sattler. Diese Aufgabe dürfe man nicht studentischen Tutoren überlassen. Studenten müssten über solide Methodenkenntnisse und Lernstrategien verfügen, um sauber zu arbeiten. Auch zufriedene Studenten schummeln seltener, ergab die Studie. Zum Täuschen neigt, wer unter starkem Druck, Stress oder Prüfungsangst leidet.

Apropos Druck: Dieser kommt auch auf ganz andere Weise. So forderte erst Anfang August der Deutsche Hochschulverband, im Strafgesetz einen Tatbestand „Wissenschaftsbetrug“ zu schaffen. Die Interessenvertretung von 18 400 Hochschullehrern will damit gegen Ghostwriter vorgehen, die für Studenten und Doktoranden Abschlussarbeiten zur Erlangung eines akademischen Grades oder Titels schreiben. Dafür soll es eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe geben, heißt es in dem Gesetzesvorschlag. Neben den Verfassern soll es auch jene treffen, die solche Arbeiten als eigene ausgeben, ohne Urheber zu sein.

Für Wissenschaftsbetrug soll es künftig bis zu zwei Jahre Haft geben, lautet ein Vorschlag

Die Autoren der Fairuse-Studie setzen dagegen vorwiegend auf Selbstkontrolle der Unis, und auf „Honor Codes“ nach amerikanischem Vorbild, die richtiges und falsches Verhalten klar benennen. Gut die Hälfte der befragten deutschen Studenten hält das Plagiieren für moralisch falsch. Beim Abschreiben sind es 42 Prozent. Es könnten weitaus mehr sein.

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